Kita in Korntal-Münchingen Kindergarten als Abenteuerhof: Wo sich das Leben noch draußen abspielt

Von Sabine Hübner
Natur- und Tierkindergärten werden immer beliebter – wie der „Sonnenwirbel“ in Münchingen. Foto: Sabine Hübner

Wo der Esel „Iiiaaah“, schreit, die Hühner gackern und fast das ganze Leben sich im Freien abspielt: Eindrücke aus dem Wald- und Tierkindergarten Sonnenwirbel in Münchingen.

Jeden Tag unter freiem Himmel spielen, singen und schaffen, den Jahreslauf mit der Natur erleben, Tiere füttern und Stall ausmisten, Gemüse anpflanzen und dabei noch jede Menge anderer Dinge fürs Leben lernen: Natur- und Tierkindergärten werden immer beliebter. Ursprünglich aus privaten Initiativen entstanden, gibt es sie zwischenzeitlich als kommunale Einrichtungen in beinahe jeder größeren Gemeinde im Umland. Einer der ältesten unter ihnen gehört zu Münchingen, liegt an der Ortsumgehung Richtung B10 und heißt „Sonnenwirbel“. Der Eintritt durch das hölzerne Tor fühlt sich an wie der Eintritt in eine andere Welt.

Vorbei an einem Kräuter- und Gemüsegarten unter Mispeln und Pfirsichbäumen hindurch geht es auf den inneren Teil des knapp 30 Ar großen Hauptgeländes zu, das aussieht wie eine Mischung aus Bauernhof und Abenteuerspielplatz. Holzlager, Sandmulde, Backhäusle, Geräteschuppen, Holzofen, die „Gartenwirtschaft“ für die Mahlzeiten in den wärmeren Monaten, ein Bauwagen für dieselben im Winter, ein Aufenthaltsraum für Elterngespräche, mit PC, Drucker, Wickeltisch.

Es ist ein Leben in der Natur und ein Lernen durch die Natur, sagt Erzieherin Nadja Abedi. Foto: Sabine Hübner

Benjamin Seifried, der den Kindergarten vor 24 Jahren mit seiner Mutter gegründet hat und seit 2020 allein verantwortlich zeichnet, ist umgeben von Kindern. Bastian (4), Milo (3), Liam (5) und Fabi (5) haben die Besucherin von der Zeitung entdeckt. Konrad (3) erklärt, dass im hinteren Teil des Geländes Tiere wohnen. Drei Hasen sind in einem Riesenkäfig, der einmal eine Vogelvoliere war. Diese gehört zu einem der anstehenden Elternprojekte, die bis auf zwei Termine im Jahr – der Frühjahrsputz und der Sonnenwirbel-Stand auf dem Münchinger Adventsmarkt mit der legendären Holzkessel-Feuerzangenbowle – freiwillig sind.

Auch eine Eselin wohnt auf dem Gelände der Sonnenwirbel in Münchingen

„Das hier ist Jula“, erklärt Lisa (6) und zeigt auf eine Eselin, die, wie zwei Kühe und fünf Schafe, hier ebenfalls ihren Stall und nebenan ihre Koppel hat und zur Begrüßung „Iiih-Aaah“ macht. Lisa kichert und hält sich die Ohren zu. Sie ist eines der sechs zukünftigen Schulkinder in der zurzeit 19-köpfigen Gruppe und hat sich am traditionellen Handwerkerfest zu Fasching das Kostüm einer Bäckerin ausgesucht. „Wir durften Fastnachtsküchle ganz alleine backen“, erklärt sie. „Und ich war Schmied“, sagt Leni (6), womit sie sich für das Königshandwerk entschieden hatte, das nur den Schulkindern zusteht. Hier wird nämlich am echten Feuer echtes Eisen glühend verformt, zu einfachen Buttermessern zum Beispiel, unter der Aufsicht von Chefschmied Seifried, versteht sich.

Wie alle Großen wird auch sie, bevor sie in die Schule kommt, ihren eigen Apfelbaum pflanzen. „Die ältesten Schulkinderapfelbäume sind 20 Jahre alt“, erzählt Seifried. 120 seien es bereits. Erst kürzlich habe eine junge Frau nach ihrem Baum geschaut. Mit Feldern, Heu-, Streuobstwiesen und Koppeln umfasst das Vereinsgelände rund vier Hektar eigenes und gepachtetes Wiesen- und Ackerland.

