Kreis Ludwigsburg Gefahr von Wildunfällen steigt derzeit

Von Hannah Reutter
Der Sommer ist die Zeit der Wildunfälle. Wenn es zur Kollision mit einem Tier kommt, ist es entscheidend, sich richtig zu verhalten. Foto: Stefan Ott

2024 gab es im Kreis insgesamt 2293 Wildunfälle. Warum die Gefahr gerade im Sommer steigt, berichtet der Sachsenheimer Jagdpächter Stefan Ott und Kreisjägermeister Peter Ulmer der BZ.

Der Sommer zeigt sich von seiner schönsten Seite, die Felder im Landkreis Ludwigsburg stehen in vollem Saft. Besonders der Mais ist in den letzten Wochen in die Höhe geschossen. Was für Landwirte ein gutes Zeichen ist, birgt für Autofahrer eine unsichtbare Gefahr. Die dichten, hohen Maisfelder, die oft direkt bis an den Straßenrand reichen, werden für Wildtiere zu perfekten Wohn- und Esszimmern.

Das unsichtbare Risiko im Feld

Stefan Ott, Jagdpächter von Hohenhaslach, beobachtet die Entwicklung auf den Feldern genau. Er erklärt, warum die Maisäcker für Rehe und Wildschweine ein wahres Paradies sind: Sie bieten nicht nur nahrhafte Kolben und Blätter, sondern vor allem eines: Deckung. „Die Tiere fühlen sich in dieser ‚grünen Wand‘ sicher und geborgen“, so Ott im Gespräch mit der BZ.

Für den Autofahrer bedeutet das jedoch, dass ein Tier ohne jede Vorwarnung aus dem Feld auf die Straße treten kann. „Wo man im Frühjahr ein Reh noch von Weitem auf einer Wiese erkennen konnte, hat man nun keine Chance“, führt der Jagdpächter aus. Das Tier tauche oft erst wenige Meter vor der Motorhaube auf – eine Reaktion sei dann kaum noch möglich.

Laut Ott besteht diese Gefahr rund um die Uhr. Zwar ist die Dämmerung am Morgen und am Abend weiterhin die Hauptaktivitätszeit der Tiere, doch die Sicherheit des Maisfeldes verleitet sie dazu, auch tagsüber ihre Deckung zu verlassen, um beispielsweise zu einer Wasserquelle oder in ein nahes Waldstück zu wechseln. Als wäre die fehlende Sicht nicht schon problematisch genug, kommt ab Mitte Juli ein zweiter, entscheidender Faktor hinzu: die Rehbrunft, die Paarungszeit der Rehe.

Hormone sind im Spiel

In dieser Phase, die meist bis Mitte August andauert, werden die Tiere von ihren Hormonen gesteuert und verlieren oft ihre angeborene Vorsicht. Die Rehböcke treiben die weiblichen Rehe, die Geißen, oft über weite Strecken vor sich her. Bei dieser Verfolgungsjagd achten die Tiere nicht auf den Verkehr. Besonders tückisch ist dabei: Wo eine Geiß die Straße überquert, folgt der Bock mit hoher Wahrscheinlichkeit nur wenige Sekunden später. Viele Unfälle passieren, weil Autofahrer nach dem ersten Reh bremsen und dann weiterfahren, nur um mit dem zweiten Tier zu kollidieren. Diese „liebestollen“ Verfolgungsjagden finden keineswegs nur nachts statt, sondern zu jeder Tages- und Nachtzeit.

„Viele Autofahrer unterschätzen die Gefahr gerade im Sommer”, warnt Kreisjägermeister Peter Ulmer und sagt weiter: „Die Kombination aus eingeschränkter Sicht durch Maisfelder und der Rehbrunft ist ein gefährlicher Cocktail. Rehe reagieren in dieser Zeit oft völlig unvorhersehbar. Ich appelliere an alle Verkehrsteilnehmer, ihre Geschwindigkeit entsprechend anzupassen und besonders aufmerksam zu fahren – Tag und Nacht.”

2293 Wildunfälle im Landkreis

Wie ernst die Lage ist, zeigen aktuelle Zahlen des Wildtierinstituts der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA): Im Jahr 2024 wurden im Landkreis Ludwigsburg insgesamt 2293 Wildunfälle registriert – das sind mehr als sechs Kollisionen pro Tag.

Besonders betroffen sind Straßen entlang von Waldrändern und Feldern, etwa rund um Bietigheim-Bissingen, Sachsenheim oder den Stromberg. Viele dieser Unfälle ereignen sich zwar in der Dämmerung, doch laut FVA passieren bis zu 30 Prozent der Sommer-Wildunfälle tagsüber – ein alarmierender Wert, der für erhöhte Aufmerksamkeit spricht.

Was tun, wenn es doch zum Wildunfall kommt?

Sollte eine Kollision unvermeidbar sein, ist es entscheidend, richtig zu handeln. Zuerst wird die Unfallstelle gesichert, indem die Warnblinkanlage eingeschaltet, eine Warnweste angezogen und das Warndreieck in sicherem Abstand aufgestellt wird. Danach wird die Polizei unter der Notrufnummer 110 verständigt, die wiederum den zuständigen Jagdpächter informiert. Die Meldung ist auch bei kleineren Schäden gesetzlich vorgeschrieben.

 
 
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