So viele Kinder wie noch nie sind in Baden-Württemberg von Übergewicht oder gar Fettleibigkeit betroffen – das geht aus der Studie Fitnessbarometer 2025 der baden-württembergischen Kinderturnstiftung für Jungen und Mädchen im Alter zwischen drei und zehn Jahren hervor. Wie sieht es im Landkreis Ludwigsburg mit diesem gewichtigen Problem aus?
Kreis Ludwigsburg Fettleibigkeit: Stärkste Zunahme im Grundschulalter
Immer mehr Kinder im Land sind übergewichtig. Hilfsangebote sind auch in der Region rar. Jetzt gibt es eine neue Gesundheitsinitiative des Landkreises
Genaue Zahlen dazu gibt es für den Kreis nicht. Dennoch sieht der Kinderarzt Dr. Thomas Kauth aus Ludwigsburg die Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen auch in der Region auf einem „Besorgnis erregend hohen Niveau“. Laut dem Fitnessbarometer sind 15 Prozent der Kinder übergewichtig, davon 6,5 Prozent adipös, ein neuer Höchststand. In den vergangenen 20 Jahren habe die Zahl der übergewichtigen Kinder um 50 Prozent zugenommen, die der adipösen, also fettleibigen Kinder habe sich gar verdoppelt, sagt Kauth.
Der 53-Jährige ist Adipositastherapeut und einer von zwei Kinderärzten in Deutschland mit Schwerpunkt Ernährungsmedizin. Seit 33 Jahren ist er niedergelassener Mediziner. Laut seinen Schätzungen, die das Gesundheitsamt bestätigt und die auf der Grundlage der Kindergesundheitsstudien (KiGG) und aktuellen Bevölkerungsdaten beruhen, sind um die 15.000 Kinder und Jugendliche zwischen 0 und 17 Jahren im Kreis von Übergewicht betroffen, etwa 6000 von Adipositas.
Die chronische Krankheit Adipositas wird per Body-Mass-Index (BMI) berechnet. Dabei wird das Körpergewicht in ein Verhältnis zur Körpergröße gesetzt. Bei Erwachsenen sprechen Wissenschaftler ab einem BMI von 30 von Adipositas, bei Kindern ist der Grenzwert altersabhängig. Nach Auswertungen des Landesgesundheitsamtes sind Kinder mit Migrationshintergrund und niedrigem Sozialstatus häufiger übergewichtig oder adipös.
Ursachen sehr komplex
Die Ursachen, die zu der chronischen Krankheit Adipositas führen, sind laut dem Adipositasexperten Kauth sehr komplex: „Die Genetik, die durch den Lebensstil beeinflusst wird, spielt eine große Rolle.“ Dazu komme natürlich die Faktoren Ernährung und Bewegung. „Wenn ich mehr Nahrungskalorien zuführe als ich durch den Energieverbrauch des Körpers z.B. bei der Bewegung verbrauche, speichert der Körper diesen Kalorienüberschuss in Form von Fett“, so Kauth.
Eltern hätten zunehmend Probleme, die zu lange Handynutzung ihrer Kinder zu unterbinden. „Die Alltagsbewegung ist mitentscheidend“, ist Dr. Thomas Kauth überzeugt.
Zudem sei die psychische Komponente nicht zu unterschätzen, betont Kauth. Betroffene suchten Trost durch Ernährung – ein Teufelskreis. Im Reha-Zentrum Hess in Bietigheim-Bissingen werden derzeit 14 adipöse Jugendliche in Therapie behandelt. Dr. Christoph Lukas, der dortige Chef-Orthopäde, betont: „Die psychologische Betreuung betroffener Kinder und Jugendlicher ist enorm wichtig.“ Viele junge Menschen, die krankhaft übergewichtig seien, hätten ein psychisches Leiden.
