In einer Viertelstunde alle Stationen des Alltags erreichen, ob Arbeit, Einzelhandel, Gesundheitspflege, Bildung oder Freizeit – und das möglichst zu Fuß oder mit dem Fahrrad: Das ist die Idee der 15-Minuten-Stadt. Das stadtplanerische Konzept soll unter anderem den Stadtverkehr reduzieren, die Luftqualität verbessern, den Lärmpegel senken. Wien will bis 2040 zur 15-Minuten-Stadt werden, auch im Stadtentwicklungsplan in Berlin setzt man auf eine „Stadt der kurzen Wege“. Am bekanntesten ist wohl die Umsetzung der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, die das Seine-Ufer für Autos sperren ließ, Tempo 30 auf den meisten Straßen und extrem hohe Parkgebühren für SUVs durchgesetzt hat und den Ausbau von Fahrradwegen vorantreibt. Doch wie sieht es in der Region aus? Die BZ hat nachgefragt.
Kreis Ludwigsburg Eine Viertelstunde für den Alltag
Eine Stadt der kurzen Wege ist in Ludwigsburg ein erklärtes Ziel und wird auch in Bietigheim-Bissingen verfolgt. Für Sachsenheim sei das Konzept jedoch nur schwer umsetzbar.
Maximal 300 Meter zum Bus
In Ludwigsburg ist die „konsequente Umsetzung der 15-Minuten-Stadt“ erklärtes Ziel des Stadtentwicklungskonzeptes. Schon seit vielen Jahren arbeite man daran, eine Stadt der kurzen Wege zu schaffen, erklärt Bürgermeisterin Andrea Schwarz. Denn Wege zu reduzieren, reduziere auch den Verkehr. Eine funktionierende Stadtplanung sei anders gar nicht möglich, sagt sie. Man müsse berücksichtigen, wo die Kinder in die Schule gehen können, wo es Einkaufsmöglichkeiten gibt, wo eine Anbindung zum ÖPNV besteht.
Beispiele für Maßnahmen umfassen demnach die Öffnung von Einbahnstraßen für Radfahrer oder die Durchwegung neuer Wohnquartiere wie dem Fuchshof-Areal, ergänzt Matthias Knobloch, Fachbereichsleiter Nachhaltige Mobilität. Schon jetzt würde ein Großteil der Ludwigsburger maximal 300 Meter von einer Bushaltestelle entfernt leben. Wo das noch nicht der Fall ist, soll nachgebessert werden.
Einzelhandel ist das Problem
Aus verkehrsplanerischer Sicht sei die Barockstadt schon sehr weit, sagt Knobloch. Mit dem Pedelec sei quasi jeder Zipfel der Stadt in 15 Minuten erreichbar. Das Problem an der Umsetzung der 15-Minuten-Stadt liege vielmehr am Einzelhandel, sagt Bürgermeisterin Schwarz: Die Tendenz zur Konzentration der Nahversorgung mache kurze Wege nicht immer möglich.
Vor allem in Stadtteilen wie Hoheneck oder Poppenweiler könnten diese nicht gewährleistet werden. Kleinere Geschäfte könnten die Kriterien im Sinne der 15-Minuten-Stadt zwar erfüllen, bieten aber natürlich nur ein reduziertes Angebot. Was auf dem Papier bereits erreicht ist, deckt sich zudem nicht immer mit dem, was, auch bei der Bevölkerung ankommt, weiß Matthias Knobloch. Es gebe eine objektive 15-Minuten-Stadt und eine subjektive 15-Minuten-Stadt. „Die eine Seite ist die Planung, die andere die Realität der Bevölkerung.“ In Zukunft wolle man deshalb stärker in den Dialog treten mit den Ludwigsburgern, um zu sehen, wo man noch besser werden kann.
Aus Sicht der Stadt Bietigheim-Bissingen trägt das Konzept der 15-Minuten-Stadt zu einer klimafreundlichen Mobilität bei und stärkt lokale Strukturen, teilt die Sprecherin der Stadt, Anette Hochmuth, auf BZ-Anfrage mit. Die Stadt habe aufgrund ihrer Größe, Lage und Struktur gute Voraussetzungen, das Konzept der 15-Minuten-Stadt zu erfüllen.
