Der Weihnachtsbaum erstrahlt unter hunderten von kleinen Lichtern. Die Geschenke liegen unterm Baum, es duftet im ganzen Haus nach dem Weihnachtsessen, das die Mutter mit einem Lächeln auf den Lippen zubereitet. Die Verwandtschaft ist angereist, alle haben sich herausgeputzt. Die Konversation zu Tisch läuft hervorragend – bis Tante Frieda nach den Kindern fragt, die ihre Nichte doch endlich zeugen soll, „du wirst ja auch nicht jünger.“ Daraufhin schreit der kleine Noah „Arschloch“ durch den Raum – Oma Paula ist entsetzt ob dieses vulgären Wortschatzes. Großcousin Georg findet obendrein, dass der 23-jährige Hendrick doch endlich mal ausstudiert haben könnte, um auf eigenen Beinen zu stehen.
Kommunikation an Weihnachten Warum das Wie entscheidend ist
Die systemische Familientherapeutin Britta Stöhr gibt Tipps, wie gute Gesprächsführung unterm Weihnachtsbaum gelingen kann.
Am beschriebenen Szenario ist alles so herrlich, dass sofort auffällt, dass es ein erfundenes Szenario ist – bis auf die Konversation am Schluss. Die kommt wohl so einigen bekannt vor. Unterhaltungen an Weihnachten können uns vor Probleme stellen. Verschiedene Charaktere treffen aufeinander, die Stimmung kann kippen. Die BZ hat sich mit Britta Stöhr aus Sachsenheim unterhalten und Tipps für das Zusammentreffen der Familie zu Weihnachten eingeholt. Die systemische Einzel-, Paar- und Familientherapeutin hat ihre Praxisräume in Bietigheim-Bissingen und so einige Tipps parat, die auch abseits der Weihnachtsfeiertage helfen können.
Wie ist wichtiger als was
„Was man anspricht ist weniger wichtig als wie man es anspricht“, sagt Britta Stöhr. Das Hauptproblem am Weihnachtsfest sei, dass die meisten riesige Erwartungen an die Feiertage und deren Ablauf haben – im besten Fall fußen diese auf schönen Erinnerungen aus der Kindheit. „Weihnachten hatte als Kind etwas Zauberhaftes“, führt sie aus. Der Baum kam einem riesig vor, die schönen Weihnachtslieder und -filme gaben einem ein wohliges Gefühl, das Warten auf die Geschenke, auf das Essen, auf das Zusammentreffen mit Cousinen und Cousins, „alles war aufregend.“ Auch als Erwachsener habe man noch immer den Wunsch nach diesem Zauberhaften, diesem wahrlich Weihnachtlichen. Zumeist empfindet man aber etwas ganz anderes: Stress.
„Bei den allermeisten Familien ist eben nicht alles ‚Friede, Freude, Eierkuchen’. Konfliktthemen gibt es immer“, sagt Stöhr. Die Expertin rät dazu, heikle Themen nicht gerade an Weihnachten anzusprechen und sich auf unangenehme Fragen, die schon häufiger bei solchen Zusammenkünften gestellt wurden, vorzubereiten. Man kann sich eine Antwort parat legen, etwa „Darüber möchte ich an Weihnachten nicht sprechen“ oder „Das Thema passt vielleicht ein andermal besser.“ Wichtig sei, so Stöhr, dass die Aussage immer freundlich, aber eben doch bestimmt ist. Gibt es dann doch mal Zoff, greift die innere Stopp-Regel: für drei Minuten verschwinden, um durchatmen zu können. Kurz auf die Toilette gehen, nach der köchelnden Soße schauen, Getränke aus dem Keller holen.
Außerdem rät sie mit wohlwollendem Interesse in die Gespräche zu gehen, ganz nach dem Motto: „Fragen statt Sagen.“ Dabei gehe es natürlich nicht ums Aushorchen. Das Zauberwort sei Zuhören. „Zuhören können viele nicht mehr gut“, sagt die Therapeutin.
Wichtig sei dabei, nicht die Sätze des Gegenübers zu beenden, sondern die Person aussprechen zu lassen. Auch Kinder und Jugendliche. „Das kann für beide Seiten entlastend und entschleunigend sein“, findet Stöhr. Es gehe ums aktive Wahrnehmen, Interesse zeigen. „Man kann die Konversation mit einer Prise Humor auflockern.
Auf ein vom Kind aufgeschnapptes Schimpfwort kann ich auch mit Gelassenheit und einem Augenzwinkern reagieren; das Unerwartete tun und dem Unerwünschten gar nicht so viel Aufmerksamkeit geben“, sagt Stöhr. Gefragt sei „der milde Blick auf andere und sich selbst.“
An der inneren Haltung arbeiten
Das heißt auch, an der eigenen inneren Haltung zu arbeiten: „Viele haben riesige Erwartungen, wenn es ums Weihnachtsfest geht.“ Noch dazu hat jeder seine eigenen Traditionen, die zum gelungenen Weihnachtsfest dazugehören. Die einen bauen den Weihnachtsbaum erst am 24. Dezember auf, manche legen erst kurz vor knapp die Geschenke unter den Baum, bei wieder anderen gibt es immer die aufwändige Gans mit Rotkohl und Klößen. „Die meisten würden sich darüber freuen, einfach nur entspannt beieinander zu sein. Wir sollten aufhören, uns an Erwartungen zu klammern, die nicht erfüllt werden können.“
Helfen könnte dabei, vorab einfach mal in der Familie zu fragen, was sich die anderen wünschen. Durch das Gespräch mit der BZ habe Britta Stöhr selbst einfach mal in der Familien-Whatsapp-Gruppe gefragt: „Was ist euch eigentlich wichtig an Weihnachten?“ Durch das Austauschen miteinander könne man die Familie mit ins Boot holen, vielleicht eine Tradition aufbrechen, um es sich leichter zu machen, eigene Rituale einführen.
Das könnte sein, das überladene Event mit 34 Gästen zu entzerren und einen Teil der Familie am vierten Advent zu treffen. Oder einen Weihnachtsbrunch statt des aufwändigen Abendessens zu veranstalten. „Die meisten sind doch eher abgehetzt als besinnlich zur Weihnachtszeit“, das Lockern der Traditionen und vor allem, von sich selbst nicht so übermäßig viel zu erwarten, könne das Fest für alle entspannter gestalten, ist die Therapeutin überzeugt: „Letztendlich geht es ja darum, dass sich alle wohlfühlen und die Familie gerne zusammenkommt und nicht darum, dass der Tisch perfekt gedeckt ist und das Essen aus einem Fünf-Gänge-Menü besteht, als gäbe es im Anschluss eine Sterne-Bewertung.“
