Kreis Ludwigsburg Kinderbetreuung auch für über Dreijährige schwierig

Von Bigna Fink und Petra Neset-Ruppert
Erst im Juli wurde die Erweiterung des Kindergartens im Fliederweg in Bietigheim-Bissingen eröffnet. Doch auch in diesem Jahr fehlen wieder viele Betreuungsplätze, auch für Kinder über drei Jahren. Foto: /Martin Kalb

In den Städten und Gemeinden im Kreis Ludwigsburg warten auch dieses Jahr viele Kinder auf einen Betreuungsplatz in kommunalen Einrichtungen. Auch Kinder über drei Jahren landen auf den Wartelisten. Nur in Löchgau fanden alle Kinder einen Platz.

Baden-Württemberg ist im Kita-Bereich auf dem Weg zum Musterländle“, heißt es stolz auf der Webseite der Landesregierung, die sich „mit dem bundesweit besten Betreuungsschlüssel“ und einer „besonders hohen Qualität“ in ihren Kindertagesstätten brüstet. In der Realität ist die Lage für viele Eltern und ihre kleinen Kinder ernüchternd, auch hier im Kreis. Gerade auch bei der Betreuung für Kinder über drei Jahren werden die Betreuungsengpässe immer mehr.

Es gibt schlichtweg zu wenig Kita-Plätze für eine weiter steigende Nachfrage bei gleichzeitig eklatantem Mangel an Erzieherinnen und Erziehern. Laut einer Studie des Verbands Bildung und Erziehung war 2021 in jeder dritten Kita in Baden-Württemberg an mindestens vier von zehn Arbeitstagen nicht einmal die Minimalbesetzung vorhanden. Die BZ hat bei den Städten und Gemeinden nachgefragt.

Bietigheim-Bissingen

Die Stadt bietet aktuell 1483 Ü-3-Plätze und 318 U-3-Plätze. „Trotz Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ist es leider nicht immer möglich, zum gewünschten Termin auch einen Platz zu erhalten“, sagt Stefan Volgenandt, Vorsitzender des Gesamtelternbeirats (GEB) der Kinderbetreuungseinrichtungen Bietigheim-Bissingen.

So stehen laut städtischen Angaben derzeit 176 Kinder unter drei Jahren (U3) und 104 Kinder über drei Jahren (Ü3) auf der Warteliste für einen Betreuungsplatz im jetzigen Kindergartenjahr. Das heißt, selbst ältere Kindergartenkinder und ihre Eltern müssen in Bietigheim-Bissingen bisweilen auf einen Einrichtungsplatz warten. Mehr Planungssicherheit für die Eltern wünscht sich der GEB. „Insbesondere die Ganztagsangebote müssen sich zukünftig stärker am Bedarf orientieren“, meint Volgenandt.

„Bietigheim-Bissingen befindet sich mitten im An- und Ausbau weiterer Kindertageseinrichtungen, was allerdings noch Zeit benötigt und auch das nötige zusätzliche Personal“, heißt es von Anette Hochmuth, Pressesprecherin der Stadt. Sie nennt hier einen Zeitraum von einigen Jahren. „Wenn alles umgesetzt sein wird, können zirka 120 Kinder unter drei Jahren und zirka 250 Kinder über drei Jahren weitere Betreuungsplätze in der Stadt finden.“ Bedingung: genügend Fachkräfte.

Ingersheim

Die Personalnot im Erzieherbereich bekommt auch die Gemeinde Ingersheim zu spüren: Seit Juli sind vier Stellen für Erzieherinnen und Erzieher in unseren Kindertagesstätten ausgeschrieben“, erzählt Susanne Klein, die Gesamtleiterin der Kindertageseinrichtungen und fügt hinzu: „Bisher gab es so gut wie keine Bewerbungen.“ Ohne den Einsatz von ungelernten Kräften wäre es schwierig, dann müssten etwa die Öffnungszeiten gekürzt werden, sagt Klein.

Insgesamt sieht es aber in Ingersheim bezüglich Betreuungsschlüssel laut Klein ganz gut aus. Die Gemeinde stellt 62 U3- und 291 Ü3-Plätze in ihren Einrichtungen bereit. In Ingersheim warten momentan neun Kinder unter drei Jahren auf einen Betreuungsplatz, „bei den Über-Dreijährigen sind nahezu alle Kinder in unseren Kindergärten oder anderweitig betreut, so die Gesamtleiterin der Kindertageseinrichtungen.

Sachsenheim

Die Stadt Sachsenheim hat derzeit 178 Plätze im U-3-Bereich und 799 Plätze im Ü-3-Bereich. 23 Kleinkinder sowie 51 Über-Dreijährige stehen aktuell auf der Warteliste. Stellvertretend für viele Gemeinden in Baden-Württemberg sind die Gründe dafür laut der Stadt Sachsenheim Folgende: Aufgrund des Personalmangels könnten neu geschaffene Gruppen nicht eröffnet werden und freie Plätze nicht belegt werden. Im Bau befindliche Plätze stünden noch nicht zur Verfügung. „Teilweise warten Eltern auf einen Platz im ‚Wunschkindergarten’, heißt es von Sven Kaiser, Teamleiter im Bereich Bildung und Betreuung der Stadt.

