Das neue Ausbildungsjahr startete am 1. September, doch die Filialen von Binder Optik in Bietigheim-Bissingen, im Breuningerland und in der Innenstadt Ludwigsburg haben jeweils noch keinen Azubi gefunden. Der Optikerberuf leidet wie viele Handwerksberufe unter großem Nachwuchsmangel. „Ich hoffe, es wird wieder besser“, sagt Optikermeisterin und Leiterin der Binder-Filiale in Bietigheim, Rebecca Essich. Den oder die Auszubildende würde sie auch für den 1. Oktober noch anstellen.
Kreis Ludwigsburg Passende Bewerber fehlen
Im Kreis Ludwigsburg sind noch mehr als 500 Ausbildungsplätze frei, gleichzeitig sinkt die Zahl der Lehrstellen. Warum Betriebe und junge Menschen oft nicht zueinander finden.
„Der Anfang war etwas holprig, aber ich erhielt durch meine tollen Kollegen echt gute Unterstützung,“ sagt ihre bisherige Auszubildende Elina Schwarz aus Bönnigheim-Hohenstein über ihre dreijährige Lehrzeit. Ende Juli erhielt die 19-Jährige ihren Gesellenbrief und arbeitet seit Anfang August bei Binder Optik im Breuningerland, wo „mehr los ist und es mir auch sehr gut gefällt.“
Laut aktuellem Arbeitsmarktbericht waren im Kreis Ludwigsburg bis Ende August noch 528 Ausbildungsstellen unbesetzt, im Vorjahresmonat waren gar noch rund 300 mehr Lehrstellen frei.
Viele Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt, gleichzeitig sinkt die Anzahl des Angebots, und es gibt weniger Bewerber. Insgesamt zeigt sich sowohl bei den Lehrstellen als auch bei den Bewerberzahlen ein rückläufiger Trend im Kreis.
Ende August verzeichnete die Agentur für Arbeit Ludwigsburg 2552 Ausbildungsstellen, das waren rund neun Prozent weniger als im Vorjahr und rund 13 Prozent weniger als 2023. Dem gegenüber zählte die Berufsberatung im Kreis Ludwigsburg 2101 Bewerber, ein Minus zum Vorjahr von fast sechs Prozent. Die Agentur für Arbeit Bietigheim verzeichnete dieses Jahr gar 13 Prozent weniger Bewerber.
Berufwünsche versus Angebote
„Wir sehen deutliche Besetzungsprobleme“, sagt Sigrid Zimmerling von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ludwigsburg. „Gleichzeitig stehen Jugendliche noch ohne Ausbildungsplatz da. Das zeigt: Wir haben vor allem ein Matching-Problem.“ Zimmerling und auch Birgit Festag, Sprecherin der Agentur für Arbeit Ludwigsburg, sehen verschiedene Gründe, dass viele Betriebe und Jugendliche bisher nicht zueinander gefunden haben und hunderte Ausbildungsplätze Ende August nicht besetzt sind. Ein Grund der Expertinnen ist, dass die Berufswünsche der Jugendlichen und die Angebote oft nicht zusammenpassen. Viele Bewerber konzentrieren sich auf wenige bekannte Berufe, während andere attraktive Ausbildungsangebote weniger wahrgenommen werden. So gehören laut Zimmerling etwa „Baustoffprüfer/-in“, „technischer Systemplaner/-in Fachrichtung Elektrotechnische Systeme“ oder „Gestalter/-in für immersive Medien“ zu den rar gewählten Ausbildungsgängen mit Nachwuchsmangel.
„Wir müssen Jugendliche und Betriebe früher und gezielter zusammenbringen“, so Zimmerling. Dazu brauche es eine stärkere und praxisnahe Berufsorientierung an allen Schulen. Junge Menschen sollten die ganze Bandbreite der Ausbildungsberufe kennenlernen und frühzeitig Kontakte zu Unternehmen bekommen. Auch sind die Betriebe gefragt: Sie sollten unter anderem überprüfen, wie sie junge Menschen ansprechen und ob ihre Anforderungen realistisch sind.
Bei Elina Schwarz hat es gepasst: Die junge Bönnigheimerin machte während der Schulzeit ein Praktikum bei einem Bietigheimer Optikergeschäft. Nach ihrem Realschulabschluss fing sie eine Ausbildung zur Augenoptikerin bei Binder Optik in der Altstadt Bietigheim an. Um zu sehen, dass es auch wirklich passt, durfte sie zwei Tage probearbeiten – und sie blieb.
