Kreis Ludwigsburg Fördern statt sitzenbleiben

Von Jennifer Stahl
Wenn ein Schüler oder eine Schülerin sitzen bleibt, kann das Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben. Manche werden dann sogar ausgegrenzt. Foto: picture alliance/imageBROKER/Rudolf

Laut dem Pisa-Chef Andreas Schleicher sollte das Sitzenbleiben an Schulen abgeschafft werden. Was sagen umliegende Schulen dazu? 

Deutschland sollte das Sitzenbleiben an Schulen abschaffen – zumindest, wenn es nach dem Pisa-Chef, Andreas Schleicher, geht. „Sitzenbleiben bringt nichts“, findet er, unter anderem, da die Lernprobleme von Schülerinnen und Schülern nicht gelöst, sondern die gleichen Fehler wieder gemacht würden. Auch bezeichnet er die Methode als zu teuer und empfiehlt, in kostenlose Nachhilfe zu investieren.

Die BZ hat bei vier Schulen im Kreis nachgefragt, wie sie jeweils zu der Aussage des Pisa-Chefs stehen. An der Realschule im Aurain in Bietigheim-Bissingen bleiben laut Schulleiter Harald Schmitt ungefähr 30 Schülerinnen und Schüler pro Jahr sitzen. „Die Ursachen liegen in der Wahl der falschen Schulart und einer damit verbundenen Überforderung ab Klasse 5“, meint er. Auch Lernprobleme, Fehlzeiten oder eine mögliche Sprachbarriere zählt er auf. „In Klasse 8 bleiben besonders viele sitzen. Da spielen sicher die Pubertät und die Überforderung mit dem Lernstoff eine Rolle.“

Versetzung auf Probe

In Einzelfällen wird an der Realschule auf die „Versetzung auf Probe“ zurückgegriffen, diese ist in der Versetzungsordnung geregelt. Dabei ist Schülerinnen und Schülern eine Aufnahme in die nächsthöhere Klasse für circa vier Wochen gestattet. „Wir machen mehrheitlich gute Erfahrungen damit. Sind Jugendliche länger erkrankt oder gibt es einen Schicksalsschlag und aus diesen Gründen werden die Noten auf einmal viel schlechter, hat sich die Maßnahme bewährt“, meint Schmitt. Auch Empfehlungen für einen Schulwechsel werden in Beratungsgesprächen mit den Eltern ausgesprochen. „Wir erleben aber oft, dass diese von Eltern nicht angenommen werden“, sagt Schmitt. Die Einführung einer verbindlicheren Grundschulempfehlung sieht er als Lösung. „Mehr Lehrstunden für noch gezieltere Förderung der einzelnen Person wären auch eine Möglichkeit“, fügt er hinzu.

Ob das Sitzenbleiben abgeschafft werden sollte oder nicht, lässt sich laut Harald Schmitt pauschal nicht beantworten. „Sitzenbleiben bedeutet, die notwendigen Kompetenzen und Fähigkeiten nicht erworben zu haben, um im nächsten Jahr erfolgreich zu sein. Trotzdem versetzt zu werden, könnte ein falscher Anreiz sein, sich nicht weiter anzustrengen.“ Auch die Überforderung und Frustration werde größer, er merkt auch an, dass es Geld und Lehrstunden kostet. „Sitzenbleiben kann auch psychisch belasten und eventuell zu einer Ausgrenzung führen.“

Schulleiter Achim Salomon vom Alfred-Amann-Gymnasium in Bönnigheim nennt als Ursachen unter anderem mangelndes Engagement oder eine zu späte oder zu frühe Einschulung, durch die es vielen schwer falle, Schritt zu halten. An der Schule seien etwas über ein Prozent der Schüler Sitzenbleiber. Am Gymnasium müsse mehr Verantwortung übernommen werden, womöglich hätten einige noch keine Lernstrategien entwickelt, um mit dem gestiegen Pensum umzugehen.

