Kreis Ludwigsburg Dienstleister in traurigen Stunden

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Max Meyle bei einem Beratungstermin in der Filiale von Meyle-Bestattungen in Markgröningen. Der Sohn von Firmeninhaber Wolfgang Meyle und Kerstin Meyle tritt in die Fußstapfen seiner Eltern.⇥ Foto: Martin Kalb

Das Bestattungsunternehmen Meyle in Tamm gibt es seit 1902. Kerstin Meyle ist seit 30 Jahren Bestatterin. Sie kümmert sich sowohl um die Verstorbenen als auch um die Hinterbliebenen.

Vier Trauertypen, so sagt Kerstin Meyle, gebe es, und die Aufgabe eines Bestatters sei, genau auf den jeweiligen Typ einzugehen: Manche Angehörigen fallen in Erstarrung, „frosty“ sei der psychologische Begriff dafür. Diese Menschen seien nach dem Tod eines Menschen zu nichts mehr in der Lage, könnten keine Entscheidungen treffen, weder weinen noch reden. Die zweite Gattung an Hinterbliebenen seien hyperaktiv, verfielen in nervöses Handeln, räumten sofort die Wohnung leer, um sich zu beschäftigen.

Die dritte Art sitze nur da, teilnahmslos, sage zu allem Ja und Amen, so Kerstin Meyle. Die Menschen der vierten Kategorie seien zornig, wütend, schlügen verbal um sich, geben jedem – Ärzte, Pfleger – die Schuld am Tod des Angehörigen. „Ich muss in den Menschen, die mir gegenüber sitzen, viel lesen, um sie zu verstehen, um mich um ihre Belange kümmern zu können“, sagt die Bestatterin. Geduld sei die wichtigste Eigenschaft einer Bestattungsfachkraft, so der Name des Ausbildungsberufs. Das sei die eine Seite ihres Berufs, sich um die Belange der Angehörigen zu kümmern. „Bei Trauer herrscht Ratlosigkeit, da helfen wir“, sagt sie.

Die andere Seite ist, den Verstorbenen angemessen zu versorgen, ihn zu achten, ihn noch im Tod respektvoll zu behandeln. Und mit einer Feier sein Andenken ins richtige Licht zu rücken, sagt Kerstin Meyle. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet sie im Bestattungsunternehmen ihres geschiedenen Mannes Wolfgang, auch nach der Scheidung. Seit 1902 gibt es das Familienunternehmen Meyle in Tamm, mittlerweile auch in Markgröningen, Sachsenheim, Asperg und Bietigheim-Bissingen. Die jüngste Generation, der 21-jährige Sohn Max, sitzt in den Startlöchern, er arbeitet schon im Unternehmen mit.

Bestatter übernehmen auf Wunsch alles, was mit dem Tod eines Menschen zu tun hat. Sie erledigen die Behördentätigkeiten wie Sterbeurkunde oder Meldungen an die offiziellen Stellen. Dazu, so erklärt Kerstin Meyle, sei nur die Vorlage von Personalausweis, Geburtsurkunde, Heiratsurkunde, gegebenenfalls Scheidungsurteil oder Sterbeurkunde des schon verstorbenen Ehepartners nötig. „Also Unterlagen, die man eigentlich im Familienstammbuch findet“, sagt Meyle. Und selbst wenn Dokumente fehlen, übernimmt sie die Beschaffung. „Ich telefoniere oft stundenlang mit der halben Republik“, scherzt sie, „und oft auch mit dem Ausland“.

Wenn Dokumente nicht beschafft werden können, verloren gegangen sind, oder sich im Ausland befinden, und somit keine Sterbeurkunde ausgestellt werden kann, kann trotzdem eine Bestattung des Toten erfolgen, „mit einer sogenannten Rückstellung“, sagt Meyle. Aber ohne Todesurkunde gibt es beispielsweise für eine hinterbliebene Ehefrau keine Wittwenrente. Erst kürzlich, so erzählt Kerstin Meyle, habe sie den Fall eines Verstorbenen gehabt, der in Griechenland seine Frau geheiratet habe, die Heiratsurkunde sei dort geblieben, aber nicht mehr auffindbar. „Es wird sicher ein langer Prozess, bis die Wittwe Geld bekommt“, sagt sie.

Deshalb sei es immens wichtig, Vorsorge für den eigenen Tod zu treffen, sagt sie. „Es wäre schon gut, wenn alle notwendigen Dokumente zusammen sind“, sagt Meyle. Sie rät, das Familienbuch ordentlich zu führen.

Außerdem nimmt sich das Bestattungsunternehmen des Verstobenen an. „Ich finde, das ist eine sehr ehrenvolle Aufgabe, denn wir dürfen dem Toten die letzte Ehre erweisen.“ Dazu gehöre die letzte hygienische Pflege des Toten, „egal ob er bestattet oder verbrannt wird“, so Meyle. 80 Prozent ihrer Kunden ließe sich mittlerweile verbrennen.

Wünsche der Verstorbenen

Die Organisation der Bestattung ist die nächste Aufgabe des Bestatters. „Dabei geht es darum, den Verstorbenen nochmal ins rechte Licht zu rücken“, so Meyle. Dabei seien die Wünsche der Verstorbenen ebenso zu berücksichtigen wie die der Hinterbliebenen. „Luftbestattungen sind derzeit in Mode“, sagt sie. Dabei fahren die Angehörigen mit der Urne im Heißluftballon. Da es in Deutschland eine Bestattungspflicht gibt, darf die Asche nicht verstreut werden. Aber im benachbarten Frankreich, über bewaldeten Flächen, sei dies möglich, so Meyle.

Für sie persönlich ist der Friedhof ein wichtiger Ort. „Ich kann diesen Hype um Friedwälder nicht verstehen“, sagt sie. Zu weit weg seien diese, dass vor allem ältere Hinterbliebene ihre Verstorbenen nicht mehr besuchen können, „im Friedwald ist der Weg auch weit“, so Meyle. Sie werde oft angerufen, wo sich denn nun der Baum des Angehörigen befinde, man finde ihn nicht mehr. „Ich glaube, dass ein Friedhof ein sozialer Ort ist, wo sich Menschen treffen können, die die selben Erfahrungen gemacht haben, oft entwickeln sich da Freundschaften oder sogar neue Partnerschaften. „Mein Großvater hatte vor Jahren auf dem Friedhof eine neue Partnerin gefunden, die wie er den Ehegatten verloren hatte, neun Jahre lebten sie noch zusammen“, erzählt sie.

Info Zu Beginn des Trauermonats November, der mit Allerheiligen und Allerseelen beginnt, sowie den Volkstrauertag (17. November), den Buß- und Bettag (20. November) sowie den (Totensonntag (1. Dezember) beinhaltet, beschäftigt sich der Samstagsschwerpunkt der BZ in dieser Woche mit dem Thema Trauer und allem, was dazu gehört. Wie ein Kolombarium geplant wird, beschreibt der Artikel auf Seite 11. Über Sachsenheims sechs Friedhöfe, berichten wir auf Seite 12, ein Steinmetz in Bönnigheim macht individuelle Grabmäler (Seite 13).

 
 
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