Diesem entspricht auch das Gesamtkonzept. Hier fügen sich Mensch, Tier und Natur entlang der Jahres- und Lebenszeitrhythmen in ein harmonisches Ganzes. Es werden Tomaten im Gewächshaus, Knoblauch und Erdbeeren angebaut, Holzofenbrot gebacken, Marmelade gekocht. Den ganzen Sommer über gibt es eigene Salatköpfe, etwas später dann selbst eingestampftes Sauerkraut. Karotten und Kartoffeln werden angebaut, die Tiere auf die Weidekoppeln gebracht. Es wird Heu gemacht und Holz aufgeschichtet, das die Schulkinder aus dem Brennholzhäusle zu den Holzöfen bringen, damit im Winter ordentlich eingeheizt werden kann.

Kinder wachsen zwischen Tieren auf – und sammeln die Eier ein

Und immer wieder macht es „Gooack!“, wenn eines der 20 Hühner quert, deren Eier die Kinder einsammeln. Aber das Beste an ihrem Kindi sei, sagt Hugo, „dass man so viel draußen sein darf und herumrennen kann.“

Am Stall schnattern zwei Gänse aufgeregt. „Sie schimpfen bei fremden Gesichtern“, sagt Erzieherin Nadja Abedi (34) und lächelt, „als Wachhund sind sie besser als jeder echte Hund.“ Die studierte Elementar- und Sozialpädagogin ist Seifrieds Stellvertreterin und könnte sich keinen Kindergartenalltag mit geschlossenen Räumen vorstellen. „Die Kinder nehmen eine elementare Lebenspraxis von hier mit“, sagt sie, „sie erleben die Jahreszeiten viel intensiver. Kälte, Sonne, Ernte, Vorsorgen für den Winter. Es ist ein Leben in der Natur und ein Lernen durch die Natur.“

Was über den Eigenbedarf hinausgeht, wird freitags gegen Spende an die Eltern weitergegeben. „Herr Seifried“ – die Kinder nennen die Erwachsenen aus pädagogischen Gründen beim Nachnamen – hatte anfänglich einige Semester Agrarwirtschaft studiert und kann hier seine handwerklichen Begabungen an die Kinder weitergeben. Für diese ist der gebürtige Münchinger eine Respektsperson, was dem 46-Jährigen auch besonders wichtig ist. „Kinder brauchen Orientierung und Vorbilder“, erklärt er, „jemanden, von dem sie sagen können: So will ich auch mal werden. Wenn sie das nicht haben, gibt es Chaos.“

Milo, Adya, Marissa und Mia, alle vier Jahre alt, machen sich mit Kita-Zusatzkraft Franziska Aichinger (47) auf zum Kräutersammeln im hinteren Teil des Geländes. „Die sind für unseren Tee“, erklärt sie. „Brennnesseln und Giersch haben wir bereits, jetzt sammeln wir Gänseblümchen und Schafgarbe.“ Mit den Gänseblümchen wird FSJ-lerin Finja Reuschle (19) später außerdem einen im Backhäusle zubereiteten Kuchen schmücken, und die Kräuter werden für den Winter getrocknet, für Tee oder die Dienstagssuppe, die Hauswirtschaftlerin Nazanin Morabi zubereitet. Der Kindergarten-Alltag besteht zum großen Teil aus Ritualen und Liedern. Das gibt den Kindern eine verlässliche Struktur.

Während die Reporterin durch das hölzerne Tor das Gelände verlässt, ist helles Glöckchengeläut und ein Aufräumlied zu hören. Ach, lass mich noch einmal Kind sein, geht es der Reporterin durch den Kopf.

Info

Die Kosten
Eltern bezahlen pro Kind monatlich bis zu 300 Euro Gebühren. In der Kita arbeiten insgesamt zwei pädagogische Fach-Vollkräfte, eine Zusatzkraft, eine Hauswirtschafterin, ein Hausmeister und Finja, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolviert. Nach Angaben von Waldorfpädagoge Seifried beträgt der Anteil der Betriebs- und Investitionskostenübernahme durch die Stadt Korntal-Münchingen um die 60 bzw. 50 Prozent, bei begründeten Defiziten entsprechend mehr. Den Rest erwirtschaftet die Einrichtung über die Kitagebühren.

Die Zahlen
Es gibt 487 Kindertageseinrichtungen im Landkreis Ludwigsburg (Stand März 2026). Davon sind 41 Natur- und Tierkindergärten. In Korntal-Münchingen gibt es außer dem „Sonnenwirbel“ noch die „Kleine Arche“ der evangelischen Brüdergemeinde Korntal. Zahl der Kindertageseinrichtungen im Landkreis Böblingen (Stand April 2026): 359. Davon Natur- und Tierkindergärten: 26.

 
 
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