Kreis Ludwigsburg „Der Weinbau ist in einer schwieriger Situation“

Von Michael Soltys
Dietrich Rembold, Vorstandschef der Genossenschaft der Lauffener Weingärtner, führt seit Februar 2025 den Württembergischen Weinbauverband. Foto: Werner Kuhnle

Dietrich Rembold, Präsident des württembergischen Weinbauverbandes, äußert sich zur aktuellen Krise der Weinbranche und den Forderungen an die Politik.

Sinkender Absatz, steigende Kosten, Verlust an Anbaufläche, Betriebsaufgaben – der Weinbau steckt in der Krise, nicht nur in Württemberg. Was sind die Ursachen, wen trifft es besonders hart und wie lässt sich gegensteuern?

Dazu äußert sich Dietrich Rembold im Gespräch mit der Bietigheimer Zeitung. Rembold, Vorstandschef der Genossenschaft der Lauffener Weingärtner, führt seit Februar 2025 den Württembergischen Weinbauverband.

Herr Rembold, im Moment schauen Sie bestimmt gerne nach draußen in die Natur und erwarten eine spannende Weinlese.

Dietrich Rembold: Bei dem wechselhaften Wetter schaue ich vor allem in den Himmel. Der Regen ist nicht ganz so toll, wenn wir jetzt mit der Lese starten. Wir freuen uns über jede sonnige Stunde. Der eine oder andere Wengerter musste allerdings seinen Urlaub abkürzen, weil die Lese so früh beginnt.

Wie man hört, sollen die Aussichten in diesem Jahr sehr gut sein.

Ja. Qualität und Menge passen perfekt zusammen. Das Bild draußen ist sehr gut. Die Trauben sind sehr gesund. Die Reife ist weit fortgeschritten. Wir sind sehr zufrieden.

Dieser eine gute Jahrgang wird den Wengertern sicher nicht aus den Schwierigkeiten heraushelfen. Von einer Krise des Weinbaus ist die Rede. Wo sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Ursachen?

Es sind im Wesentlichen zwei Punkte, die uns in Bedrängnis bringen: Die Schere zwischen den Kosten und den Erlösen geht immer weiter auseinander. Glas, Energie, Mitarbeiter – alles wird immer teurer. Die Erlöse sinken. Und es fehlt am Absatz. Das Volumen, das wir absetzen können, wird immer geringer. Nicht nur in Württemberg, sondern in Deutschland und weltweit. Das geht jetzt schon im vierten Jahr in Folge so. An einen ähnlich starken Rückgang der Nachfrage kann sich in der Branche niemand erinnern. Es gibt im Moment einfach zu viel Wein.

Teilen Sie die Befürchtung, dass viele Weinbaubetriebe in den nächsten Jahren aufgeben müssen?

Die wirtschaftliche Situation im Weinbau war schon in den vergangenen Jahren schwierig. Das hat jetzt an Tempo zugenommen. Die Rebfläche war allerdings in vergangenen Jahren nicht zurück gegangen. Immer wenn Rebfläche von einem Betrieb aufgegeben wurde, hat sie jemand übernommen. Jetzt aber sind wir an einem Punkt der Sättigung, an dem Rebfläche überflüssig wird. Im Moment ist auch die Produktion deutlich zu groß. Das sorgt für sinkende Preise. Als Konsequenz muss das Angebot nach unten. Da macht es sehr viel Sinn, Lagen, die nicht gut sind oder schwer zu bewirtschaften, aufzugeben.

Das heißt also, dass die Branche vor einem Schrumpfungsprozess steht? Wen wird es treffen? Die Familienbetriebe? Die Genossenschaften?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Zufrieden ist gerade niemand. Mit der Betriebsstruktur hat das nichts zu tun. Das trifft Genossenschaften genauso wie Kellereien und Weingüter. Wer einen guten Verkauf ab dem Hof hat, hat die Nase vorne. Wer viel im Discount und im Lebensmittelhandel unterwegs ist, der tut sich gerade schwerer. Kellereien, die ansonsten viele Trauben zugekauft haben, können das jetzt etwas regulieren.

Es war die Rede davon, dass 30 Prozent aller Weingüter aufgeben müssen.

Es gibt Schätzungen des Weinbauverbandes Württembergs und des Deutschen Weinbauverbandes, dass rund 30 Prozent der Weinbaufläche entfallen könnten. Doch ob das eintrifft, lässt sich nicht bestimmen. Ebenso wenig das Tempo, in dem das vorangeht.

