Gemeinsam einzigartig.“ So lautet das Motto des heutigen Weltkrebstags. Jedes Jahr erkranken laut Deutscher Krebshilfe rund 520.000 Menschen neu an Krebs. Derzeit leben rund vier Millionen Menschen mit der Krankheit. Die Krebshilfe geht davon aus, dass 40 Prozent aller Krebsfälle durch eine gesunde Lebensweise vermieden werden könnten. Die BZ hat mit Dr. Matthias Ulmer, Sektionsleiter Hämatologie und Onkologie, Palliativmedizin der RKH Kliniken über Therapien, Prävention und Früherkennung gesprochen.
Kreis Ludwigsburg „Den einen Krebs gibt es nicht“
Das Motto des heutigen Weltkrebstags lautet „Gemeinsam einzigartig“. Die BZ hat mit dem Onkologen Matthias Ulmer über Therapien, Prävention und Früherkennung gesprochen.
„Krebserkrankungen machen Angst“, sagt der Onkologe. „Ja, es ist leider nach wie vor so, dass Menschen an Krebserkrankungen sterben“, sagt er. „Aber es werden weniger und der Todeszeitpunkt hat sich für viele deutlich nach hinten verschoben.“ Der Onkologe ist davon überzeugt: „Wir können heute viel für die Leute machen und sie auch auffangen.“ Er rät Patienten, Fragen zu stellen, und vor allem sollten sie nicht alles glauben, was sie im Internet lesen.
Das Motto „Gemeinsam einzigartig“ zeige, dass „wir die Power von ganz vielen Menschen nutzen, um unseren Patienten in vielen Bereichen zu helfen“, sagt Ulmer. Auch wenn dabei nicht alle Menschen und Berufsgruppen immer im Vordergrund stehen würden.
Brustkrebs, Prostata-Krebs, Dickdarm- und Enddarmkrebs sowie Lungenkrebs seien Erkrankungen, die häufig vorkommen. „Aber da wir hier ein großes Zentrum sind, sehen wir natürlich auch viele seltenere Erkrankungen sehr häufig“, sagt er. Die Behandlungsmöglichkeiten für die über 300 Krebsarten würden stetig verbessert. So zähle zum Beispiel die Immuntherapie (Checkpoint-Inhibitoren) neben der Chemotherapie bei einigen Erkrankungen zum Standard.
Innovative Therapieansätze
Man habe lange gedacht, dass das Immunsystem den Krebs bekämpfen könne. Doch die Krebszellen tarnen sich. Stark vereinfacht sorge die Immuntherapie dafür, dass das Immunsystem die Krebszellen wieder erkennt. Das habe die Therapie bei manchen Erkrankungen wie dem schwarzen Hautkrebs (malignes Melanom) revolutioniert. Gab es vor einigen Jahrzehnten nur eine schlecht wirksame Chemotherapie, „habe ich heute viele Patienten, die aufgrund der Immuntherapie trotz Metastasen wahrscheinlich geheilt sind“, sagt Ulmer.
Hinzu kommen andere innovative Therapieansätze wie etwa die „BiTE“-Antikörper (Bi-specific T-cell engagers), bei denen eine Immunzelle direkt mit einer Krebszelle verbunden wird und diese dann zerstört. Die Therapie sei zunächst bei Lymphknotenkrebs und Blutkrebserkrankungen eingesetzt worden, gewinne aber nun auch in der Onkologie an Bedeutung. Mittlerweile gebe es auch trispezifische Antikörper, von denen man sich noch mehr Effekte verspreche. „Im Gegenzug verliert die Chemotherapie an Bedeutung“, sagt Ulmer. Für den Patienten bedeute das häufig eine bessere Verträglichkeit. Aber auch die neuen Wirkstoffe seien nicht ohne Nebenwirkungen. „Wir müssen als System ständig lernen mit neuen Substanzen umzugehen, das ist eine richtige Herausforderung“, sagt Ulmer.
Dabei sei jede Krankheit individuell: „Selbst wenn zwei Patienten Lungenkrebs haben, der unter dem Mikroskop gleich aussieht, sind es trotzdem unterschiedliche Erkrankungen“, sagt der Arzt. Die Entstehungsgeschichte führe zu unterschiedlichen Mutationen in den Genen. „Den einen Krebs gibt es nicht“, sagt er.
Zwei Ansätze bei den Therapien
In der Therapie gebe es zwei Ansätze: Bei vielen Erkrankungen sei bekannt, welche Gene eine Rolle spielten. Diese werden dann standardmäßig bestimmt. Wenn Gen-Veränderung 1 vorliegt, ist Therapie A günstig, bei Veränderung 2 ist Therapie B günstiger. Manchmal lasse sich auch der Verlauf einer Erkrankung – günstig oder ungünstig – aus den Genen ablesen. Das helfe bei der Entscheidung, ob Maßnahmen wie chirurgische Therapien sinnvoll sein können oder nicht. Bei anderen Erkrankungen, wie zu Beispiel dem Bronchialkarzinom, gebe es jedoch mindestens 30 unterschiedliche Erkrankungen. Für deren Therapie seien aufwendige Untersuchungen nötig, um den genetischen Treiber herauszufinden und zu behandeln.
