Kreis Ludwigsburg Von Wirtshaussterben und Hoffnung

Von unserer Redaktion
Seit Ende 2022 ist der „Grüne Baum“ in Erligheim geschlossen. Foto: /Oliver Bürkle

Der Gastronomieverband warnt vor einer „gastronomischen Unterversorgung“ im ländlichen Raum. Auch im Kreis gibt es immer weniger Dorfwirtshäuser.

Nach Einschätzung des Deutschen Hotellerie- und Gastronomieverbands (Dehoga) gelten 138 von 1101 Kommunen in Baden-Württemberg als „gastronomisch unterversorgt“. Eine Gemeinde gilt laut Dehoga als unterversorgt, wenn auf 1000 Einwohner weniger als ein vollwertiger Gastronomiebetrieb kommt. In 48 Kommunen im Südwesten Deutschlands gibt es keine Gaststätte mehr. Also gar keine. Weder ein Wirtshaus noch einen Schnellimbiss und auch kein nettes Café am Eck.

Dorfwirtshaus als Treffpunkt

Die SPD-Landtagsfraktion hat kürzlich beim Wirtschaftsministerium die aktuelle Entwicklung der Tourismus- und Gaststättenbranche im Land abgefragt. Einerseits boomt der Tourismus, andererseits geht das gastronomische Angebot zurück. Das trifft vor allem auf dem Land zu, das klassische Dorfwirtshaus stirbt aus. Der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD, Stefan Fulst-Blei, sagt dazu: „Es geht nicht nur um das Angebot an Essen und Trinken: Gaststätten sind wichtige Treffpunkte für die Gemeinschaft und verdienen unsere Unterstützung.“ Die BZ hat sich im Landkreis Ludwigsburg umgeschaut. Wie steht es denn hier um die Wirtshäuser im ländlichen Raum?

Seit Ende 2022 ist die Erligheimer Traditionsgaststätte „Grüner Baum“ geschlossen. Sie ist Teil eines städtebaulichen Projekts, das die Umgestaltung und Sanierung dieses Gebäudes und des Areals um die Große Scheune umfasst. Wie berichtet, muss die Gemeinde dieses Projekt überdenken, da der bisherige Investor und Bauträger Insolvenz angemeldet hat. Mit dem Aus des „Grünen Baums“ ging eine Ära zu Ende. Was bedeutet das für die Dorfgemeinschaft, hat die BZ beim Erligheimer Bürgermeister Rainer Schäuffele nachgefragt. Von den Vereinen und Kulturtreibenden werde nun stärker das Bürgerhaus „Vordere Kelter“ genutzt, sagt Schäuffele, allerdings müsse die Bewirtung selbst organisiert werden. Auch mehr Familienfeiern finden im Bürgerhaus statt, wo es zwei Räume für bis zu 60 Personen im Erdgeschoss und 100 im Obergeschoss gibt. Auch die Kesselschenke, die an den SKV Erligheim verpachtet ist, werde verstärkt für Feiern angemietet. „Die Dorfgemeinschaft hilft sich somit selbst.“

Bei Trauerfeiern, die in der Vergangenheit vielfach im „Grünen Baum“ stattfanden, gibt es ein Angebot von Ehrenamtlichen, die im Bürgerhaus für größere Gruppen ein Trauercafé „bewirten“. Schäuffele: „Das Angebot ist inzwischen sehr gefragt. Es gibt ein Team von mehreren Personen. Die Organisation übernimmt Beate Obert.“ Für ihre Versammlungen nutzen die Erligheimer Vereine überwiegend das Bürgerhaus. Der SKV nutzt die Kesselschenke, der TC Erligheim hat ein eigenes Vereinsheim. „Vor allem ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger bedauern sehr, dass der ,Grüne Baum’ nicht mehr betrieben wird“, sagt der Rathauschef. Es hängen viele jahrzehntelange Erinnerungen an Familienfeiern oder die Kirbe. „Es geht ja selbst mir so, ich kannte den ,Grünen Baum’ auch bereits als Kind aus dem Nachbarort. So werde ich auch von vielen Auswärtigen auf die Schließung angesprochen.“ Der „Grüne Baum“ sei in der Region eine absolute Traditionsgaststätte gewesen.

