Kreis Ludwigsburg Aggressives Verhalten von Patienten nimmt zu

Von Bigna Fink
„Wir beobachten seit vielen Jahren eine zunehmende Aggressivität im Umgang mit medizinischem Personal“, berichtet RKH-Sprecher Alexander Tsongas, „vor allem in Zentralen Notaufnahmen“, wie hier im Krankenhaus Bietigheim-Bissingen. Foto: /Martin Kalb

Unfreundlich, pöbelnd bis zu körperlicher Gewalt: Der Umgang von Patienten in Arztpraxen und Kliniken wird rauer, auch in der Region. Ärzte berichten.

Vor dem Eingang einer Bietigheim-Bissinger Hausarztpraxis werden Patienten in einem Schreiben um einen freundlichen, respektvollen Umgang gebeten. Offenbar lässt die Höflichkeit gegenüber medizinischem Personal seit Jahren nach, wie Ärzte in der Region bestätigen und was aktuelle Studien belegen.

Beschimpfungen, Bedrohungen oder anderen Formen verbaler Gewalt haben fast 80 Prozent des medizinischen Personals laut einer aktuellen Studie des Uniklinikums Heidelberg bisher erfahren. Besonders betroffen von Gewalt sind laut einer aktuellen Befragung des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministeriums Pflegekräfte und Ärzte in Notaufnahmen. Wie erleben es Ärzte in der Region, wenn Patienten die Nerven verlieren?

Nach den Erfahrungen der Mitarbeiter „beobachten wir seit vielen Jahren eine zunehmende Aggressivität im Umgang mit medizinischem Personal“, berichtet Alexander Tsongas, Sprecher der RKH Kliniken Kreis Ludwigsburg. Die Entwicklung habe sich nach der Corona-Pandemie verstärkt. „Vor allem in den Notaufnahmen erleben unsere Teams zunehmend Respektlosigkeiten“, so Tsongas. Körperliche Übergriffe kämen seltener vor, stellten aber ebenfalls ein ernst zu nehmendes Problem dar.

Personal am Empfang betroffen

Besonders betroffen seien Mitarbeiter an der Anmeldung und Pflegekräfte in den Notaufnahmen mit Erstkontakt der Patienten. „In einer unserer zentralen Notaufnahmen musste die Polizei in den vergangenen Wochen mehrfach wegen aggressiver Situationen hinzugezogen werden“, berichtet Tsongas. „Dort wurden zuletzt Strafanzeigen gegen Patienten gestellt.“

Die Zahlen der angezeigten Straftaten zeigen laut der Polizei Ludwigsburg allerdings kein eindeutiges Bild der Entwicklung: Sie schwanken seit 2017 zwischen 26 und 52 erfassten Fällen pro Jahr.

Doch überall, wo man nachfragt, belegen Mediziner und Mitarbeiter die vermehrte Aggression seitens der Patienten. Die Ursachen dafür seien aus Sicht der Klinik-Mitarbeiter vielfältig: Sie beobachten eine sinkende Hemmschwelle gegenüber Beschäftigten im Gesundheitswesen, eine zunehmende Ungeduld und geringe Akzeptanz von Wartezeiten und fehlendes Verständnis für die Priorisierung von Notfällen. Alkohol- und Drogeneinfluss sowie psychische Ausnahmesituationen von Patienten sind weitere Faktoren, die zu Gewalt führten. Ein Hausarzt in Bietigheim-Bissingen sagt, „die 20 Prozent der Patienten, die unfreundlich sind, übernehmen keine Verantwortung für ihre Lage und suchen die Schuld bei anderen“.

Dr. Robin Maitra ist Menschenrechtsbeauftragter der Landesärztekammer, leitet dort die Meldestelle „Gewalt gegen medizinisches Personal“ und ist Hausarzt in Hemmingen. Er bestätigt, dass die meiste Aggression die Mitarbeiter bei der Anmeldung zu spüren bekommen: „Die meist weiblichen medizinischen Fachangestellten sind wie ein Prellbock vorne am Tresen, da lassen Patienten ihre Last mit fehlendem Respekt ab.“ Der Ton vieler Patienten sei auch in seiner Praxis rauer geworden, „wie gesamtgesellschaftlich der Umgang in Zeiten der Krisen“.

