Kompass 4 im Kreis Ludwigsburg „Wir brauchen kein Grundschulabitur“

Von Gabriele Szczegulski
Eine Prüfung für die Grundschulempfehlung fürs Gymnasium in der vierten Klasse baut Druck auf und kann die Lust an Schule vertreiben. Foto: dpa/Frank Leonhardt

Die Kompass-4-Ergebnisse zur Grundschulempfehlung fürs Gymnasium decken sich meist mit den Lehrereinschätzungen und bauen eher Druck auf.

Seit dem Schuljahr 2024/2025 ist der Test Kompass 4 Teil des neuen Aufnahmeverfahrens für Grundschüler für die Empfehlung für das Gymnasium. „Kompass 4“ ist ein verpflichtender Kompetenztest für Viertklässler in Baden-Württemberg, der den Leistungsstand in Deutsch und Mathematik ermittelt, um Eltern und Lehrkräfte bei der Entscheidung für eine weiterführende Schule zu unterstützen (die BZ berichtete). Er liefere, so das Kultusministerium, eine objektive Rückmeldung auf den Niveaustufen G, M, E und ergänze die traditionelle Grundschulempfehlung, wobei die pädagogische Gesamtwürdigung der Lehrkräfte weiterhin bestehe.

Kritik an der öffentlichen Ankündigung der Termine

Aufgrund von großer Kritik schon im Vorfeld zu den Tests wurde Kompass 4 weiterentwickelt, zudem sollten die „Aufregung“ der Schüler vor dem Test minimiert werde. Und so, so das Kultusministerium, erhielt man „positive Rückmeldungen“, nachdem die Prüfungen im November erstmalig stattfanden. Das Resultat: 25 Prozent aller Viertklässler erreichten in dem Test das erweiterte Niveau, Voraussetzung für den Wechsel in ein Gymnasium.

Deutsch wurde am 19. November 2025 getestet und Mathematik am 20. November, mit Nachholterminen am 26. und 27. November. Und genau diese Festlegung auf Termine wie bei einer Abschlussprüfung kritisieren die meisten Schulleiter und Lehrkräfte. Kompass 4 werde von Eltern und Kindern wie eine Prüfung angesehen. Die Folge: Es entstehe Druck auf die Kinder. Zudem, so die Pädagogen, zeigten die Testergebnisse nichts anderes als die Lehrerempfehlungen.

Der Test Kompass 4 entscheidet gemeinsam mit der Lehrereinschätzung und dem Elternwunsch darüber, ob das Kind ins Gymnasium gehen kann. Aus diesen drei Teilen, so erklärt die Rektorin der Bietigheim-Bissinger Hillerschule, Alexandra von Ostrowski, wird die Grundschulempfehlung generiert, die nur für das Gymnasium gilt. Sollten die Kinder keine Empfehlung bekommen, können sie einen Potenzialtest auf dem gewünschten Gymnasium ablegen. Die Zahl der Potenzialtests an den Gymnasien, so das Kultusministerium, sei stark zurückgegangen seit der Einführung von Kompass 4. Die Eltern glauben also dem Test mehr als sie bisher der Lehrerempfehlung glauben. Ostrowskis Einschätzung des Kompass-4-Tests: „Deutsch war ein wenig zu einfach, Mathe angemessen vom Niveau her.“ Von 115 Schülern der Hillershcule haben 41 das erweiterte Niveau erreicht. Die Grundschulrektoren betonen auch, dass sich die Lehrereinschätzung im Großen und Ganzen mit den Ergebnissen von Kompass 4 decke. Dies sagt auch Tobias Weigel, Schulleiter der Schule im Sand in Bietigheim-Bissingen. Die Anzahl von Schülern, die sich trotz Kompass 4 und der pädagogischen Gesamtwürdigung für die Teilnahme am Potenzialtest entscheiden, sei geringer geworden. „Wir nehmen aber wahr, dass immer mehr Eltern, deren Kinder wir für das grundlegende Niveau der Hauptschule empfehlen, sich für die Anmeldung an einer Realschule entscheiden“, so Weigel.

Kompass 4 sorge aus seiner Sicht aber nicht für eine treffendere Beurteilung als die, die durch die Lehrer erfolgt. Es sei ein Instrument, um die Eltern differenzierter beraten zu können. „Es bestätigt unsere tägliche Arbeit, wir haben kaum Überraschungen oder Entwicklungen, die uns nicht bekannt waren.“ Das zeige, dass die Lehrer die Schüler gut im Blick haben. „Leider hören wir aber aus Erzählungen der Schüler, dass Eltern gezielt auf Kompass 4 vorbereiten. Das sorgt bei den Schülern für einen hohen Druck, den wir in diesem Alter eigentlich nicht möchten“, so Weigel. Er rät dazu, Kompass 4 stressfrei und mit gesundem Menschenverstand sowie kindlicher Neugierde anzugehen und das Kind und die Ergebnisse dieser Kompetenzmessung einfach anzunehmen. „Die Gefahr bei diesen kleinen Menschen durch zu frühe Überforderung die Lust an Schule zu nehmen, ist sehr hoch“, so Weigel.

Schulleiter Rainer Graef von der Kirbachschule in Sachsenheim-Hohenhaslach und seine Kolleginnen, die in den vierten Klassen unterrichten, haben den Eindruck, dass sich die Kompass-4-Prüfung durch die Änderungen zwar deutlich verbessert habe und dadurch aussagekräftiger sei, aber: „Wir würden uns wünschen, dass dieser Test und die Termine nicht angekündigt werden, um keinen unnötigen Druck aufzubauen.“

Mittel, die Separierung zu rechtfertigen

Auch Graef ist der Meinung, dass die Lehrer die Leistungen der Schüler sehr gut einschätzen können und sich diese Einschätzung mit dem Test meist deckt. „Wir beobachten die Kinder ja über mehrere Jahre und kennen sie sehr gut. Auch der Austausch mit den Eltern läuft ja bereits ab Klasse 1 in den Lernentwicklungsgesprächen. Wir brauchen kein Grundschulabitur, sondern eine erfolgreiche Schullaufbahn für jedes Kind“, sagt Graef. Es brauche aber scheinbar ein auf Papier gedrucktes Testergebnis, „ das die Separierung der Kinder nach der Grundschule gerechtfertigt“.

 
 
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