Klinikum Ludwigsburg Zeit als lebensrettender Faktor

Von Gabriele Szczegulski
Im Kreis Ludwigsburg wurden acht Rettungswagen mit dem Schnelltest zur Diagnose von Hirnblutungen ausgestattet, nun folgten vier Rettungshubschrauber in Stuttgart, Karlsruhe, Niebüll und Rendsburg. Dr. Love-Preet Kalra (Mitte) brachte die Ausstattung persönlich nach Niebüll zu Notfallsanitäterin Melina Stührk (links) und Hubschrauberarzt Dr. Carsten Thee (rechts). Foto: /Rettungsstation Niebüll

Dr. Love-Preet Kalra, Assistenzärztin am Klinikum Ludwigsburg, erhält einen Preis für die Forschung zu schnellen Bluttests zur Diagnose von Hirnblutungen.

Für die Notfallversorgung ist die Entwicklung bahnbrechend: Prof. Dr. Christian Förch, Ärztlicher Leiter der Klinik für Neurologie am RKH-Klinikum Ludwigsburg, und seine Assistenzärztin Dr. Love-Preet-Kalra haben eine Möglichkeit zur schnelleren Diagnose von Hirnblutungen und Großgefäßverschlüssen bei Schlaganfallpatienten schon im Rettungswagen oder im Rettungshubschrauber entwickelt. „Diese Forschung hat das Potenzial, die Versorgung schwer betroffener neurologischer Notfallpatienten grundlegend zu verbessern. Zeit ist in diesen Situationen ein entscheidender Faktor – je früher die richtige Behandlung beginnt, desto besser sind die Überlebens- und Genesungschancen“, sagt Förch.

Love-Preet Kalra, seine Assistenzärztin im RKH Klinikum in Ludwigsburg, ist, seit sie bei ihm am Klinikum der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt studiert hat und bis heute, für die Studien zu dem Test zuständig. Und genau dafür bekam die 32-Jährige als bisher jüngste Preisträgerin nun den renommierten Robert-Wartenberg-Preis. Sie ist eine der wenigen, die den Preis bereits in der Phase der Facharztausbildung erhalten haben. Sie habe sich, laut Preisjury, um die Forschung und konkrete Anwendung der Tests verdient gemacht.

Grundlage für den Test ist der Nachweis eines speziellen Eiweißes – des sogenannten GFAP (Gliafaserproteins) –, das bei Blutungen im Gehirn innerhalb kürzester Zeit in hoher Konzentration im Blut nachweisbar ist. Mithilfe dieser neuen Schnelltestgeräte kann dieser Wert innerhalb weniger Minuten bestimmt werden. Dadurch kann man sowohl Hirnblutungen erkennen als auch bei schwerbetroffenen Schlaganfallpatienten Hirnblutungen ausschließen und somit Großgefäßverschlüsse nachweisen. Für Patientinnen und Patienten bedeutet diese Entwicklung einen entscheidenden Fortschritt: Rettungsdienste und Notärzte könnten künftig bereits am Einsatzort oder während des Transports eine erste diagnostische Einschätzung treffen. Dadurch lassen sich lebenswichtige Maßnahmen – etwa die gezielte Blutdruckkontrolle oder die direkte Zuweisung in eine geeignete Klinik mit neurochirurgischer und neuroradiologischer Versorgung – deutlich schneller einleiten.

Patienten mit Schlaganfällen, dazu zählen auch Hirnblutungen, gehören zu den zahlenmäßig meisten Patienten in Rettungswägen. Dabei ist es für die spätere und möglichst schnelle Behandlung wichtig, zu wissen, ob es sich bei den Beschwerden um ein geplatzes Blutgefäß, also eine Hirnblutung, oder ein verstopftes Gefäß, also einen Hirninfarkt, handelt. Bisher gab erst im Krankenhaus eine CT-Untersuchung Aufschluss – für manche Patienten ist diese Zeitverzögerung fatal, sagt Kalra. „Der Rennfahrer Michael Schumacher ist ein prominentes Beispiel. Vielleicht wäre es möglich gewesen, ihn schneller gezielt zu versorgen und damit seine Genesung positiv zu beeinflussen, hätte es unseren Bluttest schon gegeben“, so Kalra im Gespräch mit der BZ. Der Rennfahrer war 2013 auf einer Skipiste in den französischen Alpen verunglückt und es dauerte einige Zeit bis zu seiner Versorgung im Krankenhaus.

