Kreis Ludwigsburg Sanierung: Sprint statt Marathon

Von Heidi Falk
Bauphysiker und Energieberater Maximilian Chamaoun in einem Haus, das sich in der Entkernung befindet. Ist das Haus von Altlasten befreit, könnte der Sanierungssprint beginnen. Foto: /Oliver Bürkle

Die Sanierung von alten Häusern ist teuer und zeitaufwendig. Dass das nicht so sein muss, will Ronald Meyer mit seinen Sanierungssprints zeigen.

Ob „Instant Dream Home“ auf Netflix, „Extreme Makeover“ auf ABC oder „Zuhause im Glück“ auf RTL 2, Renovierungssendungen boomen – und das schon seit Jahrzehnten. Klar, es ist wie ein Traum: Die Familie macht für ein paar Tage Urlaub und kommt zurück in ein komplett renoviertes Haus, das keine Wünsche offen lässt. Doch die Realität sieht bei Altbausanierungen oftmals anders aus: Die Arbeiten ziehen sich ewig in die Länge, Handwerkern muss zig mal hinterhertelefoniert werden und die Sanierungskosten explodieren.

Ronald Meyer war vor 20 Jahren für die Logistik in der TV-Sendung „Zuhause im Glück“ zuständig und hat dafür gesorgt, dass die Häuser in der vorgegebenen Zeitspanne saniert wurden. Doch Sanierungssprints nur fürs Fernsehen umzusetzen, hat ihm nicht gereicht. „Ich wollte das auf die Baubranche übertragen“, sagt er im Gespräch mit der BZ. Damals hat seine Mission begonnen, die mittlerweile nicht mehr nur eine Idee ist, sondern in Hamburg seit 2023 mehrfach umgesetzt wurde. Das System setzt sich durch: auch in der Region Stuttgart wurde es bereits in Esslingen, Bad Cannstatt und Plieningen angewandt. Und auch im Landkreis Ludwigsburg könnten Meyers sogenannten Sanierungssprints nun zum Einsatz kommen. Meyers Partner vor Ort sind unter anderem die Ludwigsburger Energieagentur (LEA) und Maximilian Chamaoun aus Bietigheim-Bissingen. Chamaoun hat Bauphysik studiert und ist seit zwei Jahren selbstständiger Energieberater. Er habe sich weiterentwickeln wollen und sei über seine Netzwerke, die LEA und die Stuttgarter „Zukunft Altbau“ auf Ronald Meyer aufmerksam geworden.

So funktioniert’s

Die Idee ist schnell erklärt: Ein Altbau kann in 22 Tagen kernsaniert werden, inklusive neuem Dach und Fenstern, gedämmter Fassade, PV-Anlage und Wärmepumpe. Um das zu erreichen, ist eine Prozessoptimierung nötig. Vor Sanierungsbeginn werden alle baulichen und energetischen Maßnahmen genauestens geplant – stundengenau. Auch das Material wird auf die Schraube genau geordert, sodass, wenn der Startschuss fällt, alles da ist. Und für noch etwas wird Budget und Zeit eingeplant: gemeinsames Mittagessen. Beim Essen würden Probleme direkt besprochen – und eine positive Atmosphäre sei die Basis für gute Zusammenarbeit, ist Meyer überzeugt.

Denn die Gewerke werden nicht einzeln beauftragt, sondern arbeiten abgestimmt parallel. Die Baustelle wird in eine Innen- und Außenbaustelle aufgeteilt. Vor dem Start findet eine gemeinsame Baustellenbegehung aller Beteiligten statt. Das Haus muss entkernt sein. Außerdem hat Meyer in seinem System neue Rollen eingeführt. So gibt es den „Sanierungscoach“, der die zentrale Ansprechperson ist. Die Rolle hat er selbst übernommen und mittlerweile auch Coaches ausgebildet. So auch Maximilian Chamaoun. „Ich freue mich schon auf die ersten Projekte“, sagt der Bietigheimer. Er ist davon überzeugt, dass im Kreis Ludwigsburg das Interesse an Sanierungssprints da ist, weil der Klimaschutz hier ein wichtiges Thema sei.

Die Vorab-Planung eines Sanierungssprints dauert etwa zwei Monate, inklusive Vergabe der Gewerke. Das könne durch Routinen noch gestrafft werden, vor allem durch den mehrfachen Einsatz des gleichen Teams oder auch der seriellen Arbeit, etwa bei einem Quartierssprint, bei dem ein ganzes Gebiet zeitgleich saniert wird. Besonders gut funktioniere der 22-tägige Sanierungssprint bei Reihenhäusern, Doppelhaushälften und Einfamilienhäusern aus den 1960er-Jahren bis 130 Quadratmetern. Das sei immer der gleiche Bautyp. „Es funktioniert aber auch bei anderen Altbauten, dauert dann nur ein paar Tage länger“, so Chamaoun. Der Ablauf sei immer der gleiche und könne übertragen werden.

