Kreis Ludwigsburg Mitleid ja, aber nicht mitleiden

Von Claudia Mocek
Einsatz der Notfallseelsorge bei einem Brand in Freiberg. Foto:  

Die Notfallseelsorge unterstützt Feuerwehrleute und andere Einsatzkräfte bei belastenden Einsätzen. Ziel ist, akute Belastungsreaktionen zu lindern.

Nicht nur die Polizei, auch die Feuerwehren im Landkreis müssen immer wieder zu belastende Einsätze ausrücken. Wie gehen die ehrenamtlichen Helfer damit um? Die BZ hat bei der Feuerwehr in Bietigheim-Bissingen, bei der Notfallseelsorge im Kreis und der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) angefragt.

„Wir haben die gleichen Einsatzstellen wie die Polizei“, sagt der Bietigheimer Feuerwehrkommandant Frank Wallesch. Zwar werden die Ehrenamtlichen in der Grundausbildung präventiv geschult, „aber richtig vorbereiten auf belastende Einsätze kann man neue Kollegen fast nicht“, ist er überzeugt. Daher achten die Gruppenführer darauf, unerfahrenere Feuerwehrleute erst nach und nach an die herausfordernderen Arbeiten heranzuführen. „Wir können situativ handeln“, sagt Wallesch: „Und vor allem: wir brauchen keine Helden. Wir machen unseren Dienst und den machen wir gerne und gut.“ Wichtig dabei sei, dass niemand allein agiere, „die Feuerwehr lebt von der Kameradschaft“, sagt Wallesch. Das sei zum einen Motivation, aber auch wichtig in und nach Einsätzen. „Nach belastenden Einsätzen kommen wir direkt danach ins Gespräch“, sagt er.

Angst und Schlaflosigkeit

Wird ein Kind überfahren oder ist ein Bekannter, Verwandter, Freund oder Kollege betroffen, spricht der Gesamtleiter der Notfallseelsorge im Landkreis Ludwigsburg, Thomas Schmidt, von besonders herausfordernden Einsätzen. „Die Feuerwehrleute sind viel im eigenen Ort unterwegs“, sagt er. Da könne es sein, dass man das Opfer persönlich kennt. Bei einem solchen Einsatz wird die Psychosoziale Nofallversorgung (PSNV) alarmiert, die im Landkreis Ludwigsburg Notfallseelsorge heißt. Sie leisten seelische erste Hilfe. Ziel der ehrenamtlichen Seelsorger ist es, akute Belastungsreaktionen zu lindern und langfristige Traumafolgen zu verhindern.

Dabei werden zwei Bereiche unterschieden: Die PSNV-B (Betroffene) kümmert sich um Angehörige, Hinterbliebene oder Unfallzeugen. Dabei geht es vor allem darum, die ersten zwei bis drei Stunden zu überbrücken, bis das soziale Netzwerk der Betroffenen aktiviert wurde.

Die PSNV-E unterstützt die Einsatzkräfte bei Feuerwehr, Polizei und Rettungsdiensten. Mit einem Vorlauf von etwa 30 Minuten sind die Ehrenamtlichen vor Ort – manchmal kommen sie direkt zur Einsatzstelle oder zum Abschluss in die Rettungswache. Bei ihren Gesprächen setzen sie zum Beispiel das Stressmanagement „Critical Incident Stress Management“ (CISM) ein, das ursprünglich aus dem Militär stammt.

Der Abschluss eines Einsatzes dauere nicht lange, manchmal nur zehn Minuten, sagt Schmidt. Zunächst bedankt sich der Kommandant bei den Einsatzkräften und würdige deren Leistung. Dann werde den Feuerwehrleute erklärt, dass sie nun vielleicht nicht gut schlafen könnten, Bilder und Gerüche im Kopf hätten. „Das ist normal, so kann man reagieren“, sagt Michael Genzwürker vom PSNV Neckar-Odenwald-Kreis.

„Wir empfinden Mitleid mit den Opfern oder den Angehörigen“, sagt Schmidt, „aber wir sollten nicht mitleiden.“ Letztlich gehe es darum, das Wissen über psychische Vorgänge zu vermitteln, damit die Feuerwehrleute diese selbst besser einordnen und verarbeiten können.

Genzwürker ist Pädagoge und über die Feuerwehr zur PSNV gekommen. „Die beste Hilfe ist die von Kollegen zu Kollegen“, sagt er, weshalb die PSNV auf dem ebenbürtigen Peer-Prinzip beruht. Wer sich selbst bei der Feuerwehr engagiere, kennt den Arbeitsalltag aus eigenem Erleben. „Feuerwehr ist auch ein bisschen wie Familie, die Kameradschaft ist das A und O“, findet auch Schmidt, der seit 40 Jahren bei der Feuerwehr in Korntal-Münchingen arbeitet, seit 30 Jahren bei der Kreisfeuerwehr und seit 16 Jahren bei der Notfallseelsorge. Mittlerweile hat der selbstständige Malermeister zudem die 50-Prozent-Stelle für deren Organisation inne.

Am Ende des Abschlussgesprächs tauschen sich die Feuerwehrleute über ihre eigenen Rituale aus, mit denen sie einen schwierigen Einsatz auch symbolisch beenden. „Wenn ich die Jacke in den Schrank hänge, ist der Einsatz für mich vorbei“, sagt der Bietigheimer Kommandant Frank Wallesch.

