Thomas Kauth, Kinder- und Jugendarzt in Ludwigsburg und Vorstand der Ärzteschaft Ludwigsburg, erzählt im BZ-Gespräch von einem Vorkommnis in seiner Praxis. Ein schwer psychisch krankes siebenjähriges Mädchen war in der Ludwigsburger Praxis von Dr. Beck und Dr. Kauth – laut brüllend und um sich schlagend mit völlig überforderten Eltern. Die Mutter zeigte im Gesicht Verletzungen und Hämatome, die ihr die aggressive Tochter zugefügt hatte. Die Situation mit dem laut brüllenden und randalierenden Kind ließ sich in der Praxis nicht lösen und es erfolgte eine Noteinweisung in die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Weinsberg. Dort wurde das Kind mit der Begründung abgelehnt, dass es sich nicht um einen Notfall handle. In ihrer Not sind die Eltern mit dem Kind in ihr Herkunftsland gefahren und hoffen dort, eine sofortige kinder- und jugendpsychiatrische Hilfe zu bekommen.
Kreis Ludwigsburg „Kritische Lücke“ in Kinderpsychiatrie
Es gibt keine stationäre Versorgung für psychisch kranke Kinder und Jugendliche. Das sei sehr besorgniserregend, sagt Kinderarzt Dr. Thomas Kauth.
Seit vielen Jahren weisen die Kinder- und Jugendärztinnen im Landkreis darauf hin, dass die zahlreichen psychisch erkrankten Kinder und Jugendlichen im Landkreis keine adäquate Versorgung finden. Von den 100.000 Kindern und Jugendlichen im Landkreis sind circa 17.000 psychisch erkrankt und mindestens 10.000 benötigen eine kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung.
Dem Landkreis stünden 40 stationäre Plätze zu
Bezogen auf die Größe stehen dem Landkreis Ludwigsburg 40 kinder- und jugendpsychiatrische Betten zu und mindestens sechs niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiater und -psychiaterinnen. Weil der Landkreis keine eigene Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie hat, gibt es auch keine Fachärzte, die sich hier niederlassen wollen, sagt Kauth. Tatsächlich gibt es derzeit in Ludwigsburg nur eine Kinder- und Jugendpsychiaterin. Diese kann alleine maximal 120 bis 150 Patienten versorgen.
Als Anlaufstelle verbleiben dann noch die ungefähr 50 Kinder- und Jugendärztinnen in den Praxen, welche ohnehin schon überfüllt sind, so Kauth. Zwar hat der Jugendhilfeausschuss des Landkreises eine Arbeitsgruppe gegründet, der Ärzte, Kliniken, Sozialministerium und Kreistagsfraktionen angehören, aber: „Kliniken und Landkreis stehen derzeit unter erheblichen finanziellen Druck“, heißt es aus dem Kreishaus.
Dadurch, dass es im Landkreis Ludwigsburg keine eigene Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt, müssen die Patienten für eine stationäre Therapie weite Wege zurücklegen und bekommen nur sehr schwer einen stationären Behandlungsplatz. Ein Teil der Betten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Weinsberg (Landkreis Heilbronn) ist zwar für den Landkreis Ludwigsburg reserviert, aber diese Plätze sind ständig belegt. Die Kapazität der von Weinsberg eingerichteten psychiatrischen Institutsambulanz am Klinikum Ludwigsburg reiche, so Kauth, bei Weitem nicht aus, um die große Nachfrage im Landkreis zu decken. Aus Sicht der Kinder- und Jugendärzte und -ärztinnen sei diese Unterversorgung „unerträglich“.
Landkreis sei kein Ausfallbürge für die zuständigen Stellen
Die schwierige Versorgungssituation sei dem Landkreis sehr bewusst und werde aktiv begleitet. Sie habe sich auch verschärft, weil für den gesamten Landkreis nur noch ein halber Praxissitz zur Verfügung steht, schreibt das Landratsamt auf BZ-Anfrage. Im ambulanten Bereich habe der Landkreis nach der gesetzlichen Aufgabenverteilung eine koordinierende, planerische Funktion. Landrat Dietmar Allgaier: „Dem Landkreis ist es ein dringendes Anliegen, zu einer deutlichen Entlastung des Systems beizutragen. Allerdings ist klar, dass der Landkreis hier nicht als Ausfallbürge für die eigentlich zuständigen Stellen agieren kann.“ Für die ambulante Psychiatrieversorgung, wie die Schaffung und Belegung von Plätzen, sei die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) zuständig. Mit dieser sei man im ständigen Gespräch, zudem mit dem Landkreistag, dem Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen sowie dem Sozialministerium. Mit Blick auf die Gesamtsituation habe die Verwaltung nochmals mit den Verantwortungsträgern des Klinikums Ludwigsburg gesprochen. Dabei sei deutlich geworden, dass das Klinikum Ludwigsburg beabsichtige, die stationäre wie ambulante psychiatrische Versorgung im Rahmen seiner strategischen Neuausrichtung grundsätzlich und langfristig einzubeziehen, so der Landrat.
Auf Anfrage weisen die RKH-Kliniken darauf hin, dass eine Entscheidung über stationäre Betten für die Kinder- und Jugendpsychiatrie das Sozialministerium fälle. „Entgegen dem Eindruck, es fände keine Versorgung statt, leisten die RKH-Kliniken bereits heute einen wesentlichen Beitrag zur Diagnostik und Therapie von Kindern mit Entwicklungsauffälligkeiten und psychischen Begleiterkrankungen“, schreibt Christoph Schmale von der Unternehmenskommunikation der RKH Gesundheit.
Gespräche über einen Ausbau zur Schließung der Lücken
Das Sozialpädiatrische Zentrum (SPZ) am Klinikum Ludwigsburg und die Interdisziplinäre Frühförderstelle (IFF) in Vaihingen seien zentrale Anlaufstellen für betroffene Familien im Landkreis. Die Klinikenleitung befinde sich wegen des hohen Bedarfs an kinder- und jugendpsychiatrischen Plätzen in Gesprächen über einen Ausbau der Versorgung. Ziel sei, die „kritischen Lücken in der Versorgungskette“ zu schließen.