Bönnigheim

334 Ü3- und 50 U3-Betreuungsplätze gibt es in Bönnigheim. Weitere Plätze sind geplant, im Familienzentrum in der Kirchheimer Straße. Dort sollen 75 zusätzliche Plätze für Kinder über drei Jahren entstehen. 20 Kinder unter drei Jahren sollen dort ebenfalls zusätzlich betreut werden können. Doch der Baubeginn für die Erweiterung ist jetzt im Oktober und mit der Fertigstellung rechnet die Stadtverwaltung im März 2024. Momentan sitze man noch über den Anmeldungen zur Kinderbetreuung, weshalb man noch keine Zahlen zu Wartelisten habe, heißt es aus der Verwaltung.

Freudental

Freudental verfügt momentan über 105 Ü3 – und 26 U3-Plätze. „Die Anmeldezahlen zeigen aber, dass dies auf Dauer nicht ausreichend sein wird“, sagt Bürgermeister Alexander Fleig mit Blick auf die Zahlen in der U3-Betreuung. Nahezu alle Plätze bei den Kindern über drei Jahren seien belegt. Im U3-Bereich gebe es „kleinere Wartezeiten bis die Aufnahme erfüllt werden kann“. Fleig geht davon aus, dass sich dies im kommenden Kindergartenjahr verstärken werde. Im zweiten Quartal 2023 sollen 20 weitere Plätze im Naturkindergarten für Kinder über 3 Jahren in Betrieb genommen werden können. Für den U3-Bereich soll die Kita Taubenstraße erweitert werden. „Hier laufen gerade die Planungen für die Schaffung von weiteren Krippenplätzen“, so Fleig.

Besigheim

In Besigheim gibt es momentan 185 U-3-und 542 Ü-3-Plätze. Insgesamt stünden stadtweit ausreichend Plätze zur Verfügung, allerdings befindet sich die freie Kapazität im Ü3-Bereich im fünf Kilometer entfernten Teilort Ottmarsheim. „Dadurch scheidet diese Alternative für Familien, die nicht mobil sind aus und es entsteht Bedarf im Ü-3-Bereich“, sagt Andrea Goebel vom Haupt- und Ordnungsamt Besigheim. Der Ü3-Kitaplatzmangel in Besigheim „entsteht vor allem durch höhere Kinderzahlen, durch mehr Geburten und Zuzüge, auch Zuzüge von Flüchtlingsfamilien sowie einer längeren Verweildauer in den Kitas, also frühere Aufnahme in die Kitas und Verlegung des Einschulungsstichtages“, erklärt Goebel.

Löchgau

Ein Lichtblick im Kitaplatz-Problem scheint die 5700-Einwohner-Gemeinde Löchgau zu sein: „Wir stehen in puncto Kindertagesbetreuung in Löchgau extrem gut da“, sagt Hauptamtsleiter Jens Millow. „Wir haben recht früh, 2017, das Problem des Fachkräftemangels im Kitabereich erkannt und arbeiten seither darauf hin, dass wir genug Erzieherinnen und Erzieher haben“, so Millow. So liegen laut Silke Ziegler, Gesamtkindergartenleiterin der Gemeinde, „sowohl im U-3- als auch im Ü-3-Bereich keine Wartelisten vor“.

Löchgau bietet 260 Plätze für Über-Dreijährige und 56 Plätze für Unter-Dreijährige an. „Alle angemeldeten Kinder unter drei Jahren erhalten direkt bei Anmeldung eine Zusage und bis zum heutigen Tag auch ohne Wartezeit“, so Silke Ziegler. Ein Ausbau der Plätze sei bereits vorgenommen worden und damit habe die Gemeinde weitere 50 Kindergartenplätze auf Vorrat. Während die meisten anderen Gemeinden in der Region händeringend nach Personal für ihre Kitas suchen, hat Löchgau laut Hauptamtsleiter Millow in den vergangenen Monaten bis zu fünf Initiativbewerbungen von Erziehern erhalten, „die wir alle einstellen konnten.“ Wertschätzung sei der Schlüssel dafür, Personal zu halten und zu gewinnen. „Wir fragen uns ständig: Was können wir besser machen? Was brauchen die Erzieher, um zufrieden zu arbeiten?“ Millow sieht mit großer Sorge auf die Konkurrenzsituation der Gemeinden um neue Kita-Fachkräfte: „Es gibt faktisch viel zu wenig Personal. Die Landesregierung muss ganz dringend Maßnahmen dagegen ergreifen.“

Ludwigsburg

1073 U3-Plätze und 3379 Ü3-Plätze stellen 17 unterschiedliche Träger momentan in der Stadt Ludwigsburg für die Kinderbetreuung zur Verfügung. Doch der zusätzliche Bedarf ist weiterhin hoch: 228 Ü3- und 340 U3-Betreuungsplätze fehlen momentan. „Der zusätzliche Bedarf resultiert aus starken Jahrgängen im U7-Bereich seit 2015 mit über 1000 Kindern. Darüber hinaus haben wir durch die Stichtagsverlegung der Schulkinder einen weiteren zusätzlichen Bedarf von zirka 200 Betreuungsplätzen“, erklärt Meike Wätjen von der Pressestelle der Stadt Ludwigsburg. Acht Baumaßnahmen bis Mitte 2024 sollen den Ausbau der Kindertagesbetreuung ergänzen.

 
 
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