Ich war so tief in der Essstörung, dass der Weg der Genesung eigentlich ausweglos erschien“, so beginnt ein Leserbrief an die BZ. Sarah N. (Name von der Redaktion geändert) ist aus dem Kreis Ludwigsburg. Sie schreibt weiter: „Doch die Caritas hat mich mit offenen Armen aufgenommen, als mir jegliche Kraft gefehlt hatte, mir selbst Hilfe zu suchen.“ Bei einem Treffen in einem Café erzählt die junge Frau Anfang 20, wie es bei ihr zur Essstörung kam, welche Hilfe sie bei der Beratungsstelle der Caritas fand und warum es sie so wütend macht, dass dieses Beratungsangebot Ende 2025 aufgrund von Sparmaßnahmen des Kreises schließen musste (die BZ berichtete).
Kreis Ludwigsburg „Ich hätte es nicht geschafft, mir einen Therapieplatz zu suchen“
Eine junge Frau mit Essstörungen erzählt, warum Betroffene niederschwellige Hilfsangebote brauchen. Sie selbst fand Hilfe bei der Caritas. Die Beratungsstelle musste 2025 schließen.
„Bei uns in der Familie ist alles schief gelaufen“, sagt sie. Die Mutter ist psychisch krank, die Eltern waren für sie und ihren Bruder quasi nicht verfügbar. Mit 15 Jahren hält sie den Druck nicht mehr aus und fängt an, Essen als Werkzeug zu benutzen, um Stress abzubauen. „Ich habe einfach gegessen, um den Schmerz zu betäuben, so wie andere Leute anfangen, sich zu ritzen“, erzählt Sarah. Sie habe sich abends ins Bett gelegt und Chips in sich hinein gefuttert. „Dann ist der Kopf endlich still geworden“, beschreibt sie. Das exzessive Essen („Binge Eating“) habe sie nicht jeden Tag gemacht, aber „Essen war trotzdem für mich kein normaler Vorgang mehr“, sagt sie rückblickend.
Einser-Abitur, Studium und Job
„Mir ging es nie richtig gut, aber ich habe alles durchgeprügelt“, sagt Sarah. Sie macht ein Einser-Abitur, beginnt ein Studium, bei dem sie aber bald merkt, dass sie damit unglücklich ist. Nebenher jobbt sie in einer Firma.
Früher sei sie sportlich gewesen, habe sich gesund ernährt und sich höchstens mal etwas Zartbitterschokolade gegönnt. Doch mit Chips und Co. werden daraus nun immer öfter 8000-Kalorien-Tage. „Dann habe ich vier bis fünf Kilogramm zugenommen“, erinnert sich Sarah N. „Weil mich das gestört hat, bin ich dann in die Bulimie abgerutscht“, sagt sie. Die Ess-Brecht-Sucht bringt auch ihr Essverhalten tagsüber völlig aus der Balance. Sie isst oft den ganzen Tag nichts. „Ich war mental und körperlich völlig am Ende“, sagt sie, „ich habe den Arbeitstag nicht mehr geschafft, mein Körper war im Überlebenskampf“, beschreibt sie die lebensbedrohliche Situation.
Auch wenn die Eltern nicht für sie da sind und sie den Eindruck hat, dass sie die einzige ist, die sieht, dass „hier alles falsch läuft“, hat sie eine enge Beziehung zu ihrem Bruder. Sie vertraut sich ihm an. „Aber er konnte nicht nach einem Therapeuten für mich schauen“, sagt sie.
Doch er findet das Angebot der Fachberatungsstelle für Essstörung bei der Caritas in Ludwigsburg. Dort vereinbart er für sie einen Ersttermin und fährt sie hin. Während ihr Bruder draußen auf sie wartet, fühlt sich Sarah bei der Erstberatung zum ersten Mal willkommen – nicht verurteilt oder bewertet. „Das hat mein Leben verändert, es hat mich gerettet“, sagt die junge Frau.
Viel Wissen und viele Erfahrungen eingebracht
Sozialpädagogin Judith Weyhing-Müller, die ihre Betreuung vor etwa einem Jahr schließlich übernimmt, habe sich immer auf ihre aktuelle Situation eingelassen. „Die Gespräche drehten sich nicht um die Sucht – sondern über deren Auslöser, die Probleme in der Familie“, erzählt Sarah. Es sei weniger um einen verhaltenstherapeutischen Ansatz gegangen als um ein tiefenpsychologisches Verständnis.
Die Beraterin habe viel Wissen und viele Erfahrungen mitgebracht, sich aber immer wieder auf ihr Gegenüber eingelassen. Und für die junge Frau sind die Treffen, die etwa alle vier Wochen stattfinden, Rettungsanker.
„Die Person, die ich zu Beginn war, ist nun nicht mehr wiederzuerkennen“, sagt sie. „Damals hätte ich es nicht geschafft, mir einen Therapieplatz zu suchen“, ist sie sich sicher. Jetzt sei sie stark genug, selbst nach Hilfe zu fragen. Mittlerweile hat sie ihr Studium gewechselt, berichtet sie strahlend. Das neue Fach mache ihr viel Spaß.
Enttäuscht von der Empathielosigkeit
Aber zu wissen, dass es andere Menschen mit Essstörungen gibt, die nach der Schließung der Beratungsstelle allein gelassen werden, macht sie traurig, besorgt und wütend: „Der einfache Zugang der Caritas war für mich damals überlebenswichtig.“ Nun sei diesen Menschen die Beratungsstelle weggenommen worden. „Ich hoffe, es findet sich doch noch eine Lösung, die keine Menschen fast schon fahrlässig in Lebensgefahr bringt, nur um wirtschaftlichen Nutzen zu erzeugen“, sagt sie.
Sarah ist enttäuscht vom Landkreis und von der Empathielosigkeit der Verantwortlichen. „Wo sollen Betroffene Anschluss finden, wenn die Hürden zur Hilfe so hoch sind?“, fragt sie. Wenn man die Krankheit selbst nicht erkennt oder sich nicht eingestehen kann, geht man nicht aus eigener Kraft zur Suchtberatung, ist sie überzeugt. „Wenn jeder einzelne Tag ein Kampf ums Überleben ist, ist den Menschen auch nicht mit einem Therapieplatz in drei Monaten geholfen.“
Auch wenn es der jungen Frau inzwischen besser geht, sie sich stabiler fühlt, hangele sie sich oft von Termin zu Termin und sei auf Unterstützung angewiesen. Die Beratungsstelle musste Ende 2025 schließen, einen Therapeuten hat sie sich bisher noch nicht gesucht. Sie hofft, dass sie die Vorzeichen der Krankheit jetzt frühzeitig selbst erkennt und dann gegensteuern kann. Doch die Probleme in der Familie sind nicht gelöst, durch den Studienwechsel ist ihr Bafög weggefallen. Einfacher ist es noch nicht geworden, für die junge Frau, die dennoch erst einmal an die anderen denkt: „Umso mehr sorge ich mich um die Betroffenen, die noch in derselben Krisensituation stecken wie ich zu Beginn“, sagt Sarah N.
