Das Grundstück von Harald Gabriel in Hohenhaslach ist ein wahres Paradies für Vögel. Auf dem Gelände gibt es zahlreiche Futterstellen, an denen sich an diesem regnerischen Januartag Blaumeisen und Kohlmeisen tummeln. Auch Haussperlinge sind zu hören, auf dem Boden hüpft ein Rotkehlchen, im Hintergrund auf den Bäumen sitzen Dohlen. Es gibt alte Bäume, auch einen Teich hat der Besitzer angelegt. Zubetonierte Wege und Flächen sind hier Fehlanzeige. „Vögel haben es gerne unordentlich“, weiß Gabriel, Mitglied des örtlichen Naturschutzbundes (Nabu).
Kreis Ludwigsburg „Vögel haben es gern unordentlich“
In der Zählung „Stunde der Wintervögel“ gab es einen Rückgang beim Haussperling. Die BZ sprach über die Ergebnisse mit den Vogelexperten Christoph Kaup und Harald Gabriel.
Doch solche Idealzustände für Vögel herrschen keineswegs überall – und das merkt man auch bei den alljährlichen, vom Nabu organisierten Zählungen. Die jüngste „Stunde der Wintervögel“ fand vom 9. bis 11. Januar statt, und trotz eines großen Teilnehmerinteresses gebe es einen deutlichen Negativtrend, stellt Christoph Kaup, der Vorsitzende des Sachsenheimer Nabu, fest. Mit durchschnittlich 32 gesichteten Vögeln pro Garten bundesweit sei ein Tiefstand erreicht worden. Bei der ersten Zählung im Jahr 2011 habe der Schnitt noch bei 45,8 Vögeln gelegen.
Weniger Vögel pro Garten
„Dieser Abwärtstrend lässt sich seit vielen Jahren beobachten“, erklärt Kaup. Auch im Kreis Ludwigsburg: Hier beteiligten sich bei der jüngsten Zählung 629 Vogelfreunde, die 11.068 Vögel in 452 Gärten registrierten. Das entspricht 24,5 Vögel pro Garten. Zum Vergleich: 2011 waren es – bei 214 Teilnehmern – 6736 Vögel in 155 Gärten, was einem Durchschnitt von 43,5 Vögeln pro Garten entspricht.
Auf Platz eins landete im Landkreis Ludwigsburg mit großem Abstand die Kohlmeise mit 2227 gezählten Individuen. Auf dem zweiten Platz folgt die Blaumeise mit 1369 Individuen. Einen stabilen Bestand an diesen beiden Arten stellt auch Harald Gabriel aufgrund der Beobachtungen auf seinem Grundstück fest. Laut Kaup tragen die weit verbreiteten Nistkästen und Futterstellen dazu bei, dass sich Kohl- und Blaumeisen gut halten.
Weniger häufig ist hingegen der Haussperling geworden: Er kam bei der jüngsten Zählung im Kreis auf Platz drei mit 1285 Individuen, nachdem er bis 2023 lange Jahre Platz eins belegt hatte. Der Rückgang betrage seit 2020 über 50 Prozent, hat Christoph Kaup ausgerechnet, was im Übrigen auch für den weniger häufigen Feldsperling (Platz elf bei der Zählung) gelte. Damit fällt der Rückgang im Vergleich zu ganz Baden-Württemberg, wo ein Minus von 30 Prozent im gleichen Zeitraum zu verzeichnen ist, noch viel drastischer aus. Für diesen Unterschied zu anderen Landkreisen haben die beiden Sachsenheimer Nabu-Vogelexperten noch keine stichhaltige Erklärung gefunden. Generell sei es so, dass die Haussperlinge als eine an den Menschen gebundene Art besonders unter dem zunehmenden Mangel an Nistmöglichkeiten aufgrund der Sanierung von Häusern leiden würden. „Es fehlt an alten Häusern, wo die Vögel wie früher auch unter den Dachziegeln nisten können“, sagt Gabriel.
Nistmöglichkeiten fehlen
Laut einer Mitteilung des Nabu-Landesverbands ist der Haussperling als Gebäudebrüter auf Nischen und Spalten angewiesen, die bei Sanierungen oft geschlossen würden. Außerdem mache sich der Rückgang an Nahrungsquellen aufgrund der Intensivierung der Landwirtschaft und der zunehmende Wegfall der privaten Haltung von Hühnern oder anderen Kleintieren bemerkbar, sagt Kaup. Bei Letzterem fällt für die Spatzen auch immer etwas ab. Gute Nachrichten gibt es hingegen bei den Amseln. Die Vögel haben in den vergangenen Jahren unter dem Usutu-Virus gelitten, mit einem Plus von 22 Prozent auf 1169 Individuen hat sich der Bestand nun aber wieder erholt. Doch: „Die Amselpopulation ist nicht nur von dem Virus bedroht“, warnt Kaup. In den vergangenen Sommern hätten Gartenbesitzer zu ihrem Leidwesen beobachten können, dass der Mangel an Regenwürmern aufgrund von Trockenheit die Amseln zu besonders intensiver Suche an frisch gepflanzten Tomatenstöcken und Salaten getrieben habe.
Zu den selteneren Gästen auf dem Gelände an der Scheune von Harald Gabriel, wo im Sommer auch Nabu-Veranstaltungen stattfinden, zählt der Kernbeißer. Auch Buntspechte schauen hin und wieder vorbei. Die anderen, kleineren Vögel hielten dann respektvoll Abstand. Aber Not leiden muss aufgrund der vielen Futterstellen bei Gabriel niemand. Es sei wichtig, die Futterstellen in räumlichem Abstand auf dem Gelände zu platzieren, sagt der Experte. So kämen auch schwächere Vögel – auch innerhalb einer Art – zum Zuge.
Weniger Kernbeißer, mehr Kleiber
Was den Kernbeißer betrifft, so gab es hier im Kreis einen Rückgang gegenüber 2025 (minus 26 Prozent, 38 Individuen), beim Buntspecht war hingegen wenig Veränderung (203 Vögel, plus ein Prozent) zu beobachten. Einen kontinuierlichen Rückgang gebe es seit Jahren beim Grünfink, stellt Christoph Kaup weiter fest, dieses Jahr sei er hingegen wieder häufiger zu sehen gewesen (207 Beobachtungen, plus 18 Prozent). Mit einer Steigerung von 35 Prozent ist auch der Kleiber wieder im Aufwind und auf dem Niveau von 2022. Beim Stieglitz wurde ein Rückgang (minus 15 Prozent) festgestellt, der Bestand ist laut Kaup aber seit Jahren mit Schwankungen in etwa gleich. Rotkehlchen seien wieder häufiger zu sehen (plus 19 Prozent).
Die nächste Zählung ist vom 8. bis 10. Mai bei der „Stunde der Gartenvögel“.