Sozialpädagogische Begleitung

Bei der Empfehlung eines Schulwechsels sei es wichtig, mit Empathie und Respekt vorzugehen und die individuelle Situation zu berücksichtigen. „Unser Ziel ist es immer, eine Lösung zu finden, die dem Wohl und der Entwicklung dient.“

Die Schule bietet auch Unterstützungssysteme an, beispielsweise geben Leistungsstarke aus höheren Klassen Nachhilfe. Auch eine sozialpädagogische Begleitung oder Einbeziehung der Eltern in den Bildungsprozess sollen die Zahl der versetzungsgefährdeten Schüler reduzieren. Die Meinung des Pisa-Chefs, Sitzenbleiben verursache zu hohe Kosten, kann Salomon nicht teilen. „Denn was kosten die individuellen Fördermaßnahmen, die Schülerinnen und Schüler vielleicht sieben Jahre lang brauchen?“

Das Selbstwertgefühl werde jedoch beeinträchtigt. Durch das Festhalten am Sitzenbleiben würden oft alternative Fördermaßnahmen vernachlässigt, die individueller auf die Probleme eingehen könnten. „Meiner Meinung nach sollte das Sitzenbleiben aber nicht stigmatisiert werden, denn es gibt die Möglichkeit, den Stoff noch einmal zu lernen und zu festigen. Durch die Wiederholung kann auch gelernt werden, mit Misserfolgen umzugehen und so besser auf zukünftige Herausforderungen vorbereitet zu sein“, sagt er.

Laut den Schulleitern der Bietigheimer Ellentalgymnasien I und II, Nicole Stockmann und Ingo Knesch, gab es im Schuljahr 2022/2023 29 Wiederholer in den Hauptklassenstufen 7, 8 und 10. „Die 5. Klasse ist vom Übergang von der Grundschule gekennzeichnet. In der Klassenstufe 6 kommen die zweite Fremdsprache und das Fach Geschichte dazu, der Lernaufwand steigt also stetig an.“ In den Klassen 7 und 8 kommen dann entwicklungsbedingte Veränderungen dazu. Die Ellentalgymnasien versuchen, größere Defizite aufzuarbeiten. „Unsere Beratungslehrkräfte unterstützen möglichst gut. Sinnvoll wäre sicherlich eine engere und individuellere Begleitung. Wir versuchen, das soweit möglich umzusetzen.“

Sinnvolles Lernen erörtern

Sitzenbleiben könne wirkungsvoll und wirkungslos sein. „Das kommt auf die Motivation und das Ziel der Person an. Ein Ansatz wäre, stärker an der Selbstregulation der Lernenden zu arbeiten und zu überlegen, was sinnvolles Lernen ermöglicht.“ Sitzenbleiben ist im Schulsystem fest verankert, „sicher wäre es gut, parallele Maßnahmen aufzubauen, die das letztlich überflüssig machen“, sagen die beiden Schulleiter.

Am Christoph-Schrempf-Gymnasium in Besigheim bleiben circa 1,5 bis 2 Prozent der Schülerzahl sitzen, „also sehr wenige“, wie Schulleiter Frank Hielscher sagt. Als Ursache nennt er zum Beispiel Schwierigkeiten durch Mobbing. Die Versetzung auf Probe habe die Schule erst in sehr wenigen Fällen angewendet, sie funktioniere jedoch gut, wenn die Schüler über die Sommerferien und darüber hinaus an ihren Teilleistungsdefiziten arbeiten, beziehungsweise gefördert werden.

„Wenn ein erheblicher Leistungsabfall festgestellt wird und bevor jemand bei uns sitzen bleibt, ergreift die Schule verschiedene Maßnahmen, beispielsweise eine Nachhilfe und zusätzliche Lernangebote sowie Gespräche mit Schulsozialarbeit und Beratungslehrern.“ Ein generelles Abschaffen der Methode sei laut Hielscher nicht der beste Weg, das Ziel müsse sein, bestmögliche Unterstützung und Förderung zu bieten, um das Sitzenbleiben zu vermeiden. „Hierfür wäre es wünschenswert, wenn die Schulen mehr Ressourcen zur Verfügung gestellt bekämen, insbesondere im Bereich der Nachhilfe und der individuellen fachlichen Förderung“, meint er.

 
 
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