Das sogenannte Primärärztesystem ist derzeit im Bundestag in der Gesetzesprüfung. Ziel ist es, dass Versicherte bei Beschwerden immer zuerst die Hausarzt- oder eine sogenannte Primärarztpraxis aufsuchen müssen, mit der sie für ein Jahr einen verbindlichen Vertrag geschlossen haben. Von dort werden sie dann bei Bedarf an Fachärzte überwiesen. Ziele sind die Entlastung von Fachärzten und die Vermeidung von Doppeluntersuchungen. Zudem erfüllt der Hausarzt eine Art Lotsenfunktion, weil er die gesamte Behandlung koordiniert. Die BZ sprach mit Dr. Carola Maitra, Vorsitzende der Ärzteschaft des Landkreises Ludwigsburg, über die geplante Primärärztepflicht.
Kreis Ludwigsburg Der Hausarzt als Lotse durchs System
Dr. Carola Maitra und die Ärzteschaft der Region sind grundsätzlich für das geplante Primärarztsystem, befürchten aber ein neues Bürokratiemonster.
Frau Dr. Maitra, wie blicken die Haus- und Fachärzte im Kreis auf die geplante Primärarzt-Pflicht?
Carola Maitra: Die Ärzteschaft ist sich mit der Politik darüber im Klaren, dass in der Steuerung von Patienten eines der Hauptprobleme unseres Gesundheitssystems liegt. Aktuell hat die Bundesgesundheitsministerin Nina Warken die Absicht eines Primärarztsystems geäußert, wobei die genaue Ausformulierung und -gestaltung derzeit noch offen ist und weiterer Beratungen in den Fachgremien bedarf.
Aufgrund der Komplexität des in weiten Teilen noch nicht geklärten Verfahrens sind wir als Ärzteschaft sehr gespannt auf die weiteren Beratungen. Wir Ärzte sind primär an der guten Versorgung der Bevölkerung interessiert und bringen uns deshalb gerne und aktiv in den Beratungsprozess mit ein. Allerdings sollte schon jetzt klar sein, dass auch ein Primärarztsystem nicht alle Probleme des Gesundheitswesens lösen wird und sich schon jetzt viele Fragen zur Bürokratisierung, zur Belastung der Kolleginnen und Kollegen und zur Kosteneffizienz ergeben. Dies gilt es auch im Weiteren sorgfältig zu prüfen.
Können die Hausärzte die zusätzlichen Patientenkontakte überhaupt stemmen?
Diese Fragestellung halten wir für durchaus berechtigt. Ein Primärarztsystem würde einerseits viele Facharztkontakte überflüssig machen, aber auch die Behandlung dieser Patienten müsste erst einmal erfolgen und kostet Zeit, Ressourcen und Kapazitäten. Grundsätzlich werden Regelungen und Verfahren gefunden werden müssen, um die Ansätze so unbürokratisch und einfach wie möglich zu gestalten - unbedingt muss verhindert werden, dass mit der neuen Regelung ein neues Bürokratiemonster geschaffen wird.
Und fürchten Fachärzte dadurch Umsatzeinbußen?
Die Fachärzte in unserer Region sind so ausgelastet, dass wir davon ausgehen, dass natürlich zu verzeichnende Umsatzeinbußen keine Rolle spielen. Nach Ansicht meiner fachärztlich niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen erhoffen diese sich durch Vorschaltung eines Primärarztes die Möglichkeit der Konzentration auf die Fälle, die wirklich gebietsärztliche Expertise benötigen. Nicht jeder Rückenschmerz muss vom Orthopäden und nicht jeder Bluthochdruck primär vom Kardiologien behandelt werden. Der Vorteil liegt bei einem Primärarztsystem sicher darin, dass die primärärztlichen Kollegen sehr genau wissen, an welcher Stelle fachärztliche Expertise erforderlich ist.
Wie rechnet sich das für die Hausärzte?
Die Regelungen hierzu sind derzeit noch völlig offen. Ich kann Ihnen aber gerne versichern, dass die Honorarfragen sicher sehr weit hinten in der Reihenfolge der Fragestellungen stehen. Mit der Hausarztzentrierten Versorgung (HZV) besteht gerade bei uns in Baden-Württemberg ein seit Jahren bewährtes und etabliertes primärärztliches Modell, in dem sowohl die Versorgung der Patienten besser ist, die Koordination durch die hausärztlichen Praxen intensiviert erfolgt und auch die Honorierung der Ärzte ordentlich ist.
An dieser Stelle stellt sich für uns Ärzte wirklich die Frage, warum im Rahmen der geplanten Gesundheitsreform dieses Erfolgsmodell beschränkt werden soll, anstatt die HZV als echtes Primärarztmodell weiter auszubauen.
