Kreis Ludwigsburg Streuobstwiesen: Altes Kulturgut, neue Hoffnung

Von Hannah Reutter
Unter anderem im nördlichen Landkreis (hier Mundelsheim) sind noch zahlreiche Streuobstwiesen zu finden. Doch weil sich die Bewirtschaftung oft nicht lohnt, werden immer mehr aufgegeben. Foto: /Oliver Bürkle

Viele Streuobstwiesen verwildern, weil die Pflege kaum noch lohnt. Beratung, Förderungen und praktische Hilfe sollen diesem Verlust entgegenwirken.

Wer ein „Stückle“ besitzt, weiß um die Arbeit, die darin steckt – aber auch um seinen Wert. Gleichzeitig werden immer mehr dieser wertvollen Flächen nicht mehr bewirtschaftet. Das Wissen um den richtigen Baumschnitt geht verloren, die Ernte ist mühsam und der finanzielle Ertrag oft gering. Damit die typischen hochstämmigen Obstbäume nicht aus dem Landschaftsbild verschwinden, arbeiten im Landkreis Ludwigsburg verschiedene Akteure Hand in Hand.

„Der Landkreis Ludwigsburg unterstützt seit vielen Jahren und sehr intensiv den Erhalt und die Pflege von Streuobstwiesen durch verschiedenste Maßnahmen“, erklärt Dr. Andreas Fritz, Pressesprecher des Landratsamtes. Das Engagement reicht von der Fachberatung über Naturschutzprogramme bis hin zu innovativen Vermarktungsideen.

Anschaffung von Jungbäumen

Eine ganz direkte Unterstützung erfahren Besitzer bei der Anschaffung von Jungbäumen. Viele Städte und Kommunen im Landkreis bieten hierfür Förderprogramme an, deren Ausgestaltung von kostenlosen Bäumen bis zu einem Zuschuss von 30 Euro pro Baum reicht. Genaue Informationen hierzu erteilen die jeweiligen Rathäuser.

Doch mit dem Pflanzen allein ist es nicht getan. Fachgerechte Pflege ist das A und O für vitale Bäume und eine reiche Ernte. Hier kommt die Obst- und Gartenbauberatung des Landkreises ins Spiel. Mit 1,5 Beraterstellen ist sie eine zentrale Anlaufstelle und bietet nicht nur individuelle Beratung, sondern auch ein breites Kursangebot. Besonders beliebt ist im Kreis auch die Ausbildung zum „Fachwart für Obst und Garten“, die in Kooperation mit dem Kreisverband Obst, Garten, Landschaft (KOGL) stattfindet. „Aktuell läuft schon Kurs 14 mit 24 Teilnehmenden“, berichtet Dr. Fritz. Hier lernen Interessierte alles von Baumschnitt über Veredelung und Sortenerhalt bis hin zur Verwertung.

Cidre aus Streuobst

Um die Qualität der Böden und damit die Gesundheit der Bäume zu verbessern, finanzierte der Landkreis im vergangenen Jahr eine landkreisweite Bodenprobenaktion. Teilnehmer erhielten Informationen über Nährstoffversorgung und Humusgehalt und können so gezielt gegen eine Unterversorgung vorgehen.

Dass sich die mühsame Arbeit auch finanziell lohnen muss, ist ein entscheidender Faktor für den Erhalt der Wiesen. Mit dem Aufpreisprojekt „Landkreis-Cidre“ wird hier angesetzt. In Zusammenarbeit mit dem Landschaftserhaltungsverband (LEV) Ludwigsburg, der einen Aufpreis von acht Euro pro Dezitonne Mostobst stellt, und dem Streuobstprojekt SToP Sachsenheim, das die Logistik übernimmt, wird ein fairer Obstpreis ermöglicht. So wird aus Streuobst ein edler Cidre – eine Initiative, die auch diesen Herbst wieder stattfinden wird. Zur besseren Vernetzung von Anbietern und Suchenden, egal ob für ein Grundstück oder für Dienstleistungen, dient zudem die Online-Plattform „Streuobstwiesen-Börse Landkreis Ludwigsburg“, die ebenfalls vom Landkreis mitfinanziert wird.

Eine Schlüsselrolle im Schutz der Streuobstwiesen spielt der LEV, dessen Vorsitzender Landrat Dietmar Allgaier ist. Der Verein, in dem Landwirtschaft, Naturschutz und Kommunen partnerschaftlich zusammenarbeiten, wird vom Landkreis seit 2024 mit jährlich 40.000 Euro unterstützt. „Einen Arbeitsschwerpunkt bildet der Erhalt des Kulturguts und Lebensraums Streuobstwiese“, erklärt LEV-Geschäftsführer Andreas Fallert.

Ein zentrales Projekt ist die Revitalisierungspflege in ökologisch besonders wertvollen Gebieten. In Teilen von Sachsenheim, Vaihingen und Steinheim, wo seltene Arten wie der Steinkauz und der Wendehals brüten, werden überalterte und verwilderte Obstbäume von Fachwarten professionell zurückgeschnitten. „Seit dem Jahr 2020 wurden bis zum Frühjahr 2025 so circa 1300 Streuobstbäume gepflegt“, so Fallert. Diese Pflege verjüngt nicht nur die Bäume, sondern sorgt auch für mehr Licht am Boden, was wiederum artenreichen Magerwiesen zugutekommt.

Pädagogik an Grundschulen

Ein weiteres Herzensprojekt ist die Streuobstpädagogik an Grundschulen. Unter dem Motto „Die Streuobstwiese – Unser Klassenzimmer im Grünen“ sollen Kinder den Wert dieses Lebensraums direkt in der Natur erfahren. Der LEV fördert und vermittelt Unterrichtseinheiten, die von ausgebildeten Streuobstpädagogen durchgeführt werden. Zwischen 2018 und 2024 profitierten davon bereits über 38 Grundschulen. „Wertschätzung entsteht durch Wertvermittlung“, betont Andreas Fallert. „Es ist ein wichtiger Baustein, dass unseren Kindern der Wert, die damit verbundene Arbeit, aber eben auch die Freude dieser traditionellen Nutzung vermittelt wird.“

Praktische Hilfe bietet die kommunale Schnittgutsammelaktion. Besitzer können ihr Schnittgut kostenlos abholen lassen. Das gesammelte Material wird zu Holzhackschnitzeln verarbeitet und energetisch genutzt. Seit 2017 wurden so Hackschnitzel mit einem Heizwert von rund 75.000 Litern Heizöl gewonnen.

 
 
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