Der Altkleidermarkt lohnt sich für uns nicht mehr“, sagt Otto Seeger, Geschäftsführer der Firma Texrec aus Mössingen, Kreis Tübingen. Bisher hat sein Unternehmen im Namen des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) die von der Bevölkerung in die Container geworfenen Klamotten und Schuhe im Kreis Ludwigsburg eingesammelt und an Sortierfirmen verkauft. Nun hat Texrec seit der ersten Septemberwoche alle eigenen Container im Landkreis abgebaut, 14 insgesamt, so auch die zwei großen Tonnen an der Buchstraße in Bietigheim-Bissingen. Zuvor waren die beiden Behälter völlig überladen, daneben standen weitere Kleidersäcke und Sperrmüll.
Kreis Ludwigsburg Einige Altkleider-Container sind abgeschafft
Eine Sammelfirma hat ihre Behälter für aussortierte Textilien im Kreis allesamt entfernt. Die Wohlfahrtsverbände in der Region bestätigen die sich zuspitzende Altkleiderkrise.
Wie kam es so weit und wie ist allgemein die Lage der Altkleider-Container hier im Kreis?
Viele Gründe für die Kleiderberge
Seit Januar gilt in Deutschland aufgrund einer EU-Vorgabe ein neues Gesetz, die sogenannte Getrenntsammlungspflicht für Textilabfälle. Diese verpflichtet die Bürger, alle Textilien, selbst unbrauchbare, nicht mehr im Hausmüll zu entsorgen (die BZ berichtete). Ziel soll sein, den Anteil recycelter oder weiterverwerteter Textilien zu erhöhen.
Unter anderem dadurch sei die Masse an Kleidung in den Containern extrem gestiegen, sagt Steffen Schassberger, Pressesprecher des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Kreisverband Ludwigsburg. Er betont: Nutzlose Altkleidung, zum Beispiel zerrissene oder stark verschmutzte Kleidung, etwa mit Ölflecken, könne weiter in den Restmüll.
Ein weiterer Grund, warum der Altkleidermarkt tief in der Krise steckt, sei der Krieg in der Ukraine. Zuvor verkauften die Sortierbetriebe viel tragbare Kleidung in osteuropäische Länder, dieser Absatzmarkt sei zusammengebrochen. Zudem falle der wichtige Absatzmarkt Afrika weg. Der Kontinent werde mit billiger Neu- und Altware aus China überflutet, so Schassberger.
Ein Teil der guten Kleidung aus den DRK-Containern komme zu den fünf Kleiderkammern im Kreis, nach Bönnigheim, Schwieberdingen, Gerlingen, Oberstenfeld und Steinheim, wo sie an Hilfsbedürftige gespendet oder sehr günstig verkauft werde. Aber die Lager der Kleiderkammern seien mittlerweile auch sehr voll.
Ein weiterer Teil der Textilmasse werde für die Industrie genutzt und zu Dämmmaterial weiterverarbeitet. Die hiesige Wirtschaft stecke aber ebenfalls in der Krise, insbesondere die Automobilindustrie, die am meisten Dämmstoff aus Altkleidern verwende.
Schnell, günstig und weggeworfen
Nicht zuletzt spiele die massive Menge an neuer Billigkleidung, das Phänomen der „Fast Fashion“ eine große Rolle beim Überschwemmen des Kleidermarktes, sagt Schassberger. Wenn ein T-Shirt nur zwei Euro koste, werde davon natürlich viel mehr weggeworfen. „Kurz, wir haben extrem viele Altkleider und extrem wenig Abnehmer“, bringt er das Problem auf den Punkt.
All die Gründe für die zugespitzte Altkleiderkrise bestätigt Lars-Ejnar Sterley, Landesgeschäftsführer des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) Baden-Württemberg. „Die Preise für die Altkleider sinken vor allem aufgrund des internationalen Zusammenbruchs der Nachfrage ins Bodenlose.“ Der ASB habe noch nie Altkleider selbst verwertet, sondern stets einen Teil vom Erlös der Sammelfirmen für gemeinnützige Zwecke erhalten. „Ich denke, die Rahmenbedingungen werden sich nicht so schnell erholen“, so Sterley, und so werde es auch vorerst keine neuen Altkleidercontainer von ASB/ Texrec geben.
Zu Müllhalden verkommen
Der ASB-Landeschef spricht außerdem die Vermüllung der Altkleider-Container an: „In den letzten Jahren sind die Container verkommen.“ Dies betont auch der Geschäftsführer der Kleidersammelfirma Texrec, Otto Seeger: „Die Leute stellen Kleider in den Dreck vor die Container und laden Sperrmüll, wie kaputte Stühle oder Kinderspielzeug davor ab.“ Die Entsorgungskosten müssten die Sammelfirmen tragen. Er schlägt Straßensammlungen von Kleidung wie früher üblich vor.
Kein Erlös mehr vom kaputten Markt
Vom DRK stehen viele Altkleider-Container im Landkreis Ludwigsburg, so etwa zwei in Bietigheim-Bissingen, weiß Steffen Schassberger, auf dem öffentlichen Parkplatz an der Ecke Wilhelmstraße/ Stuttgarter Straße (B 27). „Wir haben den Vorteil dass wir verschiedene Sammelfirmen als Partner haben.“ Diese betrieben die Arbeit vorerst für das DRK weiter, auch wenn der Markt tatsächlich im Keller sei.
Ein Teil des Erlöses der Kleidersammlung erhalten bisher die Ortsvereine des DRK. „Doch der kaputte Markt bedroht diese Einnahmen“, sagt Schassberger. So hat sein Ortsverein in Vaihingen pro Jahr bisher bis zu 8000 Euro erhalten, die für die gemeinnützige Arbeit verwendet wurden.
Die Sammelfirma Texrec, die mit dem ASB seit über 35 Jahren zusammenarbeitet, hat sämtliche ihrer Container in Baden-Württemberg abgebaut. „Wir können die Entsorgungskosten durch den sinkenden Verkaufspreis nicht mehr erlösen“, sagt Geschäftsführer Seeger. Er hofft auf Zuschüsse von den Landkreisen, wie er sie etwa vom Kreis Schwäbisch Hall bekomme.
Schlussendlich ist der Landkreis dafür verantwortlich, dass Alttextilien fachgerecht entsorgt werden. Von der Pressestelle des Landratsamtes Ludwigsburg kommt auf Nachfrage zum Altkleider-Entsorgungsproblem folgende Aussage: Die Abfallverwertungsgesellschaft (AVL), „sammelt seit vielen Jahren Alttextilien auf den Wertstoffhöfen im Landkreis Ludwigsburg.“ Damit komme der Landkreis der gesetzlichen Entsorgungspflicht nach. „Die Gewährung eines Zuschusses aus den Abfallgebühren“, wie es die Entsorgungsfirma Texrec erhofft, „schließt das Kommunalabgabengesetz aus.“
