Für die meisten Menschen ist klar: Bei Krankheit oder gesundheitlichen Beschwerden gehen sie zum Arzt, die Behandlungskosten trägt die Krankenversicherung. Doch für Menschen, die ohne Krankenversicherung leben, ist das nicht ohne weiteres möglich. Im Großraum Stuttgart mit seinen rund 2,5 Millionen Bewohnern gibt es für diese bislang nur eine Anlaufstelle: Die Praxis der Malteser-Medizin gegenüber des Stuttgarter Marienhospitals. Hausärzte, bei denen Menschen ohne Krankenversicherung aufschlagen, verweisen diese deshalb in der Regel nach Stuttgart. Nun wollen Diakonie und Caritas auch im Landkreis Ludwigsburg ein entsprechendes allgemeinmedizinisches Angebot schaffen.
Kreis Ludwigsburg Ärztliche Behandlung auch ohne Krankenversicherung
Diakonie und Caritas starten im Oktober eine allgemeinmedizinische Sprechstunde für Menschen ohne Versicherungsschutz.
Die Überlegungen dazu hätten eine lange Vorgeschichte, führt Martin Strecker, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands Ludwigsburg, im Rahmen eines Pressegesprächs aus. Erste Gespräche hätten demnach schon vor rund anderthalb Jahren stattgefunden. „In Zeiten, in denen man nur von Kürzen und Zurückfahren hört, ist das ein besonderer Anlass.“
Verschiedene Zielgruppen
Unter anderem südosteuropäische Arbeiter bilden demnach einen signifikanten Teil der Zielgruppe, sagt Heinrich Knodel, Projektkoordinator und früherer Geschäftsführer der Wohnungslosenhilfe. Wenn Menschen aus Ländern wie Rumänien oder Bulgarien zur Arbeitssuche nach Deutschland kommen, dann jedoch keine Beschäftigung finden oder schwarz arbeiten, seien sie nicht krankenversichert. Das gleiche gelte, wenn nach einem Vierteljahr der Aufenthaltsstatus abläuft. Beispielhaft dafür seien etwa Pflegekräfte in privaten Haushalten, die nach Vertragsende nicht sofort in ihre Heimat zurückkehrten, ergänzt Strecker.
Ebenfalls zur Zielgruppe gehören Geflüchtete, die aus verschiedenen Gründen ihren Aufenthaltsstatus verloren hätten sowie Staatenlose. Auch angesprochen sind ehemalige Kleinselbstständige, die eigentlich einen Anspruch auf eine Krankenversicherung hätten, ihre private Versicherung jedoch verloren haben oder diese in fortgeschrittenem Alter nicht mehr bezahlen können. All diese Gruppe eint die Sorge: „Was ist, wenn ich krank werde?“
Ab 5. Oktober sollen die Betroffenen immer montags von 16 bis 18.30 Uhr ohne Termin zur allgemeinmedizinischen Sprechstunde kommen können. Dafür bekomme man kostenlos einen Raum im Gesundheitsamt in der Hindenburgstraße in Ludwigsburg zur Verfügung gestellt. Dort könne eine Erstuntersuchung und Notfallversorgung bei plötzlicher Erkrankung, Verletzung oder Schwangerschaft erfolgen. Ein großes Thema bei dieser Gruppe Patienten seien offene Füße, Herz- oder Blutdruckprobleme oder Diabeteserkrankungen, weiß Dr. Jürgen Maier, Hausarzt aus Bietigheim-Bissingen, der als einer der ehrenamtlichen Mediziner die Betreuung übernehmen wird. Aber auch Menschen mit einer hartnäckigen Erkältung, Tuberkulose oder einer Lungenentzündung würden das Angebot wahrnehmen, habe er bei einem Praktikum in der Stuttgarter Malteser-Praxis festgestellt. „Viele haben einfach Ängste um ihre Gesundheit.“ Die Behandlung erfolgt unter Wahrung der Anonymität der Betroffenen. Lediglich eine Dokumentation für etwaige zukünftige Besuche werde angefertigt.
Bislang hätten acht Ärzte aus der Region und drei medizinische Fachangestellte ihr Interesse bekundet, mitzuhelfen. Bis zum Start im Oktober versuche man jeweils mindestens sechs Ehrenamtliche zu haben, sodass jeder rund einen Dienst pro Monat leisten müsste. Aber auch bei medizinischen Einrichtungen stoße man auf positive Resonanz, berichtet Maier. So dürfe man kostengünstig das MVZ-Labor in Ludwigsburg nutzen, auch Gespräche mit einem Röntgenzentrum laufen und bei einem Kardiologen habe ein Telefonanruf genügt, sagt Maier. „Ich renne eigentlich nur offene Türen ein.“ Seine persönliche Motivation sei, etwas zurückgeben zu wollen. „Es gibt Menschen in Not, die um das was ich kann, dankbar sind.“
Projekt ist spendenbasiert
Doch wie erreicht man die verschiedenen Zielgruppen? Aus Sicht von Martin Strecker sei Mund-zu-Mund-Propaganda das zentrale Instrument. So werde bei den Patienten auch gleich ein Grundvertrauen geschaffen, das unerlässlich sei. Wie Margit Jordan, Leiterin Gesellschaftliches Engagement bei der Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz, ergänzt, könne man auch das große Netzwerk an Beratungsstellen der Caritas und der Diakonie nutzen, um auf das Angebot hinzuweisen.
Finanziert werden soll das Projekt über Spenden. Zunächst seien Anfangsinvestitionen von rund 10.000 Euro nötig für eine Grundausstattung. Die Kosten des laufenden Betriebs werden schließlich auf 25 bis 30.000 Euro geschätzt – abhängig von der Resonanz. Noch nicht klar sei etwa, wie viel Geld für Medikamente benötigt werde, man hoffe auf eine Kooperation mit einer Apotheke, die diese zum Einkaufspreis zur Verfügung stelle.
Mögliche nächste Schritte
Ungewissheit herrsche noch darüber, wie gut das Angebot angenommen werden wird. Strecker betont, dass man nicht den Maltesern das Wasser abgraben möchte. Diese betreiben deutschlandweit 21 solcher Stützpunkte, in denen man im vergangenen Jahr 17.900 Patienten behandelt habe. In Stuttgart verzeichnete man 962 Gesamtkontakte, davon 413 Erstaufnahmen. „Wir sind relativ sicher, dass das auf einen Bedarf stoßen wird“, sagt Strecker, „insbesondere wenn man sich anschaut, was im Gesundheitssektor derzeit alles geplant ist, wird die Situation in den kommenden Jahren nicht besser werden.“
Zunächst ist das Projekt auf drei Jahre angelegt, doch schon jetzt gibt es Überlegungen für mögliche nächste Schritte. So hätten laut Heinrich Knodel bereits zwei Zahnärzte ihr Interesse bekundet, bei einer möglichen 14-tägigen zahnärztlichen Sprechstunde mitzuwirken. Auch der Aufbau einer Clearing-Stelle, die bei der Reaktivierung einer regulären Krankenversicherung behilflich sein könne, sei in Planung.