Großeltern können Einfluss haben
Ein Glück für das Unternehmen. Sabine Le Plat, Personalleiterin der Binder-Optik-GmbH mit Sitz in Böblingen, sagt: „Es ist mittlerweile hartes Brot, passende Azubis zu finden.“ Großen Einfluss bei der Berufswahl hätte nicht nur die Schule, so Le Plat, sondern auch die Familie – besonders die Eltern und Großeltern auf die jungen Menschen. So war es auch bei Elina Schwarz: „Meine Großeltern sind Brillenträger und auch ich trage eine. Sie gaben mir den Tipp für diesen schönen Beruf.“ Und tatsächlich gefiel ihr der Job. „Es ist eine interessante, abwechslungsreiche Arbeit, die Mode und Design, Handwerk und Kundenkontakt kombiniert.“
Der Bedarf an qualifizierten Fachkräften bleibt unverändert hoch laut der IHK-Bezirkskammer Ludwigsburg. Es gebe Branchen und Berufe, in denen Unternehmen Schwierigkeiten haben, junge Menschen zu erreichen und bei denen die Tätigkeit besondere Anforderungen mit sich bringt, so Birgit Festag von der Arbeitsagentur Ludwigsburg. „Dazu zählen viele Berufe im Handwerk, in der Gastronomie, in der Logistik, im Baugewerbe oder in der Pflege.“
Auch berichten Betriebe laut Sigrid Zimmerling von der IHK Ludwigsburg von vermehrt fehlenden geeigneten Bewerbungen und mangelnden Berufsstartkompetenzen vieler junger Menschen.
Ein weiterer Grund für die Ausbildungsschieflage sind laut IHK kleinere Nachwuchsjahrgänge und der seit Jahren anhaltende Trend zur Akademisierung – zu höheren Schulabschlüssen und zum Studium. Optikerin Elina Schwarz hat sich bewusst für eine Ausbildung nach der Schule entschieden: „Man lernt etwas Konkretes und verdient dabei Geld, später kann ich noch den Meister machen.“
Weniger in Ausbildung investiert
1269 junge Menschen haben diesen Dienstag eine Ausbildung in einem Beruf der IHK im Landkreis Ludwigsburg begonnen. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge liegt um fast 16 Prozent unter dem Vorjahresniveau.
Die sinkenden Ausbildungszahlen zeigten auch, so die IHK Region Stuttgart, „dass die angespannte konjunkturelle Lage im produzierenden Gewerbe, die geopolitischen Spannungen und der rasante technologische Wandel Investitionen in die Ausbildung eher bremsen.“
Gerade jetzt sei es aber wichtiger denn je, auszubilden“, appelliert Axel Kunkel, Präsident der IHK-Bezirkskammer Ludwigsburg. „Wer heute in den Nachwuchs im Landkreis investiert, sichert sich die Fachkräfte – und bei zunehmender Bedeutung von KI die dafür nötigen Senior-Expertinnen und -Experten von morgen.“ Es lohne sich für Jugendliche und Betriebe gleichermaßen, jetzt noch aktiv zu werden, so Birgit Festag von der Agentur für Arbeit Ludwigsburg. „Es gibt weiterhin gute Chancen, einen passenden Ausbildungsplatz zu finden.“
Halb so viele Werkzeugmechaniker in Ausbildung als im Vorjahr
Dass in die Ausbildung weniger investiert wird, zeigt sich im Kreis Ludwigsburg besonders bei den Ausbildungsberufen in der Metallindustrie und kaufmännischen Berufen im Vergleich zum Vorjahr, verlautet die Bezirksammer Ludwigsburg der IHK: So sank die Zahl der Ausbildungsverträge in der Metallindustrie um 19 Prozent.
Beim klassischen Ausbildungsberuf der Branche, der Werkzeugmechanikerin/dem Werkzeugmechaniker, hat sich die Zahl der Ausbildungsverträge gar halbiert.
Eine generelle Verunsicherung bei der Einschätzung zukünftiger Bedarfe führt auch laut der IHK etwa beim branchenübergreifenden Ausbildungsberuf Kaufmann/-frau für Büromanagement zu um 24 Prozent geringeren Abschlüssen im Kreis Ludwigsburg.
