Kreis Ludwigsburg „Der Mechaniker der Regierungskoalition“

Von Claudia Mocek
Von seinem privaten Handy hat Tobias Vogt Facebook, TikTok und Co. entfernt. Foto: /Oliver Bürkle

Seit Kurzem ist Tobias Vogt CDU-Fraktionsvorsitzender im Landtag. Mit der BZ hat er über neuen Aufgaben, die Auswirkungen von Social Media und den Umgang mit der AfD gesprochen.

Mehrheiten beschaffen, Verhandlungen führen, Debatten lenken: Seit Anfang Mai ist Tobias Vogt Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion in Baden-Württemberg. Die BZ hat den 41-Jährigen aus Kirchheim, der bei der Landtagswahl im Wahlkreis Bietigheim-Bissingen das Direktmandat gewann, im Haus der Abgeordneten in Stuttgart getroffen und mit ihm über seine neuen Aufgaben, die Auswirkungen von Social Media und den Umgang mit der AfD gesprochen.

Vom Generalsekretär zum Fraktionsvorsitzenden. Was reizt Sie besonders an Ihrer neuen Rolle?

Ich bin in die Politik gegangen, weil ich gestalten will. Das war für mich immer das Entscheidende. Als Unternehmer wollte ich nicht nur „bruddla“, sondern mit anpacken, was bewegen. Diese Einstellung hat mich über den Gemeinderat in den Landtag und jetzt in das Amt des Fraktionsvorsitzenden geführt. Als Generalsekretär habe ich für den Kurs der CDU geworben. Jetzt geht es darum, diesen Kurs durch den Landtag zu bringen und daraus konkrete Politik zu machen. Ich habe zwei Jahre für diesen Weg gekämpft – jetzt darf ich mit dafür sorgen, dass er Wirklichkeit wird. Was gibt es Schöneres?

Stefan Mappus war ein machtbewusste Polarisierer, Günther Oettinger ein Netzwerker und Modernisierer. Wie würden Sie sich beschreiben?

Ich sehe mich als der Mechaniker im Maschinenraum der Regierungskoalition. Für mich ist die CDU-Landtagsfraktion der Hüter des Koalitionsvertrags. Wir sind der inhaltliche Motor der Regierungskoalition. Wir müssen jetzt liefern und den Koalitionsvertrag so umsetzen, dass er im Alltag der Menschen ankommt und dort zu konkreten Verbesserungen führt.

Welche inhaltlichen Prioritäten wollen Sie setzen?

Die Ziele sind klar: Arbeitsplätze und Wirtschaft, innere Sicherheit und Bildung. Aktuell hat die Wirtschaft die höchste Dringlichkeit, denn sie steht massiv unter Druck. Da müssen wir die Ärmel hochkrempeln und die Voraussetzungen schaffen, dass sie wieder wachsen kann. Dazu müssen wir die Bedeutung der Wirtschaft bei politischen Abwägungen wieder stärker gewichten. Denn nur eine starke Wirtschaft schafft Arbeitsplätze, Wohlstand und die Spielräume für alles andere: Infrastruktur, Klimaschutz, Bildung und soziale Sicherheit.

Zu Ihren Prioritäten zählt auch die Bildung.

Eine gute Bildung ist die Voraussetzung für alles andere. Sie entscheidet über Lebenswege, Aufstieg und die Zukunft unseres Landes. Als CDU wollen wir Chancengleichheit am Start, ohne Ergebnisgleichheit am Ziel zu erzwingen. Wir glauben an Leistung und Fleiß. Aber dafür müssen Kinder überhaupt die Chance haben, mitzukommen. Deshalb ist Sprache der Schlüssel. Wer in die Schule kommt, muss Deutsch verstehen und sprechen können.

Wie soll diese Reform aussehen?

Wir ergänzen die vierjährige Grundschule um ein verpflichtendes letztes Kindergartenjahr. Dort sollen Sprachdefizite aufgeholt werden, bevor die Kinder in die erste Klasse kommen. Das kostet viel Geld, rund eine Viertelmilliarde Euro pro Jahr. Aber das ist gut investiertes Geld. Denn Bildungserfolg ist der Schlüssel für ein erfülltes Leben und sozialen Aufstieg.

Profitiert die Region Ludwigsburg von Ihrer neuen Funktion?

Ich mache nicht Politik nach Postleitzahlen. Mein Auftrag besteht darin, Politik für alle Menschen in Baden-Württemberg zu machen. Als stellvertretender Bürgermeister und Gemeinderat in Kirchheim kenne ich die Herausforderungen aus erster Hand. Der Landkreis Ludwigsburg ist wie Baden-Württemberg im Kleinen – mit allen Chancen und Herausforderungen des Landes. Mein Wahlkreis ist für mich der Realitätscheck für die Landespolitik. Was in Stuttgart entschieden wird, muss zu Hause tragen.