Er selbst habe in seinen 25 Jahren Praxisalltag nur einmal körperliche Gewalt erlebt: Ein Drogensüchtiger habe ihn gepackt und gewürgt. „Es war nur ein Fall, aber das macht was mit einem“, sagt Maitra. In Teambesprechungen werden Situationen durchgespielt, Fluchtwege und abschließbare Räume besprochen. „Wir versuchen bereits im Ansatz zu deeskalieren.“ Die Menschen kämen mit einem Bedarf nach medizinischer Versorgung. Es gehe ihnen nicht gut und sie reagierten teils hilflos, etwa mit Beschimpfungen, „wenn dem Verlangen nicht gleich nachgegangen werden kann“.

Oft mehrere Monate Wartezeit

Die ärztliche Versorgung sei knapper geworden, findet Maitra, wobei die Hausarztpraxen im Raum Bietigheim-Bissingen im Vergleich etwa zum Raum Vaihingen/Enz noch gut aufgestellt seien. Nachfolgeprobleme in Praxen sieht auch die Bietigheimer Hals-Nasen-Ohren-Ärztin Dr. Trixi Sutor. Die Ursache des raueren Umgangs von Patienten, den sie und ihr Team in ihrer Gemeinschaftspraxis auch beobachten, führt die Medizinerin unter anderem auf die limitierten Kapazitäten der Praxen zurück. „Wir schauen heute deutlich mehr Patienten an als früher“, sagt Sutor, die seit 2008 als HNO-Ärztin arbeitet. Im Schnitt behandelt sie zwischen sechs und sieben Menschen pro Stunde.

Allgemein sei das Stresslevel höher geworden in der Gesellschaft. Zudem es gebe mehr ältere Menschen, die folglich häufiger zum Arzt gingen. Durch neue Leitlinien zur Verschreibung komplexer Medikamente müsse in kürzeren Abständen im Jahr der Patient kontrolliert werden. Dazu käme der betriebswirtschaftliche Druck, aktuell auch durch das neue Spargesetz für die gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).

Für verzweifelte Patienten bringt sie Verständnis auf: „Die Menschen leiden, dass sie überall so lange warten müssen.“ Viele Kranke müssten ein Jahr auf einen OP-Termin warten, „bei uns für einen Untersuchungstermin drei bis vier Monate, wobei Notfallpatienten immer gleich behandelt werden“. Die langen Wartezeiten führten zu Unzufriedenheit und eben auch manchmal zu unhöflichen Reaktionen bei der Terminvereinbarung.

Die HNO-Praxis hat kürzlich aufgrund eines nicht zu kontrollierenden Andrangs und von vermehrtem Unverständnis für eine begrenzte Behandlungskapazität Konsequenzen gezogen: Das Praxisteam reguliert nun durch telefonische Anmeldung und Triage der Dringlichkeit die offene Sprechstunde am Tag.

Maßnahmen gegen Gewalt in Praxen und Kliniken

Die Meldestelle der Landesärztekammer „Gewalt gegen medizinisches Personal“ wurde 2024 eingerichtet, um eine konkrete Vorstellung über Zahlen und Formen von ausgeübter Gewalt zu erhalten. Zudem gibt es bei der Kammer den Arbeitskreis „Umgang mit Gewalt“, der sich laut dem Vorsitzenden Dr. Robin Maitra, mit verbalen und körperlichen Übergriffen auf medizinisches Personal befasst. Bei der Meldestelle gingen bisher rund 20 anonyme Nachrichten pro Jahr ein. „Allein, dass die Meldestelle eingerichtet wurde, zeigt, wie gravierend das Problem ist“, so Maitra. Die Fälle reichten von Diskriminierung, Rassismus bis zu sexualisierter Gewalt.

Das Bundesjustizministerium hat Ende 2025 einen Entwurf für ein Gesetz vorgelegt, das den strafrechtlichen Schutz von für das Gemeinwohl tätige Menschen, vor allem im Gesundheitswesen, verstärken soll.

Die RKH-Kliniken setzen mehrere Maßnahmen zum Mitarbeiterschutz ein: Die RKH Akademie bietet Deeskalations- und Gewaltpräventionstrainings an, es gibt ein Kriseninterventionsteam und Beratungsangebote. Bei Bedarf wird die Polizei eingeschaltet und Strafanzeige erstattet.

 
 
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