24 bis 48 Stunden nach dem Einsatz, wenn alle darüber geschlafen haben, besteht die Möglichkeit, dass sich alle beteiligten Feuerwehrleute mit dem PSNV noch einmal zusammen austauschen. Im Mittelpunkt steht dabei aber nicht die Einsatztaktik, sondern das eigene Erleben.

Die Nachbesprechung der Einsatzkräfte dauert etwa 45 bis 90 Minuten, drei bis fünf PSNVler seien in unterschiedlichen Rollen dabei – Peers, aber auch psychosoziale Fachkräfte. Wenn zum Beispiel jemand während des Gesprächs den Raum verlasse, werde sichergestellt, dass es demjenigen gut gehe und er nicht durch die Nachbesprechung getriggert wurde. Wichtig sei auch, dass es im Anschluss etwas zum Essen und Trinken gibt, sagen Schmidt und Genzwürker. In lockerem Rahmen seien es erfahrungsgemäß vor allem die älteren Kollegen, die von ihren Erfahrungen aus vielen verschiedenen Einsätzen erzählen würden.

Die Mitglieder der Feuerwehr unterliegen der Verschwiegenheitspflicht. „Wir dürfen von den Einsätzen Zuhause nichts erzählen“, erklärt Genzwürker. Auch das sei eine Belastung. Er findet, dass Angehörige von Feuerwehrleuten noch zu wenig in den Blick genommen werden. Derzeit arbeitet die PSNV an einem Buch für Angehörige.

Angstzustände, Erschöpfungszustände, Schlaflosigkeit: Auch längere Zeit nach einem Einsatz können solche Belastungen auftreten. Dann wenden sich die Feuerwehrleute an ihre Führungskräfte, die vertraulich die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) einschalten. Liegt eine posttraumatische Belastungsstörung vor, werden über die Unfallkasse Baden-Württemberg innerhalb von 14 Tagen fünf Termine bei einem Psychologen vereinbart. Diese Unterstützung könnten auch Ersthelfer über die Unfallkasse in Anspruch nehmen, betont Genzwürker.

„Auf Spenden angewiesen“

„Bei der Notfallseelsorge suchen wir immer Nachwuchs“, sagt Schmidt. Doch beim Erstkontakt kommen auch psychische Vorerkrankungen zur Sprache. Schmidt betont die Fürsorgepflicht. Es sei niemandem geholfen, wenn ein PSNVler während eines Einsatzes re-traumatisiert werde.

Finanziert wird die Notfallseelsorge vom Landkreis Ludwigsburg, der Evangelischen und Katholischen Kirche. Diese übernehmen die Personalkosten der halben Leitungsstelle von Thomas Schmidt zu je einem Drittel. Den laufenden Betrieb, dazu zählen die Ausbildungen der Ehrenamtlichen sowie die regelmäßigen Supervisionen, finanzieren die beiden Kirchen und der DRK-Kreisverband als Träger. Hinzu kommen freiwillige Beiträge von Städten (400 Euro) und kleineren Gemeinden (200 Euro) sowie Spenden und Erlöse aus Benefizveranstaltungen. „Wir sind auf Spenden angewiesen“, sagt Thomas Schmidt.

Die Notfallseelsorge
im Kreis gibt es seit dem 1. Januar 2000. Sie ist rund um die Uhr einsatzbereit und eng mit Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten vernetzt. 2013 wurde ein Nachsorgeteam für Einsatzkräfte etabliert und seit 2016 gibt es auch ausgebildete muslimische Kriseninterventionshelfer.

Zu rund 290 Einsätze wurden die Helfer 2024 gerufen, 2025 waren es schon rund 212 Einsätze bei Betroffenen und etwas 20 bei Einsatzkräften – darunter auch besondere Einsätze wie der Raserunfall in der Schwieberdinger Straße in Ludwigsburg, bei dem zwei unbeteiligte junge Frauen starben. Vor allem die Anzahl der Einsätze bei Einsatzkräften sei in diesem Jahr bereits relativ hoch, findet Gesamtleiter Jochen Schmidt. Die Arbeit hätten früher vor allem Pfarrer wahrgenommen, doch Unglücke und Katastrophen hätten dazu geführt, dass die Ausbildungsstandards bundesweit standardisiert wurden.

Auch wenn es noch unterschiedliche Bezeichnung für die Erste Hilfe für die Seele gibt, würden sie einheitlich ausgebildet. Mittlerweile sind im Kreis nur wenige Pfarrer in der Notfallseelsorge aktiv, der Name sei trotzdem geblieben, sagt Jochen Schmidt. Aktuell engagieren sich 85 Ehrenamtliche: 75 unterstützen Betroffene, 24 Einsatzkräfte, manche sind aber auch in beiden Bereichen tätig.

„DLRG, Feuerwehr, Rettungshundestaffel , Polizei, THW, wir sind in der Blaulichtfamilie angekommen“, sagt er. Das sei nicht in jedem Landkreis der Fall. Das Peer-Prinzip sei wichtig, um mit den Menschen auf Augenhöhe sprechen zu können. Außerdem engagieren sich psychosoziale Fachkräfte, Traumatherapeuten und Sozialpädagogen.

 
 
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