Kreis Ludwigsburg Die Lücken im Weinbau werden größer

Von Michael Soltys
Entlang des Neckars bei Mundelsheim, aber auch bei Hessigheim, Bönnigheim oder Lauffen, sieht man immer häufiger brachliegende Weinbauflächen, ständig kommen neue hinzu. Fast alle Weinregionen sind vom Wegfall der Weinberge betroffen. Das Landschaftsbild verändert sich dadurch sehr stark. Foto: /Oliver Bürkle

Die Betriebe stehen vor existenziellen Herausforderungen, sagt Weinbaupräsident Dietrich Rembold aus Lauffen. Rotationsbrachen sollen gegensteuern.

Mit jedem Wein, mit jeder Winzergenossenschaft, die wir verlieren, geht ein Teil Weinkultur und ein Teil Kulturlandschaft möglicherweise unwiederbringlich verloren.“ Mit diesen eindringlichen Worten beschrieb Ministerpräsident Cem Özdemir (Die Grünen) vor wenigen Tagen die Situation im Weinbau des Landes. Landwirtschaftsministerin Marion Gentges von der CDU sprach gar von einer existenziellen Krise. Anlass war die Vorstellung eines neuen Förderprogramms zur Stützung der Weinbauern. Ein zentraler Punkt: die vorübergehende Stilllegung von Rebflächen, in der Branche Rotationsbrache genannt.

Situation ist durchaus existenzbedrohend

Für Dietrich Rembold, Weinbaupräsident von Württemberg, haben Özdemir und Gentges keineswegs übertrieben. Die Möglichkeit, mit dem Anbau von Wein Gewinn zu erzielen, sei „stark reduziert“, sagte er im Gespräch mit der BZ. Für einzelne Betriebe sei die Situation „durchaus existenzbedrohend“.

Die Kosten im Weinbau steigen stetig. Vor allem der zu Jahresbeginn erneut erhöhte Mindestlohn von 14,60 Euro macht den Winzern zu schaffen. Der Weinbauverband habe sich um eine Ausnahmeregelung für die ausländischen Saisonkräfte bemüht, die vor allem während der Lese beschäftigt werden. „Das hat nicht funktioniert.““

Seit vier Jahren geht der Absatz von Wein ständig zurück, schildert Rembold eine weitere Ursache der Krise. Die Menschen trinken weniger Wein, vor allem junge Menschen meiden das Getränk. Das sei ein weltweites Phänomen. Die Folge: Weinberge werden stillgelegt.

Innerhalb eines Jahres schrumpfte beispielsweise die bewirtschaftete Fläche der Felsengartenkellerei von 703 auf 576 Hektar, berichtete die Genossenschaft im Sommer letzten Jahres. Von Jahr zu Jahr vergrößern sich die Brachen, sichtbar vor allem in den Steillagen des Mittleren Neckar.

Doch es trifft längst nicht mehr nur die einstigen Prunkstücke der Weinbau-Landschaft, die intensiv und mit hohen Kosten bewirtschaftet werden müssen. Auch in den Lagen, die mit Traktoren befahren werden können, werden die Lücken größer. Ein Ende ist nicht abzusehen.

Der weitere Rückgang an Flächen ist aus Sicht des Weinbaupräsidenten sogar „unvermeidlich“, um auf den Mangel an Weinkonsum zu reagieren. Jüngste Nachrichten bestätigen Rembolds Sorge um die Betriebe. Die Bottwartalkellerei musste im Juni die Auszahlung von Traubengeld aussetzen. Auch in dieser Genossenschaft war die Rebfläche von einst 500 Hektar innerhalb weniger Jahre um mehr als die Hälfte geschrumpft. Bereits vor einem Jahr hatte die Kellerei alle ihre Stahltanks verkauft, um Überkapazitäten in der Produktion abzubauen.

Schlimmer traf es Anfang Juli die Genossenschaft „Winzer von Baden“ in Wiesloch, der zahlreiche Weinbauern aus dem nahen Kraichgau angehören: Sie meldete Insolvenz an.

Manche Betriebe stellen den Weinbau einfach ein

Die Genossenschaften stehen wegen ihrer Größe besonders im Fokus, weiß Rembold, der selbst Vorstandschef der Lauffener Weingärtner ist. Die wirtschaftlichen Probleme bestehen jedoch „über alle Betriebsformen hinweg“, sagt Rembold. Vor allem fehle es den Betrieben an Liquidität.

Schlechte wirtschaftliche Entscheidungen „rächen sich bitter, sie können nicht mehr aufgefangen werden“. Wer Reserven gebildet hat und seine Stellung in der Vermarktung behaupten konnte, sagt Rembold, halte länger durch. Nicht immer ist die Insolvenz der Ausweg. Manche Betriebe haben den Weinbau einfach eingestellt und aufgehört, berichtet Rembold.

Mit der jetzt von der grün-schwarzen Landesregierung verkündeten Förderung von Rotationsbrachen „bekommen wir die Produktionsmenge schnell nach unten“, hofft Rembold. Aus seiner Sicht besteht die Chance, wieder „Flächen mit Gewinn“ zu bekommen.

Freundlicheres Landschaftsbild durch Diversität

Rotationsbrachen haben einen gewichtigen Vorteil: Wengerter können Rebflächen roden, ohne das Recht auf die Pflanzung von Reben zu verlieren. Dafür gibt es einen Zuschuss von 2500 Euro pro Hektar. Auf den gerodeten Flächen werden Blumen und Gräser ausgesät. Das stärkt die Diversität und sorgt für ein „freundlicheres Landschaftsbild“, hofft Rembold.

Zwei Jahre lang gilt die Förderregelung der Landesregierung. Dann muss eine endgültige Entscheidung fallen. Werden wieder Reben gesetzt oder wird der Wengert anders genutzt? Als Allmende vielleicht? Oder als Spielplatz, als Biotop, als einfache Ackerfläche? Sicher ist für Weinbaupräsident Dietrich Rembold nur eines: Der Rückgang an Weinbergen werde durch Rotationsbrachen aber beschleunigt.

Hilfen der Landesregierung

Für die jetzt verkündeten Hilfen der Landesregierung ist Weinbaupräsident Dietrich Rembold dankbar. Aber sie allein „werden die Weinbaubetriebe nicht in die Rentabilität führen“, befürchtet er. Die finanzielle Förderung von Rotationsbrachen ist nur eine von zahlreichen Hilfestellungen. Bezuschusst werden Investitionen in die Kellerwirtschaft und die Vermarktung ebenso wie der Anbau selbst. Die Fördersätze wurden angehoben. Wiederbepflanzungen werden je nach Hangneigung künftig mit 10.000 bis 21.000 Euro je Hektar gefördert. Für terrassierte Handarbeitslagen sind bis zu 35.000 Euro je Hektar möglich.

Deutlich höher wird ab 2027 die Anpflanzung pilzwiderstandsfähiger Sorten gefördert, die den Einsatz von Spritzmitteln verringern. Je nach Hangneigung gibt es zwischen 20.000 und 70.000 Euro pro Hektar.

 
 
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