Poser und Raser gefährden andere“, sagt Nedim (alle Name von der Redaktion geändert). Der 21-Jährige steht mit seinem BMW M3 Competition am Freitag um 22.30 Uhr auf dem Marktkauf-Parkplatz in Böblingen. Hier kontrolliert das Polizeirevier Ludwigsburg im Rahmen des Fahndungs- und Sicherheitstags die Posing-, Tuning- und Eventszene. Aber nicht alle, die leistungsstarke Autos mögen, lassen die Motoren aufheulen, die Räder durchdrehen oder fahren illegale Autorennen. „Uns geht es um die schwarzen Schafe, die auch andere in Gefahr bringen“, sagt Polizeisprecher Steffen Grabenstein. Dabei hat er auch den Raserprozess im Blick, bei dem am 7. April mit dem Urteil gerechnet wird. Den drei Angeklagten wird vorgeworfen, vor einem Jahr ein illegales Autorennen in Ludwigsburg veranstaltet zu haben, in dessen Folge zwei junge Frauen starben.
Kreis Ludwigsburg „Uns geht es um die schwarzen Schafe“
Nicht alle Fans leistungsstarker Autos sind Raser oder Poser. Die Polizei hat die Posing-, Tuning- und Eventszene der Region auf einem Parkplatz in Böblingen kontrolliert.
„Mir ist die Optik wichtig“
Auch an diesem Abend haben die Beamten einen 23- und einen 40-Jährigen dabei erwischt, wie sie sich mit ihren 390 und 590 PS-starken Autos ein Rennen lieferten. Sie waren mit 140 Stundenkilometern (km/h) auf der Straße unterwegs, erlaubt waren 50 km/h. Ihre Führerscheine sind sie nun erst einmal los, „bis ein Richter etwas anderes entscheidet“, sagt Dienstgruppenleiter Torsten Bürkle.
Doch nicht nur Männer geben Gas. Bei einer früheren Kontrolle schoss eine 17-Jährige ohne Führerschein mit 80 km/h von dem Parkplatz. Sie hatte die Kontrolle über das Fahrzeug verloren und entging nur knapp einem Zusammenstoß mit einem Lkw, berichtet Bürkle.
Seit etwa zwei Jahren treffen sich die Autofans aus der Region auf dem Parkplatz in Böblingen. Nach und nach rollen an diesem Abend Autos im Wert von jeweils über 100.000 Euro auf den Parkplatz. Die meisten fahren in ruhigem Tempo vor, nur vereinzelt lassen Fahrer den Motor aufheulen oder geben Gas.
Es sind vor allem junge Männer und einige junge Frauen, die in Gruppen zusammenstehen, Energydrinks trinken, reden und lachen. Viele von ihnen seien klassische Tuner, sagt Torsten Bürkle. Sie steckten viel Geld und Arbeit in ihr Auto, legten aber auch Wert darauf, dass alles legal ablaufe und in den Zulassungspapieren eingetragen ist. Im Gegensatz dazu wollten Poser vor allem auffallen – sie drehen zum Beispiel Donuts, wobei sie die Reifen durchdrehen lassen und im Kreis fahren.
„Mir ist die Optik wichtig, aber auch die Leistung und das Entertainment“, sagt Nedim, der einen roten Hoodie trägt, farblich passend zu seinem aventurinroten BMW. Den Wagen fährt er erst seit drei Wochen. Er hat den Kühler getauscht, die Nummernschilder werden durch Magnete gehalten. „Alles ganz legal“, sagt er. Donuts fahren würde er mit dem Fahrzeug nicht, sagt er. Auch, weil das Auto sonst durch Steine beschädigt werden könnte. „Ich lasse mich nicht provozieren, ich fahre gediegen“, betont er.
Vorliebe für schnelle Autos
„Wir schätzen die Leute, die keinen Blödsinn machen“, sagt der 22-jährige Hamza, der an diesem Abend mit einem Peugeot 308 gekommen ist. „Ich studiere“, sagt er, und müsse aufs Geld achten. Die Treffen auf dem Parkplatz im Industriegebiet seien „besser, als wenn man in eine Disco geht“, findet Nedim. Aber wenn Leute auf dem Parkplatz Gas geben würden, hätten sie Angst – um sich und um ihre Autos. Er zeigt das Foto eines schwarzen 3er-BMW, der massiv getunt und tiefergelegt ist – mit auffälligen weißen Seitenschwellern unterhalb der Türen. Dieser habe vor einiger Zeit ohne Kennzeichen auf dem Parkplatz gestanden. Die Polizei wird diesen Wagen mit ausländischem Kennzeichen kurze Zeit später auf dem Parkplatz beschlagnahmen.
Es sind rund 100 Autos und 150 junge Leute, die sich an diesem Abend trotz Temperaturen um minus 2 Grad Celsius treffen. Sie kommen aus Böblingen, Calw oder Pforzheim. An manchen Stellen riecht es nach Cannabis.
„Es gibt nicht viel anderes, wo wir uns treffen könnten“, sagt Paul. Der Jugendtreff sei keine echte Alternative. Viele würden sich hier jeden Tag treffen und bis ein oder zwei Uhr bleiben. Im Sommer könnten die Treffen auch schon einmal bis morgens um sieben Uhr dauern. Drei junge Frauen im Alter von 18 und 16 Jahren sind mit ihren Freunden da. Die Eltern fände es zwar nicht so gut, dass sie zu den Treffen gehen, meint Nadine und zuckt mit den Schultern.
Die Stimmung in der Gruppe ist ausgelassen, es wird viel gelacht. Ein junger Mann springt mit einem Salto vom Dach seines Autos. „BMW, E-Klasse – die Autos hier sind die Highlights“, meint Tim. Er erzählt, dass er gerne an einem alten Audi bastelt, den er von seinem Opa bekommen hat.
Auto beschlagnahmt
Dass die Polizei an dem Abend kontrolliert, hat sich schnell über die sozialen Medien herumgesprochen. Die Beamten kommen regelmäßig in zivilen Fahrzeugen zu den Treffen. „Ich finde gut, dass die Polizei nicht die auffälligen Autos kontrolliert, sondern vor allem das Fahrverhalten“, meint Hamza.
An diesem Abend wird ein Fahrer, der vom Parkplatz geschossen war, von den Beamten angezeigt. Ein anderer, der einen Donut gedreht hatte, wurde von ihnen verwarnt. Der Fahrer des hochgetunten schwarzen BMW muss an diesem Abend jedoch zu Fuß nach Hause gehen. Der Wagen war in der Vergangenheit bereits dreimal kontrolliert worden, nun wird er abgeschleppt. Er ist nicht verkehrssicher, die ausländische Zulassung ist abgelaufen, der Fahrer hat keine in Deutschland gültige Fahrerlaubnis und muss mit einer Anzeige rechnen: „Das ist kein Kavaliersdelikt“, sagt Polizeisprecher Grabenstein.
