Kreis Ludwigsburg Homeoffice: Fluch oder Segen?

Von Claudia Mocek
Wer selbst bestimmen kann, wo er arbeitet, ist produktiver. Das sagen laut Porsche Consulting 90 Prozent der Befragten in den 100 größten Unternehmen Deutschlands.  Foto: dpa/Sebastian Gollnow Foto:  

Die neue flexible Arbeitskultur verlangt auch von Führungskräften ein Umdenken. Doch damit tun sich viele noch schwer. Das hat Porsche Consulting bei einer Befragung der 100 größten Unternehmen in Deutschland herausgefunden.

Homeoffice: Fluch oder Segen? Porsche Consulting hat 2023 dazu die 100 größten Unternehmen in Deutschland befragt. Dr. Wolfgang Freibichler, Partner bei der Managementberatung, ist auf Unternehmensführung und -organisation spezialisiert. Er ist überzeugt: „Alle zurück ins Büro wird es nicht mehr geben.“

Es gibt Menschen, die mit ihrem Laptop um die Welt jetten, und andere, die jeden Tag ins Büro fahren. Die meisten Menschen haben jedoch einen guten Mix aus Arbeiten im Büro und Zuhause gefunden, sagt Freibichler. „Dahin hat sich die Arbeitswelt verändert.“

Bei der Befragung der 100 größten Unternehmen in Deutschland gaben 90 Prozent an, dass Menschen, die den Freiraum haben, um Zeit, Ort und Fokus der Arbeit selbst zu bestimmen, viel produktiver arbeiten. „Die Chefs haben verstanden, dass Freiräume bei der Arbeit Menschen produktiver machen“, sagt Freibichler.

„Führungsverhalten von gestern“

Doch die Umfrage zeige auch, dass die Umsetzung gar nicht so einfach ist: „Jeder zweiten Führungskraft in Deutschland fällt es nicht leicht, mehr Verantwortung an die Mitarbeitenden zu übertragen“, sagt Freibichler. Führungskräfte müssten sich fragen, wie sie ihre Rolle interpretieren – „bin ich Kontrolleur oder Koordinator?“ Es gebe noch viele, die als Kontrolleur auf alte Muster vertrauen. Freibichler: „Aber das ist ein Führungsverhalten von gestern.“

Die Entwicklung der vergangenen Jahre habe dazu geführt, dass nicht nur Aufgaben übertragen werden, sondern Verantwortung. Das verlange unternehmerisches Denken von den Mitarbeitern. „Die Zeiten sind vorbei, in denen Anwesenheit am Arbeitsplatz gleichzusetzen war mit erbrachter Leistung“, sagt Freibichler.

Lust auf’s Büro machen

63 Prozent der Chefs sind überzeugt davon, dass die Sorgen des Personals in der Remote-Zusammenarbeit weniger gut verstanden werden. Das gemeinsame Arbeiten im Team vor Ort sei wichtig, aber nicht jeden Tag nötig. Die Mischung mache es. „Unsere Analysen zeigen, dass es sinnvoll ist, dass sich ein Team etwa einmal pro Woche trifft“, sagt Freibichler. Auch der informelle Austausch und das gegenseitige voneinander lernen werde dadurch befördert. Aufgabe der Vorgesetzten sei es, Lust darauf zu machen, ins Büro zu kommen und die Ruhe, die man vielleicht Zuhause hat, aufzugeben für ein turbulentes Büro.

Freibichler warnt jedoch davor, den Mitarbeitern die Verantwortung wieder zu nehmen und sie lediglich als Ausführer zu sehen: „Das macht viel mit den Menschen, weil sie ihren Vorgesetzten dann als Kontrolleur wahrnehmen – wie früher“, sagt er. Ein „Zurück ins Büro“ hätte auch eine gesellschaftspolitische Dimension, sagt Freibichler. Es benachteilige vor allem Mütter und Menschen, die Angehörige pflegen. Denn es torpediere die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Viele Mütter seien aufgeblüht durch das Homeoffice, weil sie besser integriert gewesen seien. Obwohl sie vielleicht nur am Vormittag arbeiten, konnten sie digital nun auch mal am Nachmittag an einer Sitzung teilnehmen.

Anwesenheit ist keine Leistung

Weniger als ein Drittel der Unternehmen (27 Prozent) arbeiten laut Porsche Consulting jedoch daran, neue „Leitplanken“ als Regeln moderner Zusammenarbeit zu setzen. Dafür müsste das Ziel- und Anreizsystem weiterentwickelt werden. „Das ist erschreckend“, sagt Freibichler. Denn je mehr Freiraum und Verantwortung man den Mitarbeitern gebe, umso wichtiger sei es, für ein System zu sorgen, das die Zielerreichung misst und mit Anreizen durch erfolgsabhängige Vergütung kombiniert. „Das ist sinnvoller, als die Arbeitszeit zu überprüfen“, sagt er: „Denn Anwesenheit alleine ist noch keine Leistung.“

„Alle wieder ins Büro“ wird es laut Wolfgang Freibichler nicht geben: „Aber das fordert eigentlich kaum einer“, sagt er. Denn alle Prognosen gehen davon aus, dass Menschen mit Digitalkompetenz, die viele Unternehmen benötigen, nicht wie früher behandelt werden wollen. Unternehmen müssten umdenken und für ein neues Führungsverständnis auf allen Ebenen sorgen – hin zur Koordination, weg von der Kontrolle.

 
 
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