Kreis Ludwigsburg „In der Krise darf man sich keinen schlanken Fuß machen“

Von Uwe Mollenkopf
Harald Leibrecht aus Ingersheim vertrat die FDP des Wahlkreises Neckar-Zaber von 2002 bis 2013 im Deutschen Bundestag. Foto: Werner Kuhnle

Die FDP feiert dieses Jahr ihr 75-jähriges Bestehen. Die BZ sprach mit dem früheren Bundestagsabgeordneten Harald Leibrecht über die Partei einst und jetzt.

Wahlabend am 27. September 1998: Es geht auf Mitternacht zu, und im Wahlkreis Neckar-Zaber ist immer noch unklar, ob die FDP einen Abgeordneten in den Deutschen Bundestag schickt. Der Kandidat Harald Leibrecht liegt auf Listenplatz acht, der unsicher ist. Am Ende ziehen nur sieben Kandidaten aus Baden-Württemberg ein, Leibrecht gibt Dirk Niebel aus Heidelberg den Vortritt. Vier Jahre später tritt der Ingersheimer erneut an – mit Erfolg. Bei dieser und den kommenden Wahlen hat Leibrecht „bombensichere Plätze“, wie er im BZ-Rückblick aus Anlass des 75-jährigen Bestehens der liberalen Partei erzählt. Drei Legislaturen lang ist er Mitglied der FDP-Fraktion im Bundestag.

Kreisverband noch älter

Apropos 75 Jahre: Die Kreis-FDP ist sogar noch älter, der Kreisverband wurde bereits im Oktober 1945 gegründet, damals noch unter dem Namen DVP (Demokratische Volkspartei), der seit 1864 bestehenden liberalen Vorgängerpartei. Im vergangenen Jahr feierte der Kreisverband dieses Jubiläum – wegen der Coronazeit um zwei Jahre verspätet.

Der FDP-Kreisverband habe sich relativ schnell gut entwickelt, sagt Harald Leibrecht, der von 2007 bis 2013 Kreisvorsitzender war und heute neben Wolfgang Weng aus Gerlingen Ehrenvorsitzender ist. Vor Leibrecht vertrat Weng von 1983 bis 1998 die Liberalen im Kreis Ludwigsburg im Bundestag. Weng war vorher Landtagsabgeordneter gewesen, dort rückte für ihn nach seiner Wahl in den Bundestag Doris Natusch aus Bietigheim-Bissingen nach.

Wofür steht die FDP? Harald Leibrecht, der nach der Politik unternehmerisch tätig wurde, nennt die Vertretung des Mittelstands. Ja, die FDP sei wirtschaftsnah, sagt er, „aber nicht unsozial“, wie oft behauptet werde. Viele Mitglieder seien im sozialen Bereich aktiv. Er selbst sei mit der Überzeugung in die Politik gegangen, mehr für ärmere Länder zu tun. Leibrecht war im Bundestag unter anderem als Sprecher der FDP-Fraktion für Auswärtige Kulturpolitik und entwicklungspolitischer Sprecher aktiv. Er bereiste zahlreiche Entwicklungs- und Krisenländer, war mehrmals in Afghanistan. Zugleich gelte für die Liberalen aber auch der Satz, dass das Geld, das ausgegeben werde, erst einmal erwirtschaftet werden müsse. Man wolle keinen Staat, der alles mache und dafür dann den Steuerzahler zur Kasse bitte, beschreibt er den freiheitlichen Gedanken.

Die Rolle der FDP als kleiner Partei sieht er auch als Korrektiv in Koalitionen – so wie jetzt in der Ampelkoalition. Es sei der Vorteil des Verhältniswahlrechts, dass es ein breites Parteienspektrum im Parlament gebe. „Das ist Gold wert“, sagt Leibrecht und verweist auf Länder mit Mehrheitswahlrecht wie die USA mit zwei großen Parteien. Dort müsse eine Partei ein viel größeres Spektrum abdecken, was dazu führe, dass es etwa die Republikaner gerade fast zerreiße.

Allerdings gibt es inzwischen in der FDP Stimmen, die einen Ausstieg aus der Koalition fordern. Eine Initiative hat eine Mitgliederbefragung darüber angestrengt. Leibrecht hält von einem Ausstieg indes nichts. „Wir haben eine schwierige Zeit, da muss man sich zusammenraufen“, meint er. Es gehe jetzt darum, gemeinsam durch die Krise zu kommen, die FDP dürfe sich nicht „einen schlanken Fuß machen“.

Seit 2013 keine Abgeordneten

Gleichwohl seien natürlich die zurückgehenden Umfragewerte bedrohlich, ist er sich bewusst. Der Ingersheimer war als Kassenprüfer dabei, als die FDP 2013 nach dem Unterschreiten der Fünf-Prozent-Hürde aus dem Bundestag flog und ihre Fraktion auflösen musste. Er selbst war damals nicht mehr angetreten.

Bedauerlich findet er, dass die FDP im Kreis seitdem weder im Bundestag noch im Landtag mit Abgeordneten vertreten ist. Man müsse mehr daran arbeiten, sagt er. Einen Abgeordneten zu haben „motiviert die Basis“ und dieser könne Probleme im Kreis auf höherer Ebene ansprechen. „Man kann einiges bewegen“, sagt der Ingersheimer, der dennoch der politischen Tätigkeit nicht nachtrauert. Er habe damals, 2013, alle Ämter niedergelegt. „Ich will kein ,Elder Statesman’ sein, der den Jüngeren Ratschläge gibt“, so Leibrecht zu seiner Rolle in der FDP nach der Politik.

 
 
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