Am vierten Prozesstag haben die Richter der 5. Großen Strafkammer des Stuttgarter Landgerichts eine 66-jährige Wohnungsinhaberin vernommen, deren Hochparterrewohnung in Gerlingen im Dezember vor zwei Jahren von Einbrechern heimgesucht wurde.
Kreis Ludwigsburg Bewohner nach Einbrüchen traumatisiert
Beim Einbrecher-Prozess in 59 Fällen erleben die Richter eine Zeugin, deren Wohnung regelrecht zerstört wurde.
Die Frau berichtete von einem Schock, den sie erlebte, als sie von einer Urlaubsreise zurückkehrte und ihre Wohnung nicht wieder erkannte. Kein einziger Gegenstand in den Zimmern und der Küche befand sich noch da, wo er hingehörte. Truhen, Bett, Schränke und Tische mit Stühlen waren umgeworfen, ganze Möbel waren verschoben, die Inhalte lagen durchwühlt auf dem Boden. Monatelang habe sie nicht mehr in der Wohnung übernachten können. Noch heute befindet sich die Zeugin wegen massiver Angstzustände in psychologischer Behandlung. Gestohlen wurden Weißgoldringe, Ketten, Brillantringe – viele Erbstücke der Großeltern - und Goldmünzen im Wert von über 10.000 Euro. Dieser Einbruch soll nur einer von insgesamt 59 gewesen sein, sagt die Anklage. Tatorte: Landkreis Ludwigsburg und Stuttgart. In den meisten Fällen waren die Wohnungsinhaber angesichts der Brutalität der Verwüstungen traumatisiert.
Lange Vorstrafenakte
Die beiden Angeklagten – mutmaßlich aus der Ukraine und Russland – schweigen zu dem Vorwurf des besonders schweren Bandendiebstahls auch an diesem vierten Prozesstag. Dabei hat das baden-württembergische Landeskriminalamt inzwischen Hinweise, wonach es sich zumindest bei dem 51-jährigen Hauptangeklagten mit langer krimineller Vorstrafenakte um den Kopf einer europaweit agierenden Einbrecherbande handeln soll. Ein Mann, der nicht aktiv bei den Einbrüchen mitmischt, sondern der ausschließlich administrativ tätig ist, der seine Bandenmitglieder anweist, wann und wo sie zuschlagen können und wo reiche Beute winkt. Dabei soll er besonderen Wert auf Bargeld, Goldmünzen, Gold- und Silberschmuck und weitere wertvolle Waren legen. Bei den jetzt angeklagten 59 Fällen zumindest bei Taten in Bietigheim-Bissingen, Tamm, Marbach und Ludwigsburg soll er hingegen selbst aktiv dabei gewesen sein, sagt der Ankläger.
Die Richter der 5. Großen Strafkammer interessierten in diesem, auf vorerst zwölf Verhandlungstage angesetzten, Mammutprozess in erster Linie, wann und warum der Mann mit seinem mitangeklagten mutmaßlichen Komplizen nach Deutschland eingereist ist. Dies soll im Jahre 2022 gewesen sein. Damals habe er eine Wohnung in Stuttgart bezogen, steht in der Ausländerakte. Und die Polizei habe gegen ihn bereits wegen verschiedener krimineller Tätigkeiten, darunter Geldwäsche, ermittelt. Festgestellt haben die Fahnder auch, dass bereits eine internationale Fahndung der tschechischen Justiz gegen ihn vorliegt. Letztlich wurde er für Baden-Württemberg als eine Bedrohung eingestuft.
Mafiöse Strukturen
Der Staatsanwalt indes stuft jetzt vor dem Stuttgarter Landgericht das Duo als einen wichtigen Teil einer großen Diebesbande ein. Der 51-Jährige soll laut Vorstrafenliste im Jahre 2006 in der Ukraine ein Unternehmensehepaar mit Waffendrohung überfallen und um deren gesamtes Hab und Gut gebracht haben. Danach sei er, wie Interpol glaubt, in der kriminellen Szene mit dem Ehrentitel „Dieb im Gesetz“ gekrönt worden. Dies bedeute, dass er als Respektsperson und Truppführer der Bandenhierarchie gilt. Der wissenschaftliche Dienst des Bundeskriminalamts spricht von mafiösen Strukturen.
Die jetzt angeklagten Einbrüche soll das Duo mittels mehrerer Fahrzeuge, die allerdings nicht auf sie selbst angemeldet waren, durchgeführt haben, sagt der Staatsanwalt. Dazu sollen sie zahlreiche sogenannte Kurzzeit-Sim-Karten für die Telefone benutzt haben. Zusätzlich hätten sie, wie Kriminaltechniker herausfanden, ihre Handy-Kommunikation im „Split-Verkehr“ abgewickelt, um nicht abgehört zu werden. Doch die Ermittler waren ihnen einen Schritt voraus, und konnten selbst die Tatfahrzeuge hacken und mit Abhör-Trackern versehen. Dadurch bekam die Polizei mit, was gesprochen wurde, wie einer der Ermittler des LKA im Zeugenstand berichtete.
Festnahme in Tammer Wohnung
Warum der 51-Jährige im März letzten Jahres in einer Wohnung in Tamm festgenommen wurde, und nicht in seiner Stuttgarter Wohnung, darüber schweigt die Anklagebehörde. Möglicherweise sind weitere Verdächtige im Visier der Ermittlungen. In Tamm jedoch war genau zu dieser Zeit in einer einzigen Nacht gleich vier Mal in Privatwohnungen eingebrochen worden, mit einer Beute im Wert von 45.000 Euro. Ob hierfür das angeklagte Duo verantwortlich ist, will das Gericht noch klären.
Bernd Winckler
