Kreis Ludwigsburg Abschiebe-Debatte um Syrer bewegt auch den Kreis

Von Bigna Fink
„Hier habe ich meine zweite Heimat gefunden“, sagt Yasser Alani. Er ist 2015 aus Syrien geflohen, seit 2021 Deutscher und arbeitet als Informatiker in Ludwigsburg, hier im Homeoffice. Foto:  

Der Streit in der Union über die Rückkehr nach Syrien hält an. Stimmen von einem Deutsch-Syrer, CDU-Vorsitzenden und Flüchtlingshelfern im Kreis.  

Nach dem offiziellen Ende des Krieges in Syrien im Dezember 2024 fordern CDU-Politiker vermehrte Abschiebungen von Menschen aus Syrien, auch von Nicht-Straftätern, in ihr Heimatland.

Anfang November hatte Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) die Debatte dazu neu entfacht. Nach einem Besuch in dem schwer zerstörten Land äußerte er Skepsis, Geflüchteten derzeit zumuten zu können, in ihre Heimat zurückzukehren. Ein Blick auf die Debatte im Kreis Ludwigsburg: Die BZ hat Stimmen von lokalen CDU-Politikern, einem Deutsch-Syrer und Integrationshelfern gesammelt.

Eingebürgert und integriert

Yasser Alani flüchtete vor dem Assadregime im Oktober 2015 während der großen Flüchtlingsbewegung nach Deutschland. Der heute 36-Jährige wohnte in einem Container in Sachsenheim und später in einer WG mit anderen Geflüchteten im Stadtteil Ochsenbach. Beim Sachsenheimer Arbeitskreis Asyl engagierte er sich als Dolmetscher. „Die meisten aus Syrien Geflüchteten, die ich kenne, sind mittlerweile gut integriert und eingebürgert“, erzählt Alani in fast flüssigem Deutsch. Auch er besitzt seit 2021 die deutsche Staatsbürgerschaft.

Die ersten Jahre nach der Flucht hatte er noch Hoffnung, in seine Heimat zurückzukehren, doch dann fühlte sich Alani hier in Deutschland „immer mehr zu Hause“. 2017 fing er eine Ausbildung bei Wüstenrot in Ludwigsburg an und arbeitet seither dort als Fachinformatiker.

Im Jahr 2021 haben er und seine Frau geheiratet und eine Tochter bekommen. 2025 wurde das Paar Eltern von Zwillingsmädchen. Die Familie lebt mittlerweile in Ludwigsburg. „Deutschland ist meine zweite Heimat“, betont Alani.

Die Situation in Syrien, vor allem auch in seiner schwer zerstörten Heimatstadt Ar-Raqqa im Norden des Landes sei unklar, sagt Alani. Mehr als 60 Prozent in Syrien liege in Trümmern. „Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass meine Tochter dort zur Schule geht.“ Es gebe kaum Unterricht, kaum Lehrkräfte, wenig Wasser und Strom.

Bei Menschen, die in den vergangenen zehn Jahren keine Arbeit angenommen hätten, die sich nicht an die Regeln, Pflichten oder das Recht hielten, vor allem Straftäter, seien Abschiebungen jedoch notwendig, findet er. Doch für ihn sei eine Rückkehr kein Thema. Als Fachinformatiker könne er dort derzeit nicht arbeiten. „Die meisten Syrer waren jung, als sie nach Deutschland kamen. Sie haben hier ihr Leben gestaltet, die deutsche Sprache gelernt und arbeiten“, sagt Alani.

Auch Waeed Alhajj ist vor zehn Jahren aus Syrien geflüchtet, zuvor hatte er in Aleppo Kunst studiert. Er ist Bildhauer und war fünf Jahre bis September diesen Jahres bei der Kunsthochschule Bietigheim-Bissingen als Dozent tätig. Seine Kunst, die sich auch um seine Fluchterfahrungen dreht, wird immer wieder in Ateliers bundesweit ausgestellt. Nach seinem Lehramtsstudium an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart hat er nun sein Referendariat in Sindelfingen begonnen. „Ich fühle mich hier in Deutschland wohl, habe viele deutsche Freunde,“ erzählt Alhajj, „ich fühle mich integriert.“

Im August hatte Alhajj, der sowohl einen syrischen als auch einen deutschen Pass hat, seine Familie in der syrischen Stadt Salamiyya zwischen Damaskus und Aleppo besucht. „Da gab es für mich den Moment, in dem mir noch mal richtig bewusst wurde: In Deutschland ist mein Alltag, mein Leben, ist meine Heimat.“

Die Lage in Syrien sei nicht sicher aktuell. Die Debatte um die Abschiebungen nach Syrien verfolgt der angehende Lehrer. „Mir tun die Menschen leid, die hier her geflohen sind, und sich teils für mehrere Jahre in einer instabilen Lage befinden“, sagt er. Durch das lange Prozedere bei den Behörden würden die Flüchtlinge gehindert, einer Arbeit nachzugehen. „Es ist ihnen längere Zeit nicht möglich, auf dem Arbeitsmarkt zu zeigen, was sie leisten können.“