Überzeugt vom Konzept

Neben dem „Sanierungscoach“ hat Meyer eine weitere Rolle auf der Baustelle geschaffen: die „Baustellenassistenz“. Sie übernimmt unterstützende Tätigkeiten, etwa Materialvorbereitung oder Aufräumen, sodass die Facharbeiter sich auf ihr Handwerk konzentrieren können. Durch die Optimierung werde die Produktivität verdoppelt. „Es ist keine Raketenwissenschaft, sondern eine saubere Planung, eine perfekt organisierte Baustelle“, sagt Chamaoun. Bei den parallel arbeitenden Gewerken habe er „ein ziemliches Gewusel auf der Baustelle erwartet. War es aber nicht.“

Vom Konzept ist er überzeugt – und auch die Ludwigsburger Energieagentur. „Die Sanierungsquote muss verfünffacht werden. In den Sanierungssprints steckt so viel Potenzial“, sagt LEA-Geschäftsführerin Esther Fischer. Die LEA sei derzeit dran, das Konzept für ein „Qualitätsnetzwerk Bauen“ zu erarbeiten. Der Förderbescheid sei bereits da. „Wir wollen dabei den Schwerpunkt auf die Sanierungssprints legen und mit dem Netzwerk der Energieberater zusammenbringen.“ Der Anfang sei gemacht, nun suche man Akteure. Dazu will die LEA das Konzept etwa bei Innungstreffen vorstellen, dabei helfe ihr gutes Netzwerk. Der Fokus liege auf Regionalität. Neben dem Austausch mit Ronald Meyer sei der LEA auch der Kontakt zu lokalen Multiplikatoren wie Maximilian Chamaoun sowie Darius Heller, der an der Uni Stuttgart zu Sanierungssprints promoviert, wichtig. „Wir brauchen diese Ansätze in der Fläche“, ist Fischer überzeugt. Das Potenzial, die Blitz-Sanierung in Quartieren einzusetzen, sieht die LEA auch. Ein schöner Nebeneffekt: „Durch die Sanierung in Serie kann ein tolles Gemeinschaftsgefühl in einem Quartier entstehen.“

Idee ist schon 20 Jahre alt

Meyer hat seine Sanierungssprints bereits vor 20 Jahren erfunden. Warum hat es so lange gedauert, bis das Konzept das öffentliche Interesse geweckt hat? „Wir haben den Kipppunkt bei den erneuerbaren Energien hinter uns“, ist er überzeugt. Das Thema nehme nun endlich Fahrt auf. Er ist von der Theorie der „3,5-Prozent-Regel“ aus der Sozialforschung überzeugt: Wenn 3,5 Prozent der Bevölkerung aktiv an etwas teilnimmt, könne dies einen Kipppunkt erzeugen, an dem der gesellschaftliche Wandel unumkehrbar wird – selbst wenn die Mehrheit zunächst passiv bleibt. Das erkenne er in Sachen Energiewende.

Vor knapp sieben Jahren, im Alter von 55, hat sich Meyer entschlossen, privates Geld in die Hand zu nehmen und zwei Baustellen nach seinem Konzept umzusetzen. „Ich wollte beweisen, dass es klappt.“ Vor zwei Jahren begleitete die Universität Stuttgart Pilotprojekte mit einer Studie (siehe Infobox). Das sorgte für Aufmerksamkeit. Seitdem ist Meyer viel unterwegs, spricht über sein Konzept und wendet es immer häufiger in der Praxis an.

Die Zeit zu reduzieren, das hat er bereits geschafft, nun seien die Baukosten dran. Aktuell kostet die Blitz-Sanierung etwa gleich viel wie eine klassische. Sein Ziel: Handwerker sollen in der gleichen Zeit doppelt so viel verdienen und Bauherren sollen 30 Prozent der Baukosten sparen. Nur so können laut Meyer Sanierungen für alle funktionieren und dabei noch etwas für die Umwelt getan werden.

Studie zum Sanierungssprint der Uni Stuttgart

Die Studie „Der Sanierungssprint für Ein- und Zweifamilienhäuser“ wurde finanziert von der „Agora Energiewende“. Die Ableitung der politischen Handlungsempfehlungen erfolgte durch das „Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu)“. Die Auswertung der Pilotbaustelle und Potenzialermittlung erfolgte durch die Uni Stuttgart für die „Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz (Deneff)“.

 
 
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