Kreis Ludwigsburg „Kinder in die Trauer einbeziehen“

Von Claudia Mocek
Birgit Beurer (links) von der Ökumenischen Hospizinitiative im Landkreis Ludwigsburg und die Ehrenamtliche Ramona Clauß. Foto: /Claudia Mocek

Der Ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst im Kreis Ludwigsburg bietet ab Oktober einen neuen Vorbereitungskurs für Ehrenamtliche an.

Seit Wochen spielen wir Kniffel“, sagt Ramona Clauß und lacht. Die 27-Jährige arbeitet seit drei Jahren als Ehrenamtliche im ambulanten Kinder- und Jugendhospiz im Landkreis Ludwigsburg. Derzeit begleitet sie eine Familie mit zwei Kindern, deren Mutter gestorben ist. Ob ein Elternteil schwer erkrankt ist oder das Kind selbst, „das Ambulante Kinderhospiz ist ab der Diagnose dabei, wenn die Familien das möchten“, sagt Birgit Beurer von der Ökumenischen Hospizinitiative im Landkreis Ludwigsburg. Seit 2014 stehen bei diesem Angebot die Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt und die Frage, wie sie in einer solch belastenden Situation gut mitgenommen werden können. Im Oktober startet ein neuer Vorbereitungskurs für Menschen, die bereit sind, in der Trauer für die Familien da zu sein.

Tabuthemen angehen

Ramona Clauß besucht einmal pro Woche die elfjährige Tochter für zwei Stunden. Auch wenn der Tod der Mutter nicht überraschend kam, fehlen dem Kind die gemeinsamen Rituale, etwa das Bürsten der Haare, sagt die Sozialpädagogin. Nachdem die Mutter gestorben war, haben sie gemeinsam Ketten zum Abschied gebastelt. Daran habe sich die ganze Familie beteiligt. Dem Mädchen tue es gut, dass jemand kommt, um nur für sie da zu sein. Ob geredet wird, über Tod und Beerdigung, gebastelt oder geschwommen wird – „von den Kindern kommt immer etwas“, sagt Clauß. „Die Arbeit mit Kindern gibt einem viel“, sagt sie.

Sie selbst habe viel Stabilität in ihrer Familie erlebt. Dieses Privileg wolle sie nun an andere weitergeben. Außerdem fasziniert es die junge Frau, sich mit Tabuthemen zu beschäftigen. Die Treffen mit der Elfjährigen seien eine schöne Zeit, auf die sie sich freut. „Wir lachen viel zusammen“, sagt sie.

„Auch ein Zweijähriger bekommt emotional alles mit“, ist Beurer überzeugt: „Unsere Botschaft lautet immer, die Kinder in die Trauer mit einzubeziehen.“ Sie erinnert sich an einen Eineinhalbjährigen, der seinem schwerkranken Vater auf der Intensivstation noch einen Kuss gegeben habe und ihm noch einmal gewunken habe. Das seien wichtige emotionale Erinnerungen, die man dem Kind später etwa in der Pubertät erzählen könne. „Kinder brauchen Gemeinschaft, sie müssen aber auch ins Tun kommen“, sagt Beurer. Für Erwachsene seien Worte wie „Hospiz“, „Beerdigung“ oder „Urne“ oft mit viel Schrecken verbunden. Kindern würden Erklärungen bei der Verarbeitung aber helfen. Oft würden sie in Trauersituationen selbst zu viel Verantwortung übernehmen und sich nicht trauen, den übrig gebliebenen Elternteil mit ihren Fragen zu behelligen. Hier könnten Ehrenamtliche wichtige Arbeit leisten, weil sie als Außenstehende nicht Teil des fragilen Systems Familie sind. „Kinder müssen Kind sein dürfen, auch in diesen Situationen“, sagt Beurer.

„Abschied ist ein Prozess“

Manchmal geht eine Krebsdiagnose auch gut aus. Doch stirbt ein Elternteil, gehen die Ehrenamtlichen oft auch mit zur Beerdigung und begleiten das erste Trauerjahr. Dann wird geschaut, wie sich die Situation entwickelt. „Abschied und Trauer sind immer ein Prozess“, sagt Beurer. Letztlich sei das Ziel, irgendwann auch ohne die Begleitung auszukommen. Und auch dieses Loslassen werde gestaltet.

2024 feierte die Kinder- und Jugendtrauer ihr zehnjähriges Bestehen. Betroffene Familien werden auf das kostenlose Angebot aufmerksam gemacht, manchmal kommt der Hinweis über die Schulsozialarbeit. „Es geht um eine psychosoziale Begleitung, nicht um Hausaufgabenbetreuung oder Pflegedienste“, erklärt Beurer. Rund 70 Ehrenamtliche und fünf Hauptamtliche haben im vergangenen Jahr 235 Familien unterstützt, Tendenz steigend. „Die Ehrenamtlichen werden gebraucht“, sagt Beurer, die sich auf neue Ehrenamtliche freut: Im Oktober startet ein weiterer Vorbereitungskurs an dem zirka zwölf Interessierte teilnehmen können und der prozessorientiert geleitet wird.

Er dauert rund vier Monate und umfasst 100 Unterrichtseinheiten. Am Mittwoch, 22. Oktober, findet ein verbindliches Vorgespräch statt. Die Kurstermine sind mittwochs, freitags und samstags. Inhaltlich gibt es viel Input zu verschiedenen Themen – zu Krankheitsbildern, zur Entwicklungspsychologie, zur Trauer und zum System Familie. „Es geht aber auch um Selbstreflexion, Spiritualität und eigene Glaubenssätze“, sagt Beurer. Vor diesem Hintergrund werde auch Biografiearbeit geleistet und die Selbstfürsorge der Ehrenamtlichen thematisiert. „Es geht in die Tiefe“, sagt Beurer. Den Abschluss bildet ein ökumenischer Gottesdienst. Der ambulante Hospizdienst wird getragen von der Evangelischen und Katholischen Kirche, von Caritas, Diakonie und der Stiftung Karlshöhe.

Auch nach dem Kurs werden die Ehrenamtlichen durch Supervisionen, Gruppentreffen, Sommerkreativ-Camp und weitere Fortbildungsangebote unterstützt. „Man muss bereit sein, in Beziehung gehen zu wollen“, betont Beurer.

Basteln, radfahren, reden

Die rund 70 Ehrenamtlichen, Männer und Frauen von 23 bis über 70 Jahre alt, sind Sozialarbeiter, Lehrer oder Ingenieure. Nicht nur die Ehrenamtlichen seien unterschiedlich, auch die betroffenen Familien und ihre Bedürfnisse. Manche Kinder wollen Basteln, Radfahren, Reden. Andere könnten nicht sprechen, aber tasten, hören und fühlen. Welcher Ehrenamtliche zu welcher Familie passt, dafür haben Beurer und ihre Kollegen ein gutes Gespür entwickelt. „Es ist wichtig, dass die Familien die Unterstützung wollen, wir holen uns aber immer auch den Auftrag vom Kind selbst“, sagt sie.

Menschen, die sich für den Vorbereitungskurs interessieren, können sich ab sofort bei der Ökumenischen Hospizinitiative melden unter Telefon (07141) 992434-34 oder per E-Mail an kinderhospiz-hospiz-ludwigsburg.de

 
 
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