Einen ganzen Einkaufskorb voller Lebensmittel stellte Jacqueline Reichert bei der Fairtrade Woche in Freiberg auf, um zu verdeutlichen, wie viele Lebensmittel eine Person pro Jahr wegwirft – rund 79 Kilogramm. Häufig bekam die Vorsitzende des Vereins Foodsharing Ludwigsburg dann die Antwort: „Bei uns ist das aber nicht so viel.“ „Da frage ich mich dann schon, wo kommen denn denn all diese Einkaufswagen weggeworfener Lebensmittel her?“, fragt Reichert. Gemeinsam mit den anderen Food-sharern will sie dafür sorgen, dass künftig nicht mehr so viele Lebensmittel im Müll landen.
Kreis Ludwigsburg 79 Kilo Lebensmittel landen im Müll
Die Aktionswoche „Zu gut für die Tonne“ läuft gerade. Auch im Kreis unternimmt der Verein Foodsharing so einiges gegen die Menge an Lebensmitteln, die jedes Jahr pro Person im Abfall landen.
Derzeit läuft die Aktionswoche „Zu gut für die Tonne“. Mit Angeboten rund um die Aktionswoche soll auf das Thema Lebensmittelverschwendung aufmerksam gemacht und für mehr Wertschätzung von Lebensmittel geworben werden. Verschiedene Initiativen im Kreis engagieren sich bereits seit Langem, um die Lebensmittelverschwendung vor Ort zu reduzieren. Der Verein Foodsharing Ludwigsburg wurde 2018 mit 26 Mitgliedern gegründet. Mittlerweile ist er auf 600 Mitglieder gewachsen, darunter 541 aktive Foodsharer.
Was macht ein Foodsharer?
Der Verein unterhält Kooperationen mit 110 Betrieben, wie zum Beispiel Supermärkte, Mensen und Bäckereien. Diese stellen den Foodsharern die nicht verkauften Waren zur Verfügung, die die Lebensmittelretter dann vor Ort sortieren und über verschiedene Wege verteilen. So werden die Lebensmittel vor der Mülltonne gerettet. „Damit sparen die Betriebe Müllgebühren, Mitarbeiterzeit und auch CO2 ein“, erklärt Reichert.
„Eine Tonne geretteter Lebensmittel spart zwischen 0,8 und 4,2 Tonnen CO2 ein, je nach dem, was das für Lebensmittel sind, die weggeworfen werden“, sagt sie und ergänzt: „Man muss da gar nichts extra tun, sondern einfach nur die Lebensmittel verwenden.“
Was ist ein Fairteiler?
Im Idealfall wandern die geretteten Lebensmittel gleich in den Kühl- und Vorratsschrank von Freunden, Nachbarn und Familien der Foodsharer, um anschließend zügig verbraucht zu werden. Doch wenn die Lebensmittel nicht verteilt werden können, haben die Foodsharer auch sogenannte Fairteiler, in die sie die Lebensmittel legen können. Dort kann jeder vorbeischauen und das Essen vor der Tonne bewahren. Insgesamt elf Fairteiler-Schränke gibt es im Kreis.
In Bietigheim-Bissingen steht nahe der Ellentalgymnasien der Fairteiler Brownie. Um diese Station kümmern sich die Schüler der AG Team N von den Ellentalgymnasien.
Weshalb sie sich in der AG engagieren? „Weil man etwas bewegen kann“, erklärt die 13-jährige Julika. Gerade auch das Thema Foodsharing war für sie ein Grund, in die AG zu kommen. Die zehnjährige Emilia ist seit diesem Schuljahr dabei und wollte es unbedingt ausprobieren, nach dem „die anderen erzählt haben, wie cool das ist“.
