Was in Frankreich und Italien schon seit Jahren gang und gäbe ist, wird jetzt auch im Weinbaugebiet Württemberg erlaubt: Die EU erlaubt die Destillation von fertigem Wein zu Industriealkohol. Statt im Glas von Weintrinkern landet der Wein nach der Destillation dann im Parfüm, in Lacken oder in Desinfektions- und Reinigungsmitteln. Die Taktik ist eindeutig: Die Europäische Union will den Erzeugern helfen, überschüssigen Wein loszuwerden und den Markt zu entlasten. Denn seit Jahren wird auch in Württemberg zu viel Wein erzeugt, die Überschüsse füllen die Keller. Vor allem in der jüngeren Generation hat der Wein seine Attraktivität als Genussmittel verloren.
Kreis Ludwigsburg Aus Trauben wird Parfum statt Wein
Ein Weg aus der Krise oder kurzfristige Entlastung eines überquellenden Marktes? Die EU erlaubt die Destillation von Wein zu Industriealkohol.
Nicht nur eine Absatzdelle
„Es ist keine vorübergehende Absatzdelle, sondern eine Krise“, sagt Dietrich Rembold, der Präsident des Württemberger Weinbauverbandes, über das Ausmaß des Absatzrückgangs. Der Weinbauverband habe sich für die Erlaubnis zur Krisendestillation eingesetzt, das Land habe sie bei der EU beantragt. Andere Weinbaugebiete in Deutschland haben darauf verzichtet, darunter auch der badische Weinbauverband. Lediglich der Verband in Rheinhessen ist in Deutschland denselben Weg gegangen wie die Weinbau-Kollegen in Württemberg.
Ob auf privaten Weingütern oder auf den Genossenschaften – der Druck, überschüssigen Wein an den Mann zu bringen, lastet querbeet auf allen Betrieben, macht Rembold deutlich. „Es wird mehr erzeugt, als vermarktet werden kann.“ Zuletzt hatte das Land eine neue Form der Unterstützung für die Wengerter zugesagt, wie in der BZ berichtet. Sie dürfen einzelne Rebflächen für mehrere Jahre stilllegen, ohne gleich die Pflanzrechte zu verlieren. Für diese Rotationsbrachen gibt es einen Zuschuss von 2500 Euro pro Hektar. Im Gegenzug müssen die Wengerter dort Gräser und Blumen aussäen.
In der jetzt erlaubten Destillation von Wein sieht Rembold allenfalls eine kurzfristige Entlastung des überquellenden Marktes. Das Problem sitzt viel tiefer. Die gesamte Branche stehe vor der Aufgabe, die Erzeugung dem Markt anzupassen. Die Gespräche, in welcher Form das geschehen kann, müssen in den kommenden Monaten mit den Betrieben geführt werden. „Das wird ein spannender Winter“, ist sich Rembold sicher.
Mit der drastischen Reduzierung von Rebflächen hat die genossenschaftliche Kellerei Stromberg-Zabergäu mit Sitz in Brackenheim bereits einen schwierigen Teil des Weges hinter sich gebracht. Rund 380 Hektar Rebfläche rund um Bönnigheim und Brackenheim werden aktuell noch bewirtschaftet, das ist laut Vorstandschef Jürgen Conz eine Reduzierung um 40 Prozent innerhalb weniger Jahre. Für einzelne Mitglieder der Genossenschaft habe dies „katastrophale Auswirkungen“, räumt Conz ein. „Wir hätten es auch gerne anders gehabt.“ Aber es sei notwendig gewesen, „um sich dem Markt anzupassen“.
Ob die Kellerei an der Krisendestillation teilnehmen wird, entscheidet sich, wenn der neue Jahrgang im Keller ist. „Wir warten ab, was der Hebst bringt.“ Aktuell deutet sich eine eher geringe Menge an neuem Wein an. Das könnte den Druck auf die Vermarktung etwas mildern. Der Vorstandschef setzt auch darauf, dass die Genossenschaft offenen Wein, also Wein, der noch nicht auf die Flasche gefüllt ist, an Dritte verkaufen kann. Über diesen Geschäftszweig sei es in den vergangenen Jahren gelungen, die Lagerbestände im Keller zu reduzieren.
Höhere Erlöse für den Verkauf
Der Grund für das Zögern: Über den Verkauf lassen sich höhere Erlöse für die Erzeuger erzielen. Für jeden Liter Industriealkohol zahlt die EU 43 Cent plus 16 Cent für die Kosten für Logistik und das Brennen. Das sei bei weitem nicht genug, um das Traubengeld zu generieren, das die Genossenschaften an ihre Mitglieder zahlen, so Conz. Das sieht auch Weinbaupräsident Dietrich Rembold so: „Jedes Haus muss es sich gut überlegen, ob es an der Destillation teilnimmt.“
