Kreis Ludwigsburg Mit Goldkreuz auf den Weg ins Jenseits

Von Uwe Mollenkopf

Grundstein dafür, dass hierzulande Weihnachten gefeiert wird, war die Christianisierung ab dem 6. Jahrhundert. Bis überall Kirchen standen, es aber ein langer Weg.

Mit Weihnachten steht wieder eines der höchsten christlichen Feste vor der Tür. Mehr als 2000 Jahre liegt die Weihnachtsgeschichte zurück – doch in der Region ist die christliche Religion wesentlich jünger. Starthilfe dafür, dass sie schließlich auch hier Fuß fassen konnte, leistete ausgerechnet ein skrupelloser Frankenkönig.

Theoretisch hätten zuvor auch schon christliche Römer an Enz und Neckar leben können. Denn durch die Apostel breitete sich das Christentum im Römischen Reich aus, dessen Grenze um 100 nach Christus bis zum Neckar und später noch darüber hinaus nach Osten vorgeschoben wurde. Archäologische Belege dafür gibt es aber nicht, stellt Michael Harr, der frühere evangelische Pfarrer von Großingersheim, in seiner Arbeit über die Christianisierung Südwestdeutschlands fest. Verwunderlich ist das nicht, denn im Römischen Reich fanden bis zum sogenannten Toleranzedikt von 312 immer wieder Christenverfolgungen statt, etwa unter Kaiser Nero. Dagegen hinterließ eine andere östliche Religion, der Mithras-Kult, hier ihre Spuren, wie man anhand von Tempelresten in Mundelsheim besichtigen kann.

Glaube an Donar und Wodan

Um 260 nach Christus zogen sich die Römer hinter Rhein und Donau zurück und überließen den germanischen Alamannen das Land. Diese brachten ganz andere Jenseits-Vorstellungen mit. Im germanischen Götterhimmel finden sich unter anderem Donar, der für den Donner zuständig war und heute noch im Donnerstag Niederschlag gefunden hat, oder Göttervater Wodan, der im Angelsächsischen im Wednesday überlebt hat. Speziell für die Alamannen werden außerdem auch naturreligiöse Vorstellungen erwähnt. Sie würden Bäume und Flüsse, Hügel und Schluchten wie Götter verehren und als heilige Handlungen Pferden und Rindern sowie anderen Tieren die Köpfe abschlagen, schreibt der byzantinische Geschichtsschreiber Agathias Mitte des 6. Jahrhunderts.

Zum Zeitpunkt seines Berichts hatte sich jedoch schon länger ein für den Siegeszug des Christentums im alemannischen Raum entscheidendes Ereignis abgespielt. Um 496/97 besiegte der Merowinger Chlodwig, König des ebenfalls germanischen Stamms der Franken mit Sitz in Paris, die weit nach Norden vorgestoßene alamannische Konkurrenz bei Zülpich, einem Ort bei Bonn.

Taufe nach gewonnener Schlacht

Der Frankenkönig, bekannt dafür, dass er wenig Skrupel kannte, wenn es um die Sicherung seiner Herrschaft ging und der schon mal selbst zur Axt griff, um sich Respekt zu verschaffen, hatte während der Schlacht gelobt, Christ zu werden, wenn er siegreich bleibe. Es wird vermutet, dass dabei auch seine bereits christliche Frau Chrodechilde die Finger im Spiel hatte. Jedenfalls ging das Gemetzel für Chlodwig gut aus und der Franke hielt Wort: Etwas später ließ er sich an Weihnachten durch Bischof Remigius von Reims römisch-katholisch taufen. Ihm taten es auch 3000 fränkische Krieger nach. Für die besiegten Alamannen bedeutete das, dass sich die Sieger ihre nördlichen Gebiete aneigneten und das Christentum mitbrachten. Die neue Grenzlinie führte wohl entlang des Hohenaspergs und Lembergs, so wird angenommen. Für die Orte nördlich davon ist nach 496 mit fränkischen Bevölkerungsanteilen zu rechnen, wie etwa Dr. Ingo Stork (In: „Bietigheim 789 bis 1989“) für Bietigheim feststellt Das restliche Alamannien wurde später auch von den Franken unterworfen, blieb aber bis 746 eigenständig.

Ein christlicher Geisinger

Bis die Region durch und durch christlich war, dauerte es nach Einschätzung der Experten allerdings Jahrhunderte. Ablesbar ist der Wandel im Glauben laut Harr an den Grabbeigaben. Damals war es üblich, dass die Verstorbenen Beigaben fürs Jenseits erhielten, bei den Männern insbesondere Schild, Schwert und Lanze. Ab der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts bis zum frühen 8. Jahrhundert tauchen nun Kreuze aus dünnem Goldblech als Glaubenszeichen in den Gräber vornehmer Personen auf. Diese wurden offenbar auf einem Schleier oder Leichentuch befestigt, der das Gesicht des Toten bedeckte, sodass der Mund mit dem Kreuz in Berührung kam. Im hiesigen Raum wurde ein solches Goldblattkreuz 1986 als Grabbeigabe beim Bau eines Hauses in Freiberg-Geisingen entdeckt.

In Bietigheim, wo viele Gräberfelder zerstört wurden, sieht Archäologe Stork in dem später aufgegebenen Ort Hofo-Heim an der Großingersheimer Straße, der vom 5. bis 8. Jahrhundert existierte, Hinweise auf christliche Glaubensvorstellungen. In Pleidelsheim wird von Dr. Ursula Koch (In: „Pleidelsheimer Heimatbuch“) eine Münze mit einem vermuteten Christusbild aus der Merowingerzeit als Zeichen der Christianisierung interpretiert, ferner fand sich eine Goldscheibenfibel mit Kreuz. Tonangebend war dabei der fränkische Ortsadel.

Uralte Martinskirchen

Die endgültige Durchsetzung des Christentums geht dann mit dem Bau der ersten Kirchen einher, die meistens noch aus Holz waren. Paul Sauer (In: „Der Kreis Ludwigsburg“) geht davon aus, dass zu den frühesten Gründungen die Martinskirchen zählen, da der Heilige Martin der Nationalheilige der Franken war. Diese gibt es unter anderem in Großingersheim, in Enzweihingen, und in Kornwestheim. In letzterem Ort wurde bei Ausgrabungen 1967 der Kirchenbau auf kurz nach 630/40 datiert. Die Kirche gilt damit als einer der ältesten archäologisch nachgewiesenen Sakralbauten in Südwestdeutschland.

Auf die Zeit der Christianisierung gehen laut Sauer auch die Michaelskirchen zurück, wie man sie etwa auf dem gleichnamigen Berg bei Cleebronn findet. Sie seien an der Stelle heidnischer Kultstätten errichtet worden. Bereits auf eine ausgedehnte Seelsorge des elsässischen Klosters Weißenburg im hiesigen Raum weisen laut Dr. Hermann Römer („Ludwigsburg und das Land um den Asperg“) die den Kirchenheiligen Petrus und Paulus gewidmeten Kirchen hin. Ein Beispiel sei die Peterskirche in Bietigheim, deren Entstehungszeit Stork auf das 7., spätestens 8. Jahrhundert terminiert.

Zum Abschluss der Christianisierung und der Kirchenorganisation im fränkischen Reich kam es laut Michael Harr schließlich unter den Karolingern an der Wende vom 8. zum 9. Jahrhundert. Im Aberglauben haben so manche heidnischen Vorstellungen jedoch die Zeit überdauert.

 
 
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