Allerdings sei es nicht immer möglich, tatsächlich alles, was man zum Leben braucht, in 15 Minuten zu Fuß oder per Rad zu erreichen. Im Großen und Ganzen sei man jedoch laut Hochmuth gut aufgestellt: „Die weiterführenden Schulen sowie zahlreiche Sport- und Freizeitangebote sind in zentraler Lage innerhalb der Stadt angeordnet. Das Gebiet Ellental ist aus allen Stadtteilen gut zu erreichen.“ Die neuen Entwicklungen rund um den Bahnhof stellen zudem ein großes Potenzial für Verbesserungen dar, sagt Hochmuth: „Verknüpfung von Wohnen und Arbeiten, direkte Anbindung an den ÖPNV, Nahversorgung, medizinische Versorgung, et cetera.“
Konzept stärkt lokale Strukturen
Die Stadt arbeitet mit zwei Planungsgrundsätzen: Die „Stadt der kurzen Wege“ und den „zentralen Versorgungsbereichen“. Dem Ausbau von Fuß- und Radwegenetzen komme demnach eine besondere Bedeutung zu. Bei der Entwicklung neuer Gebiete werden zu Beginn wichtige Verbindungsachsen entwickelt, im Lothar-Späth-Carré beispielsweise die geplante direkte Verbindung zwischen Buchzentrum und Bahnhof, erklärt Hochmuth.
Im Rahmen der Bietigheim-Bissinger Zentrenstruktur wird der Innenstadt in Bietigheim eine zentrale Funktion für Einzelhandel zugeordnet, während die Zentren Bissingen und Buch vor allem die Nahversorgung abdecken.
„In weniger dicht besiedelten Stadtteilen ist es jedoch eine Herausforderung, bestimmte Angebote zu halten oder zu etablieren“, sagt Hochmuth. Beispiel Untermberg: Die Bewohner wünschen sich seit längerem einen Lebensmittelmarkt, muss doch bislang jedes Mal der Weg nach Bissingen oder nach Sachsenheim bewältigt werden. „Die Einwohnerzahl von Untermberg reicht jedoch nicht aus, um einen Lebensmittelmarkt wirtschaftlich betreiben zu können. Daher ist es langfristig sinnvoller den Nahversorgungsstandort Bissingen zu stärken und die Radwegeverbindung zwischen Untermberg und Bissingen zu verbessern.“
Auch im Buch läuft noch nicht alles rund: Da das Buchzentrum im Norden liegt, ist der südliche Stadtteil weniger gut in Sachen Nahversorgung abgedeckt. Mit der laufenden Planung für eine Neuordnung des alten Standorts der Bietigheimer Wohnbau biete sich jedoch eine Chance, zusätzliche Bewohner fußläufig nahzuversorgen, so Hochmuth. An dieser Stelle könnte demnach ein Lebensmittelmarkt integriert werden.
In Sachsenheim spiele das Konzept der 15-Minuten-Stadt keine vertiefte Rolle, sagt Pressesprecher Arved Oestringer. Im Allgemeinen sei dieses im ländlichen Raum nur schwer umzusetzen. Priorität habe vielmehr der Erhalt und die Stärkung der Nahversorgung und der Innenstadt, die für den Einzelhandel attraktiv bleiben soll. Zumindest aus Großsachsenheim sei diese auch fußläufig zu erreichen, sagt Oestringer, sodass viele Dinge des täglichen Bedarfs in einer Viertelstunde erledigt werden könnten.
Fehlende Handelsstruktur
In den kleinen Ortschaften im Kirbachtal fehle dafür jedoch die Handelsstruktur. Für deren Bewohner gebe es keine Alternative zum Auto. Zumal keine Busverbindungen in die benachbarten Landkreise bestünden. Ideen wie gemeinsames Einkaufen oder ein „Mitfahrbänkle“ seien zwar zu begrüßen, hätten jedoch laut Oestringer nur überschaubare Auswirkungen. „Wenn eine Stadt auf Rad- und Fußverkehr ausgelegt ist, müssen die Menschen von außerhalb trotzdem mit dem Auto anreisen.“ In den vergangenen Jahren habe man in diese Richtung zwar viel gemacht, eine gänzlich autofreie Stadt sei jedoch weder mittel- noch langfristig denkbar.
In Bönnigheim stelle sich die Frage nach der 15-Minuten-Stadt gar nicht erst, sagt Bürgermeister Albrecht Dautel, weil ohnehin alle Einrichtungen und Dienstleistungen der Stadt in einer Viertelstunde erreichbar seien. Verwandte Themen beschäftigen die Stadtverwaltung jedoch durchaus: „Um unseren Kindern einen kurzen Weg zu ermöglichen, gibt es städtische Kindertageseinrichtungen in allen drei Stadtteilen oder zwei Grundschulen an verschiedenen Standorten.“
