Unter den hohen Spritpreisen aufgrund des Iran-Kriegs und der Blockade der Straße von Hormus stöhnen derzeit die Autofahrer. Genauso trifft es aber auch ganze Branchen, die auf flüssige Energie im Tank angewiesen sind – egal ob Landwirtschaft oder Omnibusgewerbe.
Kreis Ludwigsburg Hohe Spritpreise „belasten uns sehr“
Die BZ fragte beim Bauernverband und beim Busunternehmen Spillmann nach, wie sich die Teuerung an den Tankstellen auswirkt.
Stefan Kerner, der Vorsitzende des Bauernverbands Heilbronn-Ludwigsburg, geht davon aus, dass ein durchschnittlicher landwirtschaftlicher Betrieb in einer Größenordnung von 50 bis 60 Hektar aufgrund der gestiegenen Dieselpreise Mehrkosten von rund 2500 Euro oder mehr im Jahr hat. Um einen Hektar zu bewirtschaften, fielen etwa 90 Liter Diesel an, so Kerner. Ziehe man die von der Bundesregierung beschlossene Entlastung von 17 Cent pro Liter durch die Senkung der Energiesteuer ab, seien es 750 Euro weniger an Mehrkosten.
Längere Entlastung gewünscht
Doch: Die Entlastung ist nur für zwei Monate gedacht, die Erntezeit im Sommer würde gar nicht darunter fallen. Er habe sich eine längere Entlastung gewünscht, sagt Kerner.
Damit nicht genug, sind die Landwirte nicht nur von hohen Dieselpreisen betroffen, auch beim Dünger müssen sie tiefer in die Tasche greifen. Hier sei es insbesondere der Harnstoff, der exorbitant teuer geworden sei, berichtet Kerner. Denn dieser werde zu 90 Prozent aus dem Nahen Osten geliefert. Anderer Dünger, der aus Polen oder den Benelux-Staaten komme, koste zwar auch mehr, doch hier habe man nicht das Problem der blockierten Frachtwege. Dadurch entstünden weitere Mehrkosten von über 3000 Euro für einen durchschnittlichen Betrieb, so Kerner.
Das Problem für die Landwirte sei, dass sie die zusätzlichen Kosten nicht über höhere Preise egalisieren könnten, erklärt der Kreisbauernvorsitzende. Der Getreidepreis, der vom Weltmarkt abhängig sei, habe mit der Teuerung bei Diesel und Dünger nicht mitgezogen. Auch sparsames Wirtschaft sei nur begrenzt möglich, wenn man eine entsprechende Qualität haben wolle, sagt Kerner. Was getan werde, sei der Einsatz von GPS und Düngekarten, um effizienter zu wirtschaften. Unter dem Strich wünsche man sich aber von der Politik eine weitere Entlastung.
Auch HVO100-Diesel teurer
„Die hohen Spritpreise belasten uns aktuell sehr“, stellt auch Bülent Menekse, der Geschäftsführer des städtischen Busunternehmens Spillmann in Bietigheim-Bissingen fest. „Wir haben 50.000 Euro Mehrkosten im Monat“, so Menekse auf BZ-Anfrage.
Dabei werden die Spillmann-Busse mit HVO100 betankt, einem paraffinischen Diesel, „den wir nicht im Zusammenhang mit der Straße von Hormus sehen“, so der Geschäftsführer. Doch die Literpreise für HVO100 seien in der gleichen Dynamik gestiegen, was eine kritische Frage bezüglich der Preisgestaltung der Mineralölkonzerne aufwerfe. Man könne von einem unfairen Mitnahmeeffekt sprechen, so Menekse.
Der Tankstellenverband sage zwar, viele Nutzer würden HVO100 aufgrund der aktuellen Situation als Dieselersatz verwenden. Menekse: „Hört sich überzeugend an, man sagt aber nicht, dass HVO100 nur bei Fahrzeugen mit den jüngsten Baujahren betankt werden kann. Ob dann die Nachfrage tatsächlich noch so groß ist, ist in Frage zu stellen.“ Der Treibstoff HVO 100 reduziert die CO2-Emissionen um 90 Prozent.
Auch Spillmann kann seine Mehrkosten nicht an den Endverbraucher weitergeben, da die Fahrpreise von der Öffentlichen Hand für das Jahr festgeschrieben sind. Einen Ausgleich der Kostenerstattung gibt es um ein Jahr zeitversetzt. Das bedeute zum einen, „wir müssen wie immer in Vorkasse für die Öffentliche Hand gehen“, so der Geschäftsführer, zum anderen werde die Liquiditätslage angespannter. Das ohnehin bestehende Bilanzdelta im ÖPNV werde noch größer.
Die beschlossene Entlastung bei der Energiesteuer sowie die Bonusoption erweckt aus Sicht von Menekse nur falsche Hoffnungen. „Auch wenn die Minderung um 17 Cent vorgesehen ist, sind wir weiterhin auf einem hohen Preisniveau, das die Gesamtsituation nicht heilt, sondern nur lindert.“ Spannend werde es, wenn die Ölmengen knapp werden. „Hier ist davon auszugehen, dass die Mineralölkonzerne unter der Argumentation Verknappung die 17 Cent schrittweise wieder einpreisen“, befürchtet der Geschäftsführer. Ebenso sei er gespannt, welches Unternehmen aktuell wirtschaftlich in der Lage sei, den Bonus zu bezahlen. Dazu benötige man Gewinne, „welche in diesen Zeiten eher gering oder gar nicht ausfallen“.
Derzeit niedrige ÖPNV-Preise
Das Geld vom Bund wäre im Topf für die Elektrobus-Förderung deutlich zielführender und nachhaltiger angelegt gewesen, meint Menekse. „Dann hätten wir im Rahmen der Transformation zeitlich tatsächlich mal einen großen Sprung nach vorne getan.“
Immerhin: Positiv sei, dass der ÖPNV derzeit so günstig wie nie sei. Der Grund: Die Preise werden nur einmal im Jahr angepasst, im VVS-Gebiet in der Regel im August oder September. „Die Preise, welche die Fahrgäste aktuell zahlen, basieren auf den Spritpreisen noch weit vor dem Golfkonflikt“, so der Spillmann-Chef.