Schutz könne nicht von Dauer sein

Der CDU-Verband Sachsenheim unterstützt laut dem Vorsitzenden Lars Weydt „eine realistische und verantwortungsvolle Flüchtlingspolitik. Wer vor Krieg und Verfolgung geflohen ist, verdient Schutz.“ Doch dieser Schutz könne nicht von Dauer sein, wenn sich die Lage im Herkunftsland verbessert. „Sollten in Teilen Syriens sichere und stabile Verhältnisse vorliegen, müssen Rückführungen möglich sein.“ Jede Entscheidung müsse sorgfältig geprüft werden, damit eine Rückkehr nur unter menschenwürdigen Bedingungen erfolgt. Michael Jacobi, Vorsitzender der CDU Bietigheim-Bissingen schreibt: „Laut Gerichtsbeschluss sind über 10.000 Syrer sofort ausreisepflichtig (Stand August 2025). Diese straffällig gewordenen oder aus anderen Gründen ausreisepflichtigen Personen sind sofort zurückzuführen.“ Für die rechtstreuen, arbeitswilligen und integrationsbereiten Syrerinnen und Syrer sollte es aber faire Perspektiven geben.

Wertvoller Beitrag in Gesellschaft

Tobias Vogt, Generalsekretär der CDU Baden-Württemberg und Vorsitzender der CDU Bönnigheim, Erligheim und Kirchheim, meint: „In unseren Gemeinden leben viele gut integrierte Syrerinnen und Syrer, die hier herzlich willkommen sind.“ Sie würden etwa als Ärzte, Handwerker oder in der Pflege ihren wertvollen Beitrag in der Gesellschaft leisten. „Diese Menschen sind Teil unserer Nachbarschaft, unserer Vereine und unserer Wirtschaft.“ Aber klar sei auch: „Der Rechtsstaat muss handlungsfähig bleiben – Straftäter, Gefährder und nicht erwerbstätige Syrer müssen unser Land verlassen.“

Er fügt hinzu, dass nach dem verheerenden Krieg Syrien wieder aufgebaut werden müsse. „Viele Syrerinnen und Syrer erwerben hier Ausbildung, Berufserfahrung und Werte, die beim Wiederaufbau ihrer Heimat von unschätzbarem Wert sein können.“

Von Abschiebung bedroht

Uwe Niehues engagiert sich im Arbeitskreis Asyl Sachsenheim und unterstützt geflüchtete Menschen bei der Integration. „Ich bin ganz der Meinung von Außenminister Wadephul, dass ein Leben in großen Teilen Syriens noch nicht möglich ist“, sagt Niehues. Zum Leben gehöre nicht nur eine Unterkunft, die nicht mehr vorhanden ist, sondern auch Arbeitsplätze, Schulen, die gesamte Infrastruktur. „Alle ‚meine’ Flüchtlinge haben hier schon lange eine Arbeit gefunden, die Kinder gehen zur Schule oder machen eine Ausbildung. Diese integrierten Menschen sind leider von der Abschiebung, wie sie Innenminister Strobel praktiziert, besonders bedroht.“

Die geplante Rückführung syrischer Geflüchteter beschäftigt auch die Pfarrerin und Bezirksbeauftrage für Flüchtlinge und Migration Steffi Gauger vom Bietigheim-Bissinger Freundeskreis Asyl. „Meiner Einschätzung nach können syrische Flüchtlinge zum jetzigen Zeitpunkt nicht nach Syrien zurückgeschickt werden.“ Noch sei das Land vor allem auch politisch von Instabilität geprägt. Besonders Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene wären von ihrem in Deutschland begonnenen Bildungsweg abgeschnitten und hätten wohl kaum eine Chance, diesen in Syrien fortzusetzen.

Zahlen zu syrischen Mitbürgern in der Region

Im Kreis Ludwigsburg wohnen laut dem Ausländerzentralregister 4.976 Personen mit syrischer Staatsangehörigkeit, davon 455 mit Aufenthaltsgestattung (laufendes Asylverfahren). Von den syrischen Menschen insgesamt sind rund 20 Prozent unter zehn Jahre alt, 16,5 Prozent zwischen zehn und 18 Jahren Jahren, rund 27 Prozent zwischen 18 und 30 Jahren und über 30 Jahre rund 45 Prozent.

Rund eine Million Menschen syrischer Herkunft leben in Deutschland. 2024 kamen mit 26,3 Prozent die meisten Asylantragsteller in Baden-Württemberg aus Syrien laut dem Landesministerium der für Migration. Seit dem Sturz des Assad-Regimes ist der Zuzug von Syrern nach Deutschland 2025 um fast 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen.

 
 
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