Die AG ist beliebt, 28 Schüler machen in diesem Jahr mit. Lehrerin Sarah Grau ist Mitglied im Verein Foodsharing Ludwigsburg und leitet die AG, die es seit drei Jahren gibt. Der Zulauf sei groß und gerade die Lebensmittelrettung komme bei den Schülern gut an. Mit ihrem Foodsharing-Buffet sind die Schüler immer wieder in Bietigheim-Bissingen unterwegs und versuchen, den Leuten das Thema Lebensmittelrettung auf diesem Weg näher zu bringen. Die zehnjährige Anna-Sophie rettet am liebsten Brot aus dem Brownie, das könne man auch schon mal als Mittagsnack nutzen. Der 13-jährige Emil trägt das Thema Lebensmittelrettung auch direkt in die Familie. „Wir gehen mit Liste einkaufen und frieren die Reste immer ein, das schmeckt auch später noch.“
Als nächstes ist das Team N bei der Kleidertauschparty der St. Laurentius Kirche am 16. November mit einem Retterling-Buffet vor Ort.
Was macht der Foodsharing Verein alles?
Neben der Rettung von Lebensmittel nimmt der Verein Foodsharing Ludwigsburg auch an verschiedenen Aktionen teil. „Bei Nachhaltigkeitsevents und auf Kleidertauschpartys sind wir auch mit Infoständen vertreten“, sagt Reichert. Neben der Kooperation mit Schulen will der Verein auch an die Kommunen herantreten. „Mit Ludwigsburg sind wir bereits im Gespräch“, so Reichert. Foodsharing-Städte sollen in Zukunft dabei helfen, dass weniger Lebensmittel im Müll landen.
Wenn Jacqueline Reichert unterwegs ist, um Lebensmittel zu retten, stößt ihr dabei ein Nahrungsmittel immer besonders auf: „Ich ärgere mich immer über die Menge an Bananen, die wir retten. Häufig sind es einzelne Bananen, die die Leute einfach nicht kaufen. Dabei hatte das Obst so einen weiten Weg zu uns hier her und auch die einzelnen Bananen sind noch gut.“ Damit spricht sie ein Thema an, auf das auch die Aktionswoche „Zu gut für die Tonne“ aufmerksam machen will: Das eigene Kaufverhalten.
Denn die eigene Erwartungshaltung beim Lebensmitteleinkauf habe auch viel damit zu tun, was am Ende eben nicht mehr verkauft wird. „Ich kann kurz vor Ladenschluss beim Bäcker eben keine volle Brotauswahl mehr erwarten“, so Reichert. Rund 23 Prozent aller Backwaren würden in der Tonne landen, wenn Foodsharer sie nicht retten würden. Gerne würde Reichert die Ursachen für weggeworfene Lebensmittel bekämpfen. Ein Beispiel könne da Frankreich sein. Dort verbietet ein Gesetz es den Supermärkten, nichtverkaufte Lebensmittel wegzuwerfen.
Was kann man selbst tun?
So lange das in Deutschland noch kein Thema ist, würde es schon helfen, wenn jeder auf seinen Umgang mit Lebensmitteln achtet und die Foodsharing-Vorsitzende hat da auch gleich ein paar Tipps parat:
„Gehe nur mit Einkaufsliste einkaufen“, denn wer nur das kauft, was er brauche, vermeide einen unübersichtlichen Lebensmittelvorrat, bei dem dann unter Umständen auch einmal etwas verderbe.
„Wenn die Verpackungsgröße im Supermarkt zu groß ist, kann man auch mal auf den Markt gehen, dort wird viel lose verkauft.“
Wem Ideen fehlen, was er aus den Beständen im Kühlschrank kochen könne, kann sich Inspiration holen: „Bei der App ‚Zu gut für die Tonne’ gibt man an, was man noch da hat und bekommt Rezeptvorschläge.“
„Nimm doch einfach mal die einzelne Banane mit“, rät Reichert und lacht. Sie fragt auch, ob es immer die blitzeblanke Paprika sein müsse und regt an, vielleicht einmal das Gemüse mit der Delle zu kaufen.
Vor allem regionale und saisonale Einkäufe würden dabei helfen, die eigene CO2 Bilanz zu verbessern. Außerdem vermeide man, dass Lebensmittel von weit weg hergebracht werden müssten.