Hohe Sitzzeiten im Unterricht
„Die Motivation zur regelmäßigen Bewegung ist bei der Bekämpfung von Übergewicht elementar“, so Lukas. Adipositas zu heilen sei ein lebenslanger Prozess. Bis zu 90 Prozent der adipösen Jugendlichen sind laut Kauth auch später im Erwachsenenalter übergewichtig. Auffällig ist, dass ab der Einschulung das Gewicht vieler Kinder nach oben schnellt. Das zeigt auch die Grafik der AOK-versicherten Kinder, die wegen Adipositas im Kreis Ludwigsburg in Behandlung waren oder sind. Thomas Kauth bestätigt, was im Fitnessbarometer 2025 herauskam: „Die stärkste Zunahme an Adipositas findet im Grundschulalter statt.“ Ein Hauptgrund: „Die Sitzzeiten in der Schule sind viel höher als im Kindergarten.“ Gemeinsam mit Sport- und Gesundheitswisssenschaftlern fordert er seit mehr als 20 Jahren eine „gut organisierte tägliche Sportstunde in den Schulen“. Es müsse sich etwas an den bewegungsarmen Verhältnissen ändern – vor allem an den Schulen, wie z.B der Schulweg, der möglichst mit dem Fahrrad oder zu Fuß erreichbar sein sollte.
Die Konrektorin Eva Kohlbach von der Bietigheimer Hillerschule und Doris Engelbrecht von der Grundschule Kleinsachsenheim können den Trend zu mehr fettleibigen Kindern nicht bestätigen. Allerdings sind beide Schulen mit dem Zertifikat „Gesunde Schule“ ausgezeichnet. Kohlbach nennt etwa die Bewegungspausen in den ersten Klassen und den Ernährungsführerschein mit Grundlagen für eine gesunde Ernährung. Auch werde auf die psychische Gesundheit und ein respektvolles Miteinander geachtet.
Doch wie erhalten betroffene Kinder Unterstützung? Es gibt laut Kauth auch im Landkreis „viel zu wenig Bewegungs- und Beratungsangebote für adipöse Kinder“.
Insgesamt bekommen weniger als ein Prozent der betroffenen adipösen Kinder und Jugendlichen ein angemessenes Therapieangebot.“
Bis 2018 bot er in Kooperation mit dem Landratsamt Kurse für adipöse Kinder an. Dann wurde das Angebot gestrichen. Nun hat eine Initiative des Gesundheitsdezernats Ludwigsburg, unterstützt vom Rotary Klub Bietigheim - Vaihingen aktuell zusätzliche Bewegungsangebote geschaffen. Innerhalb dessen hat das Landratsamt eine neue Informationsplattform eingerichtet zum Thema Übergewicht und Adipositas bei Kindern. Laut Dr. Stephan Döring, Stellvertretender Fachbereichsleiter Gesundheitsförderung, wurden „kostenlose Bewegungsangebote mit Kooperationspartnern geschaffen, die betroffenen Kindern und Jugendlichen den Spaß an Bewegung nahebringen sollen“. Etwa ein Bewegungs- und Entspannungskurs für Kinder und Jugendliche vom MTV Ludwigsburg oder ein Sportkurs „für mehr Leichtigkeit im Alltag“ vom SV Salamander Kornwestheim.
Eltern als großes Vorbild
In erster Linie stehen bei Übergewicht und Adipositas laut Döring die Krankenkassen, Kinder- und Jugendärzte als Ansprechpartner zur Verfügung . Die AOK Ludwigsburg etwa teilt auf Anfrage mit: „Wir bieten betroffenen Kindern und Familien eine qualifizierte Ernährungsberatung an“. Angestrebt wird dabei eine dauerhafte Ernährungsumstellung.
Vor allem aber hätten der Krankenkasse zufolge die Eltern bezüglich körperlichen Aktivitäten und beim Ess- und Trinkverhalten für die Kinder eine große Vorbildfunktion und Verantwortung: „Eine aktive Freizeitgestaltung, an der die ganze Familie Spaß hat, sowie eine ausgewogene Ernährung beugen Übergewicht und Adipositas vor.“