Haben Sie Andrea Wechsler als ihrer Nachfolgerin im Amt der Generalsekretärin schon Tipps gegeben?

Wir freuen uns beide auf die Zusammenarbeit. Andrea Wechsler ist eine hoch engagierte Europa-Abgeordnete, die in Brüssel für Wirtschaft zuständig ist. Da hätte dem Land nichts Besseres passieren können. Andrea Wechsler und ich sind gut befreundet, wir stehen in engem Austausch.

Wie haben Sie die Wahlniederlage vom 8. März verarbeitet?

Natürlich hätten wir uns ein anderes Ergebnis gewünscht. Aber das ist das Ergebnis, das uns die Menschen in Baden-Württemberg mitgegeben haben. Als Demokrat nehme ich dieses Ergebnis in Demut entgegen. Ich hinterfrage nicht die Wählerinnen und Wähler, ich hinterfrage mich selbst. Eine Frage treibt mich besonders um: Wie behaupten wir uns künftig in einer Öffentlichkeit, in der gezielte Kampagnen in sozialen Medien Stimmungen sehr schnell drehen können?

Wie stehen Sie nach dem Landtagswahlkampf zu sozialen Medien?

Ich habe für mich privat entschieden: Facebook, TikTok und Co. kommen vom Handy runter. Diese Netzwerke sind oft nicht sozial, sondern unsozial. Sie machen Menschen nervöser, härter, gnadenloser.

Als Vater von drei Kindern beschäftigt mich das sehr. Wir haben früher auch Quatsch gemacht. Aber davon gab es kein Video, das Jahre später wieder auftaucht. Unsere Kinder wachsen in einer Welt auf, in der jeder Fehler gespeichert, geteilt und irgendwann gegen sie verwendet werden kann.

Deshalb brauchen wir eine neue Gelassenheit. Nicht jeder jugendliche Fehltritt darf einem Menschen ewig nachgetragen werden. Im Rechtsstaat kennen wir Verjährung. Im Netz gibt es sie kaum. Umso wichtiger ist doch für unsere Gesellschaft: Wenn wir nicht vergessen können, müssen wir vergeben lernen.

Wie können die etablierten Parteien Vertrauen zurückgewinnen?

Indem wir die Probleme lösen. Das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger kommt dann von alleine.

Welche Rolle spielt dabei der Umgang mit der AfD?

Wir müssen die AfD dort stellen, wo es konkret wird. Nehmen wir Europa. Wenn die AfD raus will aus der EU, dann muss sie den Menschen auch sagen, was das für Arbeitsplätze bedeutet – etwa bei AMG in Affalterbach, bei unseren Zulieferern und im Mittelstand. Europa ist unser Heimatmarkt. Der Export ist unser Geschäftsmodell. Die AfD redet von Heimat. Aber ihr Programm gefährdet genau das, wovon unsere Heimat lebt: Arbeit, Wirtschaft und Wohlstand.

Was ist Ihr nächster Karriereschritt – Ministerpräsident?

Nein, denn der nächste Ministerpräsident wird Manuel Hagel.

Ist die Bundespolitik eine Option für Sie?

Auf keinen Fall. Ich liebe dieses Land und die Menschen hier. Erst recht will ich nicht wochenlang von meiner Familie getrennt sein. Mir gefällt Landespolitik, weil sie nah am Leben ist: Kommunen, Straßen, Bildung, Alltag. Hier entscheidet sich, ob Politik bei den Menschen ankommt. Genau daran will ich arbeiten.

Wie sieht Ihr Ausblick für die nächsten Monate aus?

Gerade wird im Bund viel die Rampe hochgeschoben – etwa bei Gesundheit und Rente. Da werden große Fragen angepackt, vor denen Politik zu lange ausgewichen ist. Entscheidend ist jetzt, ob die Regierung diese Themen auch über die Rampe bringt. Wenn das in den nächsten Monaten gelingt, zeigt die demokratische Mitte: Wir können Probleme nicht nur beschreiben, sondern lösen. Daraus kann neues Vertrauen entstehen.

Vermissen Sie manchmal Ihren früheren Job in der Autowerkstatt?

Ich mache das, was ich heute mache, sehr gerne. Aber ich denke oft an meine Zeit in der Wirtschaft zurück. In der Werkstatt hat man entschieden, angepackt und ziemlich schnell gesehen, ob es funktioniert. In der Politik dauert vieles länger. Natürlich kann man ein Unternehmen nicht eins zu eins mit einem Land vergleichen. Aber etwas mehr von dieser Haltung würde der Politik guttun: weniger vertagen, klarer entscheiden, schneller sehen, was wirkt.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
 
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