Durch die schnelle Differenzierung könne der Rettungsdienst, ist er mit dem GFAP-Schnelltest ausgestattet, der behandelnden Klinik vorab entscheidende Hinweise auf die Art der Blutung geben. Bei den Hinrninfarkten, also verstopften Gefäßen, müsste schnellstmöglich eine Blutgerinnsel auflösende Therapie (Thrombolyse-Therapie) oder eine Thrombektomie erfolgen.

Folgestudien in acht Rettungsfahrzeugen im Landkreis

Um zu belegen, dass dieser Schnelltest lebensrettend ist, führte Dr. Kalra mehrere Studien durch, an 143 Komapatienten und an 353 Schlaganfallpatienten. Diese Studien belegten, dass der Schnelltest und damit die bessere Versorgung den Verlauf der Krankheit positiv beeinflusse. Aktuell wird die Forschung weiter vorangetrieben: Für Beobachtungssstudien sind schon acht Rettungsfahrzeuge im Landkreis Ludwigsburg und vier Rettungshubschrauber bundesweit mit entsprechenden Schnelltestgeräten ausgestattet worden. Kalra selbst hat mittlerweile 80 Rettungssanitäter in der Anwendung des Testes geschult.

Zudem werden derzeit sogenannte Vollblutkartuschen getestet, die ohne Zentrifugierung in Plasma und Blutzellen das gesamte Blut auf das GFAP untersuchen können. „Wir verbessern ständig die Handhabung und sind momentan an der Gestaltung einer App, mit der das Rettungsteam bestimmte Parameter und die Wahrscheinlichkeit einer Hirnblutung oder Großgefäßverschlusses besser ermitteln kann“, so Kalra.

Vor allem in ländlichen Regionen, wo der Weg zur nächsten Klinik weit ist, könne dies für viele Schlaganfall-Patienten lebensrettend sein. Deshalb werden, so Kalra, die nächsten Studien auch in ländlichen Gebieten durchgeführt, wo mit anderen Kliniken zusammengearbeitet wird. „Klinische Forschung ist so wichtig für die Verbesserung der Patientenversorgung“, so Love-Preet Kalra.

Ein Schlaganfall ist ein medizinischer Notfall, verursacht entweder durch einen Hirninfarkt durch Gefäßverschluss oder eine Hirnblutung durch einen Gefäßriss. Beide führen zu Sauerstoffmangel im Gehirn, wobei Hirnblutungen oft schwerer verlaufen. Typische Symptome sind plötzliche Lähmungen, Sprachstörungen und Schwindel. Sowohl beim Hirninfarkt als auch bei der Hirnblutung kommt es zu einer Minderdurchblutung der dahinterliegenden Hirnareale und somit zu einer Minderversorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen. Bei der Hirnblutung schädigt der Druck des austretenden Blutes das umliegende Gewebe zusätzlich. Je nach der betroffenen Hirnregion entstehen dadurch Störungen oder Ausfälle verschiedener Körperfunktionen und häufig bleibende Behinderungen. Auch ein geplatztes Aneurysma kann der Auslöser für eine Gehinrblutung sein.

Bisher wurde ein Verdacht auf Schlaganfall duch den FAST-Test erkannt, den der Notarzt durchführt. Das Gesicht, Arme, die Sprache und die Zeit, seit der Anfall passierte, werden dokumentiert.

Die tatsächliche Unterscheidung der Ursache erfolgt bisher im Krankenhaus via CT oder MRT. Hirninfarkte werden oft durch Gerinnselauflöser behandelt, Hirnblutungen erfordern eine Senkung des Blutdrucks und gegebenenfalls neurochirurgische Eingriffe.

Dr. Love-Preet Kalra wurde in Offenbach als eines von drei Kindern einer indisch-deutschen Familie geboren, sie studierte Humanmedizin in Frankfurt bei Professor Dr. Christian Förch und arbeitet danach als Assistenzärztin im Klinikum Gießen. Als Förch die Leitung der Klinik für Neurologie in Ludwigsburg übernahm, folgte Kalra ihm.

 
 
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