Der Garten freut sich über den Regen“ oder „Der Regen war dringend nötig für die Natur“ – diese und ähnliche Sprüche hört man derzeit wohl von vielen Hobbygärtnern und Naturfreunden. Aber auch der Profi freut sich über den Niederschlag: „Heute hat es zehn Liter pro Quadratmeter geregnet“, sagt Michael Kinzinger am Donnerstag im Gespräch mit der BZ, sagt aber auch: „Das ist besser als nichts, reicht aber nicht, um tief in die Erde einzudringen.“ Kinzinger ist Landwirt und Wengerter aus Vaihingen-Enzweihingen sowie stellvertretender Vorsitzender des Kreisbauernverbands Heilbronn-Ludwigsburg. Mit der BZ hat er über die Trockenheit der vergangenen Wochen und den aktuellen Niederschlag gesprochen.
Kreis Ludwigsburg Es regnet nicht zu wenig, aber zum falschen Zeitpunkt
Die BZ hat mit Experten aus dem Kreis Ludwigsburg über die Trockenheit der letzten Wochen und den jetzigen Regen gesprochen. Reicht der Niederschlag denn?
So geht’s den Äckern im Kreis
Das im Herbst ausgebrachte Wintergetreide wurzele flach, das sei mit der aktuellen Regenmenge erst einmal zufrieden. Ob die vergangenen acht Wochen Trockenheit sich auf den Ertrag auswirken werden, das werde sich noch zeigen. „Da bin aktuell auch ich noch überfragt“, sagt Kinzinger. Trockenheit führe dazu, dass der Haupttrieb stehen bleibe, die Seitentriebe jedoch abgestoßen werden. Das verringere den Ertrag. „Die paar Tröpfchen jetzt helfen da durchaus. Es kommt nun aber auf die nächsten vier Wochen an“, sagt der Landwirt.
Als er mit der BZ telefonierte, stand Kinzinger gerade in seinem Weinberg. Die Regenmenge im Winter sei ausreichend gewesen, sodass sich im Boden ein Wasserdepot bilden konnte, „das hilft den tief wurzelnden Pflanzen wie den Reben.“ Das sei in den vergangenen Jahren durchaus schlechter gewesen. Für die Weinreben sei die Trockenheit erst nach der Blüte Ende Mai schädigend geworden. Kartoffeln allerdings, die 14 bis 18 Zentimeter tief im Boden liegen, für die reicht die aktuelle Regenmenge nicht. Daher hat die Familie Kinzinger vor gut zwei Wochen Rohre im Acker verlegt, um die Nachtschattengewächse bei Trockenheit bewässern zu können, was etwa am Oster-Wochenende nötig war. Vor der Ernte werden die Rohre dann wieder entfernt. Auch Zwiebeln bewässern die Kinzingers bei Bedarf. Das Wasser dafür nehmen sie aus ihrem Speicher, den man sich als große Zisterne vorstellen könne, die Regen über das Dach des Hofes umleite und auffange. Der Speicher sei aktuell gut gefüllt.
Für die Aussaat in diesem Frühjahr – etwa Zuckerrüben, Mais, Soja – sei der Frost im Winter und die Trockenheit der letzten Wochen gar nicht so ungeschickt gewesen. Nach der Aussaat sei nun aber der Regen unverzichtbar, sonst gehe das Saatgut nicht auf.
Niederschlag zur falschen Zeit
Erst jüngst berichtete Dr. Simon Boden, Leiter des Fachbereichs Wald im Landratsamt Ludwigsburg, in der Sitzung des Ausschusses für Umwelt und Technik, dass der Kreis Ludwigsburg einer der wärmsten Landkreise in Baden-Württemberg sei (die BZ berichtete). So seien die vergangenen Jahre durch überdurchschnittlich hohe Temperaturen, zu wenig Niederschlag und in der Folge von Dürreperioden geprägt gewesen. Die Temperaturen seien nach und nach gestiegen, jedoch sind sie seit 2020 im roten Bereich. Ein großes Problem sei zudem der Niederschlag. Es regne zwar nicht unbedingt weniger als früher, jedoch zum falschen Zeitpunkt und nicht, „wenn es die Pflanzen brauchen“, so Boden.
Das kann auch Michael Kinzinger bestätigen: „Die Verteilung der Niederschläge ist ungünstiger als früher.“ Es habe jedoch durchaus auch schon früher Dürreperioden gegeben. „Erst vor Kurzem hat mein Vater in seinen Aufschrieben von 1991 gesehen, dass er damals acht Wochen Trockenheit notiert hat. Die Wetterextreme jedoch, die nehmen definitiv zu.“ Einerseits Fluten und Dauerregen, andererseits deutlich mehr sehr heiße Tage mit Temperaturen über 30 Grad. Letzteres mache den Landwirten am meisten zu schaffen, sagt Kinzinger. Trockenheit und Hitze versetze die Pflanzen in Stress, was sie wiederum auch anfälliger für Krankheiten und Schädlinge mache.
Baumbewässerung mit Säcken
Das Wasserproblem ist auch längst in den Kommunen zu spüren. So kann man in Bietigheim-Bissingen seit einigen Jahren immer häufiger mit Wasser gefüllte Säcke an Bäumen finden. „Es werden aktuell circa 300 Bäume bewässert“, berichtet Anette Hochmuth, Leiterin des Presseamts der Stadt Bietigheim-Bissingen, und weiter: „Darunter sind circa 70 frisch gepflanzte Bäume und einige ältere Exemplare.“
Dabei sei vor allem an den Jungpflanzen die Trockenheit der letzten Jahre gut ablesbar: Wurden Jungbäume früher die ersten drei Jahre gegossen, um sie ausreichend zu versorgen, müsse mittlerweile fünf Jahre gegossen werden, bis das Wurzelwerk weit genug entwickelt sei, um den Baum eigenständig versorgen zu können. Neben Jungbäumen werden von der Stadtgärtnerei auch Neupflanzungen von Stauden und Sträuchern gegossen – und das mindestens zwei bis drei Jahre nach der Pflanzung. „Auch werden dauerhaft alle Wechselflorflächen und Blumenkübel gegossen sowie die Stauden im Bürger- und im Japangarten sowie in den historischen Gärten. Außerdem wird die Mauerbegrünung an der B 27 gewässert und die Rasenplätze auf den Sportplätzen“, zählt die Stadtsprecherin auf.
Gegossen werde mit Hahnwasser, seit diesem Jahr habe die Stadtgärtnerei zusätzlich eine Zisterne mit zwölf Kubikmetern Regenwasser auf dem Bauhof für die Kübelpflanzen, so Hochmuth. Neben den Gießmethoden per Schlauch oder Baumbewässerungssack gibt es an einigen Stellen automatische Bewässerungen für Bäume und die Mauer an der B 27. Im Bürgergarten seien Kreisregner im Einsatz.
Aktuell gebe es für Pflanzen wie Erdbeeren und Kartoffeln noch eine weitere Gefahr: möglichen Spätfrost. Die sogenannten Eisheiligen sind vom 11. bis 15 Mai. Durch die warmen Tage in jüngster Vergangenheit sei die Vegetation schon sehr weit. Landwirt Kinzinger schätzt, gut zehn bis 14 Tage eher als sonst. Sollte es noch Frost geben, könnte das für einige Pflanzen das Ende bedeuten oder zumindest den Ertrag minimieren.
