Ihr braucht fünfzig Prozent Energie und nur zwanzig Prozent Schlagkraft“, sagt der Box-Trainer: „Ihr sollt den anderen nicht hauen, sondern vorsichtig miteinander Fangen spielen – mit Gefühl.“ Die drei jungen Männer fangen an, im Boxring umeinander zu tänzeln, zwei gegen einen. Es ist Dienstagnachmittag im Boxklub MBC in Ludwigsburg. Auch wenn die Nachwuchsboxer engagiert die Anweisungen des Trainers umsetzen – sie sind nicht freiwillig hier. Das Boxtraining ist Teil eines Sozialen Trainingskurses, den das Deutsche Rote Kreuz (DRK) anbietet.
Kreis Ludwigsburg Durchs Leben boxen, aber mit Gefühl
Beim Sozialen Trainingskurs für junge Straffällige des Roten Kreuzes geht es auch in den Boxring. Die BZ hat nachgefragt, wie die Jugendlichen davon profitieren können.
Ein Gericht hat die straffälligen Jugendlichen zur Teilnahme verpflichtet. „Wir bieten circa sechs Kurse pro Jahr an, diese sind immer gut ausgelastet, es gibt Wartelisten.“, sagen die beiden Sozialarbeiterinnen Elena Kotheder und Francesca Boshart vom DRK. Die Wartezeit für einen Kurs beträgt derzeit ungefähr drei Monate. Es ist das einzige Angebot dieser Art im Landkreis. Das Hauptziel: „Dass die Jugendlichen straffrei bleiben“.
Die Teilnehmer der Kurse sind zwischen 14 bis 20 Jahre alt und wurden zum Beispiel wegen Körperverletzung verurteilt. Im zehnteiligen Kurs stehen Respekt, Empathie, und das Einhalten von Regeln im Vordergrund. In den Gesprächseinheiten geht es darum, in der Gruppe über die Taten zu sprechen, sie zu reflektieren, sich seiner Gefühle bewusst zu werden, sich in die Opfer hineinzuversetzen und Verantwortung zu übernehmen. Auch die Biografiearbeit spielt eine Rolle.
Niemand soll vorverurteilt werden
„In den Gesprächen profitieren wir von den älteren und den jüngeren Teilnehmern in den Gruppen“, sagt Boshart. Dabei ist es den beiden Frauen wichtig, den Teilnehmern zu vermitteln, dass ihre Taten zwar schlimm waren, „aber dass sie als Personen nicht schlecht sind“, sagt Kotheder. „Uns ist es wichtig, dass hier niemand vorverurteilt wird“, so Boshart.
Der Mensch hinter der Tat
Drei der Kurseinheiten finden im Boxklub statt. Hier können die Teilnehmer ihre Energie loswerden und sich öffnen. Vielen falle es schwer, sich an Regeln zu halten oder eine Sache zu Ende zu bringen. Das Training im Ring könne für Erfolgserlebnisse und ein Gefühl der Selbstwirksamkeit sorgen, das Selbstvertrauen sowie soziale Kompetenzen stärken.
Bisher gab es nur Jungenkurse, was daran liegt, dass der prozentuale Anteil männlicher Täter etwa drei Mal so hoch sei wie der von Täterinnen. Künftig wollen Boshart und Kotheder auch einen Mädchenkurs anbieten.
Die Kurse wirken nach: Einige der Jugendlichen meldeten sich anschließend im Boxklub an und trainierten weiter. Es sei wichtig, so Boshart, mit ihnen über Tätigkeiten zu sprechen, die ihnen gut tun, das Boxen könne ein solcher positiver Faktor sein. Doch nicht nur der Sport, sondern auch die Sozialarbeiterinnen bleiben den Jugendlichen im Gedächtnis. Manche der ehemaligen Teilnehmer melden sich noch nach Jahren und schreiben, wie es ihnen geht.
Am Ende eines jeden Kurses steht ein Abschlussbericht, der mit den Teilnehmern besprochen wird: Wie haben sich die Jugendlichen im Kurs verhalten, welche Fortschritte sind deutlich geworden. Außerdem verfasst jeder einen Brief an sich selbst und nennt darin drei Ziele und drei Stärken. Dieser Brief wird den Jugendlichen sechs Monate nach Abschluss des Kurses geschickt – um ihnen ihre Zeit im Kurs in Erinnerung zu rufen. Zum Beispiel die Erkenntnis, dass der positive Effekt ihrer Tat nur von kurzer Dauer war, während sie mit den negativen Auswirkungen noch Monate später zu kämpfen haben.
Durchs Leben boxen
Dass man einen Teilnehmer später bei einer anderen Maßnahme wiedersieht, komme vor. Und natürlich lassen sich manche Jugendlichen mehr auf den Kurs ein als andere. Von den anfänglich acht bis zwölf Teilnehmern, die pro Kurs angesetzt sind, sind beim letzten Boxtraining an diesem Dienstagnachmittag noch drei übrig.
Am Ende liegt es immer in der Eigenverantwortung, meinen die Sozialarbeiterinnen. Mit dem Angebot wollen sie individuell auf die Herausforderungen der jungen Straffälligen eingehen. Damit sich alle erfolgreich durchs Leben boxen können – mit Gefühl.
