Der heißeste Sommer in Baden-Württemberg seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Laut Deutschem Wetterdienst der fünfttrockenste Sommer seit 1881 mit nur etwa der Hälfte der Normalmenge an Regen. Vor drei Wochen zerschlug vielerorts Hagel Getreide, Obst und Gemüse. Die BZ hat mit Michael Kinzinger, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Bauernverbands Heilbronn-Ludwigburg und selbst Landwirt und Winzer, über die Situation auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen im Kreis gesprochen.
Kreis Ludwigsburg Hagel, Sturm, Frost: Viele Landwirte sind versichert
Extremwetterereignisse nehmen zu, auch im Kreis Ludwigsburg. Die BZ hat mit dem Kreisbauernverband über die Konsequenzen und Möglichkeiten gesprochen.
„Die Extreme nehmen zu“
„Wir merken die Klimaveränderung ganz extrem“, sagt Kinzinger im Gespräch mit der BZ, „die Extreme nehmen zu“. Es gebe immer mehr heiße, trockene Phasen und extreme Regenfälle in ungünstigen Zeiträumen. Das kenne man aus den vorhergehenden Jahrzehnten so nicht. 2025 waren die extremen Niederschläge im Juni das Hauptproblem, 2026 die hochsommerlichen Temperaturen im Mai. Ohne Bewässerung, und damit auch Kühlung, seien etwa Kartoffeln nicht zu retten gewesen, da die Pflanzen bei zu hohen Temperaturen ihr Wachstum einstellen. Was fast flächendeckend 2026 im Kreis ein Problem war: der Hagel vor knapp drei Wochen. „Bei uns in der Umgebung ist keine Fläche davon unberührt geblieben“, sagt der Landwirt aus Vaihingen-Enzweihingen. Sein Korn sei zu diesem Zeitpunkt zum Glück bereits geerntet gewesen. Grund dafür war die Notreife, in die das Getreide wegen der extremen Hitze und des anhaltenden Wassermangels gegangen war, das sorgte für eine frühe Ernte vielerorts im Kreis. Aber eben nicht überall. „Es gab durchaus auch Hagelschäden im Getreide“, weiß der Vertreter des Kreisbauernverbands.
Auch wenn viele Landwirte „Glück im Unglück“ hatten und vieles bereits abgeerntet war, sei „die Alarmbereitschaft im Kopf“, sagt Kinzinger. Die Konsequenz daraus lautet für viele Landwirte: eine Ernteversicherung gegen Extremwetter. Der Klassiker ist dabei die Hagelversicherung. Landwirte können sich aber auch gegen andere Elementargefahren absichern oder auch eine umfassende Mehrgefahrenversicherung abschließen. Der Verein „Vereinigte Hagel“ ist dabei die führende Spezialversicherung im Pflanzenbau – deutschland- und europaweit. In Deutschland sind rund 60 Prozent der gegen Hagelschäden versicherten Agrarflächen dort versichert.
Im Kreis seien viele Landwirte gegen Extremwetter versichert, Kinzinger selbst gegen Frost und Hagel. Ob sich das lohne? „Ich finde es richtig und wichtig, auch wenn die Kosten enorm sind.“ Die Versicherungssumme sei dabei selbst wählbar. Das Abschätzen des Risikos bleibe jedem selbst überlassen, ob die Versicherung kostendeckend funktionieren oder im Falle des Ernteausfalls noch ein Plus herauskommen soll. Die Versicherung bietet unterschiedliche Kombinationsmöglichkeiten an, die man je nach Kulturgruppe wählen kann.
Während es die ersten Hagelversicherungen schon im 18. Jahrhundert gab, hat sich die Frost- beziehungsweise Mehrgefahrenversicherung für Sonderkulturen im Obst- und Weinbau erst nach den großen Spätfrösten 2017 und 2019 entwickelt.
Pilotprojekt: Zuschuss vom Land
Die Frostversicherung im Obst- und Weinbau wird seit 2020 vom Land Baden-Württemberg als bundesweit erstem Land gefördert, seit 2026 ist auch Hopfen inbegriffen und die Elementargefahren wurden erweitert. Das Land bezuschusst den Abschluss der Versicherung mit bis zu 50 Prozent der Versicherungsprämie.
„Das soll laut Regierung wohl auch so bleiben“, sagt Kinzinger, der aber durchaus Bedenken hat, ob die Förderung in Zeiten klammer Kassen unangetastet bleibt. Lieber wäre ihm eine andere Variante: die Möglichkeit einer steuerfreien Risikorücklage. „Dadurch könnte jeder Landwirt selbst kalkulieren und eigenverantwortlich handeln.“ Das Modell funktioniert so: In wirtschaftsstarken Jahren können Betriebe unversteuerte Gewinne zurücklegen. In Krisenjahren können sie auf das Geld zurückgreifen. Unter diesen Umständen bräuchte es die Subventionierung durch den Staat überhaupt nicht mehr, so der Landwirt. „Dafür setze ich mich ein.“