Welche Strategien entwickelt der Weinbauverband, um der Krise gegenzusteuern?

Der Weinbauverband kann mit Finanzmitteln sehr wenig erreichen. In der Branche gibt es allerdings auch sehr unterschiedliche Interessen. Unsere tägliche Arbeit besteht in Kommunikation und Überzeugungsarbeit. In Richtung der Gesellschaft, der anderen Verbände, um gemeinsame Ziele zu formulieren, und vor allem in Richtung der Politik. Das ist unsere Hauptaufgabe.

Welche aktuellen Erwartungen haben Sie also an die Politik?

An erster Stelle schnelles Handeln. Der Weinbau ist in einer sehr schwierigen Situation. Es ist viel gesprochen und versprochen worden, aber noch wenig ist umgesetzt worden.

Was müsste denn kommen?

Ganz, ganz oben auf der Liste steht der Wunsch nach Rotationsbrachen. Das bedeutet: Ein gerodeter Weinberg wird diversifiziert, ökologisch aufgewertet und gepflegt. Diese Landschaften, die entstehen, können gestaltet werden. Wir können Flächen zusammenfassen, für den Fall, dass weiter Weinbau betrieben werden soll. Oder wenn eine Fläche für Solaranlagen geeignet ist. Mit der Biotopvernetzung würden wir uns um ein Vielfaches leichter tun. Die Förderung für die Rotationsbrache sollte spätestens enden, wenn das Pflanzrecht für Reben auf der Fläche ausläuft. Das sind im Moment fünf Jahre nach der Rodung.

Wir möchten den Zeitraum auf acht Jahre verlängern, um die Landschaft gestalten zu können.

Das klingt wie eine Forderung nach Förderung eines Strukturwandels.

Es ist definitiv ein Strukturproblem und kein konjunkturelles. Die Rebfläche ist zu groß. Der Konsum geht zurück. Wir rechnen nicht damit, dass sich das schnell wieder ändert.

Der Strukturwandel zeigt sich sehr auffällig in den Steillagen. Warum trifft es die Weinberg-Terrassen so besonders hart?

Das hat vor allem mit der Wirtschaftlichkeit zu tun. Überall dort, wo Arbeitskräfte beschäftigt werden müssen, geht die Wirtschaftlichkeit schnell in die Knie. Wir rechnen für die reinen Terrassenlagen 1500 Arbeitsstunden pro Hektar und Jahr. Bei einem Mindestlohn, der mit 15 Euro im Gespräch ist, kostet die Arbeitsstunde rund 18 Euro. In der Summe entstehen Lohnkosten von 27.000 Euro pro Hektar. Es ist im Moment nur sehr selten möglich, dies über den Verkauf wieder hereinzuholen. Die Lagen sind außerdem sehr schwer zu bewirtschaften. Der gesellschaftliche Wunsch, die Lagen zu erhalten, reicht einfach nicht aus. Sonst wäre die Kundschaft doch bereit, mehr Geld für Steillagen-Weine auszugeben.

Welche mittel- und langfristigen Folgen befürchten sie von dieser Entwicklung?

Es entsteht ein Flickenteppich, ein Schachbrettmuster in den Steillagen. Wir sind mit den Landratsämtern im Gespräch, das zu ordnen. Es ist der schlechteste Fall, wenn sich unbewirtschaftete oder gerodete und bewirtschaftete Flächen abwechseln. Das ist ein Punkt, der für die angesprochene Rotationsfläche spricht.

Ist das nicht sehr schwierig angesichts der kleinteiligen Eigentümerstruktur in Württemberg?

Das stimmt in der Tat. Wir bewegen uns in Richtung Flur-Neuordnung. Wir müssten aus den vielen kleinen Parzellen Einheiten bilden, um mit der Fläche etwas anfangen zu können. Diese Verfahren dauern alle viel zu lange. Wir reden von Dekaden. Aber diese Zeit haben wir nicht. Wir haben die Unterstützung der Verwaltung und der Politik. Aber die Suche geht in Richtung Nachnutzung. Was machen wir mit den Terrassen?

Es gibt den Vorschlag Solaranlagen in die Weinberg-Terrassen zu setzen.

Das halte ich für unsinnig. Dazu sind die Steillagen viel zu warm. Die Unterhaltung der Anlagen wäre sehr aufwendig und teuer. Die Veränderung des Landschaftsbildes verträgt auch nicht jedes Herz.

Vielen Dank für das Gespräch.

 
 
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