In Ludwigsburg werde Krebsmedizin auf extrem hohem Niveau angeboten. Dabei ist es dem Arzt wichtig, „den Menschen unterwegs nicht zu vergessen“, sagt Ulmer: „Wir behandeln die Menschen immer besser, immer länger.“ Das heiße aber auch, dass die absolute Zahl an Menschen, die behandelt werden, steigt. Dem stehe die sinkende Zahl an Behandlern gegenüber und die immer komplexer werdenden Therapien – ein Problem in ganz Deutschland. „Momentan bekommen wir das noch hin“, sagt Ulmer. Aber aufhalten lasse sich diese Entwicklung nicht ewig.
Sport und Ernährung
Der Arzt schätzt, dass sich das Wissen über die Erkrankungen quasi alle zwei Jahre verdoppelt. Bei sämtlichen Krebserkrankungen auf dem neuesten Forschungsstand zu bleiben, werde zum Problem, dem sich auch die Fachgesellschaften stellen müssten. In einigen Ländern gibt es schon Experten für bestimmte Krebserkrankungen. In Deutschland gebe es das vor allem auch an den Unis, dass Kollegen nur noch eine oder zwei Krebserkrankungen behandeln.
Was können Krebspatienten selbst tun, um die Folgen der Erkrankung zu mildern? „Sport hat einen sehr positiven Einfluss auf alle Dimensionen einer Krebserkrankung“, sagt Matthias Ulmer. Der Effekt von Physiotherapie oder anderem Sport sei teilweise so extrem stark, dass man Sport eigentlich verschreiben müsste. Was die Ernährung angehe, müsse man unterscheiden: „Bis heute gibt es keine anerkannte Krebsdiät“, sagt Ulmer. Es gebe keine Ernährung, die dazu führe, dass der Krebs weniger wird. Doch ein Gewichtsverlust während einer Behandlung – zum Beispiel, weil der Patient keinen Hunger hat – könne einen negativen Einfluss haben. Wenn jemand dann ein Stück Sachertorte essen möchte, sollte er das tun, empfiehlt der Arzt – auch wenn darin viel Zucker enthalten sei. Dieser sei zwar generell schädlich und sollte möglichst minimiert werden. Doch während einer Krebsbehandlung sei eine Gewichtsabnahme problematischer.
Anders sieht es im Bereich der Prävention aus. Um Krebserkrankungen zu vermeiden, spiele Ernährung durchaus eine Rolle. Man sollte auf stark verarbeitete Nahrungsmittel verzichten. Denn diese könnten an der Entstehung von Dickdarmkrebs beteiligt sein. Eine skandinavische Studie weist nach, dass Menschen mit einer mediterranen Diät das Risiko für eine Krebserkrankung des Dickdarms bis zu 25 Prozent senken könnten. Viel Gemüse, wenig Fleisch und gelegentlich Fisch kommt auch bei Matthias Ulmer selbst vor allem auf den Teller. Der Arzt fährt mit dem Rad zur Arbeit, denn auch beim Sport gibt es präventive Effekte.
Die Früherkennung sei vor allem bei den gynäkologischen Tumoren, beim Darmkrebs, bei den Hauttumoren und bei der Prostata wichtig. „Je früher ich die Erkrankung finde, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich sie noch heilen kann“, sagt Ulmer.
Sonneneinstrahlung, Alkohol und Zigaretten wirkten sich schädlich auf die Gesundheit aus genau wie „Chemikalien wie Glyphosat, die uns alle umgeben“. Was Mikroplastik in den Körpern macht, sei noch nicht bekannt. Aber Ulmer kann sich vorstellen, „dass das keine positiven Effekte auf uns hat“. Manche Krebsarten wie Brust- und Darmkrebs können vererbbar sein, dies sei nicht bei allen Erkrankten so. Das Risiko, ein Mammakarzinom zu bekommen, sei höher, wenn ein Verwandter ersten Grades betroffen ist. „Ich finde es wichtig, aufzuklären. Aber man darf den Leuten auch nicht das Gefühl geben, sie sind schuld, dass sie jetzt die Krebserkrankung bekommen haben, weil sie nicht zur Vorsorge gegangen sind oder sich schlecht ernährt haben“, findet Ulmer.
Inspirierende Menschen
Künstliche Intelligenz (KI) gewinne auch in der Medizin an Bedeutung, zum Beispiel bei der Untersuchung von Knochenmarkausstrichen könne man davon profitieren. Diese sei komplex, dabei könne KI helfen. „Meine Generation hat das noch von der Pike auf gelernt. Wir machen automatisch einen Plausibilitätscheck. Meine Sorge ist, dass das den nachfolgenden Generationen fehlen wird und wir abhängig werden von der KI“, sagt Ulmer.
Der Arzt ist auch für die Palliativstation verantwortlich. Wenn Menschen realisieren, dass das Leben zu Ende geht, würden sie sich fragen: Was bleibt von mir? Sie würden sich fragen, ob sie etwas Gutes bewirkt haben und ob sie sich vielleicht noch bei jemandem entschuldigen sollten. „Das ist etwas, was mich in meinem Beruf demütig macht, weil ich Leute in solchen Situationen begleiten darf“, sagt Ulmer: „Ich lerne viele inspirierende Menschen mit spannenden Biografien kennen.“ Es helfe einem selbst zu verstehen, dass es jeden Moment zu Ende sein kann. „Es muss gar nicht Krebs sein.“ Es gebe viele Krankheiten, die nicht das Stigma einer Krebserkrankung haben, aber bei denen Betroffene unbehandelt schlechtere Prognosen hätten als Krebspatienten. „Aber darüber wird in der Öffentlichkeit weniger gesprochen.“
Zum Weltkrebstag veranstalten die RKH Kliniken am Samstag, 7. Februar, ein Vortragsprogramm:
