Das Austauschen eines kaputten Druckknopfs an einem Anorak ist gar nicht so schwer. Voraussetzung ist Lust auf Handarbeit, Nadel und Garn und gegebenenfalls eine geeignete Druckknopfzange. Mit Letzterem konnte die Kittelflickerei am Donnerstagabend nicht dienen. „Ich kann sie einfach nicht finden“, sagt Lucie Orliange. Weißt du vielleicht, wo sie sein könnte, Mona?“ Auch Mona Jeuk weiß leider keinen Rat. Doch das hält die Frauen nicht davon ab, den Knopf herauszulösen und einen neuen einzusetzen. Brigitte Ludwig ist eine erfahrene Näherin, die sich von fehlendem Spezialwerkzeug nicht aufhalten lässt. Letztendlich ist der Druckknopf ersetzt, die Winterjacke bereit für den baldigen Einsatz und die Besitzerin glücklich.
Kittelflickerei in Freiberg Wo Kittel, Jeans und Anoraks geflickt werden
Im Bürgertreff in Freiberg bieten fünf Frauen an, bei der Reparatur von Kleidung zu helfen. Es menschelt bei jedem Treffen aufs Neue zum Surren der Nähmaschinen.
Es sind vor allem die kleinen Erfolgsgeschichten und der soziale Austausch, die die Treffen der Textil-Reparaturwerkstatt Kittelflickerei in Freiberg ausmachen. Der Treff ist ehrenamtlich organisiert und Teil von „Bürger für Bürger“.
Die Anfänge inmitten von Corona
Die Idee zum Konzept kam Mona Jeuk 2020. Eigentlich habe sie sich der Spielzeug-Reparaturwerkstatt mit ihrer Nähmaschine anschließen und Textil-Reparaturen anbieten wollen. „Die Termine fanden damals im Werkraum der Oscar-Paret-Schule statt“, sagt die Initiatorin der Kittelflickerei. „Aber so eine raue Werkbank ist für Stoffe nicht so toll“, so ihre Bedenken. Ohne einen festen Ort für die geplanten Treffen zu haben, dafür aber bereits zu zweit mit Brigitte Ludwig, fing Jeuk an, Material zu sammeln. Denn um etwas reparieren zu können, braucht man ausreichend Equipment.
Mit Maske und Trolley sei sie durch Freiberg gezogen und habe die angemeldeten Materialien eingesammelt. „Es war schließlich inmitten der Corona-Pandemie.“ Erste Termine fanden im Folgejahr im alten Bürgertreff in Freiberg-Heutingsheim statt – inklusive der Hygieneauflagen, die damals galten. „Im ersten Jahr kam Christiane Bildmann als Besucherin – und hat uns seitdem nicht mehr verlassen“, berichtet Jeuk. „Ich bin eigentlich nicht die beste Näherin, aber es gibt auch drumherum viel zu tun. Jede trägt eben bei, was sie kann“, sagt Bildmann und lacht. Ihr Spezialgebiet seien Knöpfe. „Sie findet immer den passenden Knopf für jeden Anlass“, verrät Jeuk. Und prompt zeigt Christiane Bildmann einen Teil der Knopfsammlung der Kittelflickerei – feinsäuberlich sortiert in Vorratsbehältern. „Da sind auch ganz Besondere dabei, die auf ihren Einsatz warten“, sagt sie. Da jedoch sehr viele Materialspender und -spenderinnen Knöpfe mitgebracht haben, gibt es wirklich mehr als genug. „Manchmal benutzen wir sie auch als Füllmaterial, wenn das Teil ein wenig Schwere braucht“, sagt Jeuk. Zweckentfremden ist ausdrücklich erlaubt. So können aus alter Bettwäsche Stoffservietten entstehen und aus ausrangierten Jeanshosen eine Patchwork-Jacke. Letztere sei Mona Jeuks Meisterstück, schwärmt Bildmann und zeigt begeistert das Unikat.
Nach den Treffen in Heutingsheim kam es zum Umzug in den Ortsteil Geisingen, ins Alte Feuerwehrhaus. Als neues Teammitglied kam damals Fatma Cam dazu. 2023, bereits in der finalen Heimat der Kittelflickerei, im neuen Bürgertreff, kam Lucie Orliange dazu und komplettierte das Team. „Ich kam vom Fairtrade-Gedanken her, es ging mir um Nachhaltigkeit. Dass ich hier Freundinnen finde, ja eine richtige Clique, damit habe ich nicht gerechnet“, sagt Jeuk. Und der Zusammenhalt der fünf Frauen ist beim Besuch der BZ regelrecht zu spüren. Zufriedenes Tratschen, herzliches Lachen und leises Surren der Nähmaschinen: So klingt die Kittelflickerei.
Die Menschen, die das Fünferteam aufsuchen, kommen aus verschiedenen Gründen. „Manche sind erfahrene Nähererinnen, haben aber keine Nähmaschine“, sagt Jeuk. Man reserviere diesen Frauen dann einfach eines der drei Geräte, die sich die Kittelflickerei angeschafft hat. Das Geld dafür stammt aus Spenden von zufriedenen Kunden oder aus dem Standgeld auf den „AltStoffFlohmärkten“ (siehe Infobox).
Andere brauchen Hilfe beim Reparieren. Gerne greifen die Frauen ein, versuchen aber die Menschen einzubeziehen, ob es ums Auftrennen einer Naht geht oder darum, einen Stoff zurechtzuschneiden. „Viele schauen im Internet, wie es geht. Es ist bei Textilien ja nicht so wie bei Elektrogeräten, dass die Reparatur vom Profi erledigt werden muss“, sagt Jeuk. Trotzdem freue sich das Team immer auf Menschen, die vor Ort etwas lernen wollen. Ein Fall einer jungen Frau sei Mona Jeuk im Kopf geblieben. Sie habe sich beibringen lassen, wie man eine Jeans flickt. „Ich hatte richtig das Gefühl, ihr etwas für die Zukunft mitgeben zu können.“
Der soziale Faktor ist wichtig
Nicht selten gehe es bei den Besuchen auch um die Gesellschaft, ein nettes „Schwätzle“ bei einer Tasse Tee. „Wie wichtig der soziale Faktor ist, merkt man bei vielen Projekten von ‚Bürger für Bürger’“, sagt Jeuk.
Wichtig ist dem Team zu betonen: „Wir sind keine gelernten Schneiderinnen und wollen keine kostenlose Konkurrenz für Berufsschneider sein.“ Erfahrung sei vorhanden, jedoch aus dem Alltag. „Ich habe Nähen als etwas Praktisches gelernt, teils in der Schule, teils von meiner Mutter“, sagt Jeuk. Bildmann erzählt, dass in ihrer Kindheit fast alles für die Kinder selbst genäht worden sei. „Es war schlichtweg billiger, selbst zu nähen. Mittlerweile ist es umgekehrt.“ Beide Frauen sagen, dass sie sich eher der Reparatur von Kleidung widmen, weniger dem Nähen neuer Teile.
Ein Herzensprojekt: Der „AltStoffFlohmarkt“
Der erste „AltStoffFlohmarkt“ der Kittelflickerei fand im Mai 2022 statt. Damals mit sechs Verkaufstischen und unter Corona-Auflagen. Mittlerweile wurde der Markt schon zum siebten Mal organisiert. Bei Letzten mit stolzen 25 Ständen.
Wann, wo, wie?
Die Treffen der Kittelflickerei finden im Bürgertreff, Marktplatz 14 in Freiberg statt. Die nächsten Termine: Donnerstag, 13. November, 18 bis 20 Uhr; Samstag, 13. Dezember, 15 bis 17 Uhr. Wer sicher gehen will dranzukommen, meldet sich an unter Telefon (07141) 70 73 86 oder auch per E-Mail an: kittelflickerei@gmail.com. Mehr Infos gibt’s unter: www.kittelflickerei.wordpress.com