Hoffen auf Investoren

Auf das im Augenblick stockende städtebauliche Projekt „Grüner Baum/Große Scheune“ angesprochen, sagt der Bürgermeister: „Wir hoffen mit unserem Gemeinderatsbeschluss vor der Sommerpause auf Investoren für die einzelnen denkmalgeschützten Gebäude und nachrangig auch für die Freiflächen.“ Die STEG habe ein Konzept vorgestellt und den Auftrag zur Einzelvermarktung erhalten. Leider sei nach der Insolvenz der Jako Baudenkmalpflege die Suche nach einem großen Investor für das gesamte Areal mit der vorhandenen Baugenehmigung im ersten Halbjahr 2026 auf Grund der bauwirtschaftlichen Lage nicht erfolgreich gewesen. „Somit haben wir uns schweren Herzens von dem Gesamtkonzept für das Areal „Grüner Baum/Große Scheune“ verabschiedet“, bedauert Schäuffele. Der Projektentwicklungsvertrag mit der STEG läuft vorläufig bis Ende 2027.

Auch im Ludwigsburger Stadtteil Hoheneck heißt es Abschied nehmen: Die Pächter der Krone Alt-Hoheneck, Markus und Nathalie Fetzer, werfen das Handtuch. Nach zwölf Jahren, in denen die Familie Fetzer das Restaurant mit kulturellem Angebot betrieben hat, ist die Krone Alt-Hoheneck insolvent. Voraussichtlich Ende September ist Schluss. „Wenn ich so auf die letzten zwölf Jahre zurückschaue, waren die ersten sechs geprägt von Wachstum und die zweiten sechs von Krisenmanagement“, fasst es Markus Fetzer zusammen. Diese Zeit sei geprägt gewesen von der Corona-Pandemie, später kamen der Krieg in der Ukraine und die Angriffe auf den Iran dazu. Energie- und Lebensmittelpreise stiegen, der Mindestlohn wurde erhöht. Intern habe es Weggänge und Wechsel gegeben.

Man habe die Krone Alt-Hoheneck immer als ein Gasthaus im besten Sinne verstanden, als einen Ort der Begegnung, in dem auch niedrigschwellige Angebote geschaffen wurden – von Karaoke bis hin zu Quiz-Abenden, betont Fetzer. „Essen und Trinken anzubieten, reicht alleine nicht, man muss das große Gebäude auch bespielen.“ Doch die Konzepte gingen nicht immer auf. Die Schwankungen seien immer extremer geworden. „Es kam vor, dass es an einem Samstag krachend voll war und am nächsten gähnend leer. Man kann einfach nicht mehr planen“, resümiert der Gastronom. Man wolle aber nicht klagen oder irgendjemandem die Schuld zuweisen, betont Fetzer.

Kann es aus seiner Sicht mit der Krone Alt-Hoheneck weitergehen? „Man braucht viele Faktoren, damit der Ort funktionieren kann.“ Eine Lösung wäre aus seiner Sicht, die Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen, beispielsweise mit Beteiligungen wie bei der solidarischen Landwirtschaft. „Aber ich bin nicht mehr bereit, das zu riskieren.“

Einer der wenigen Dorf- respektive Landgasthöfe in der Region ist die „Rose“ im Sachsenheimer Teilort Hohenhaslach, die es seit weit über 100 Jahren gibt und die in der vierten Generation von Andrea und Manfred Näher geführt wird. „Von den Dorfbewohnern alleine könnten wir nicht mehr leben“, sagt der Chef, der sowohl gelernter Koch als auch Metzgermeister ist. „Wir haben viele Gäste, die sich aus Tagestouristen wie Radfahrern oder Wanderern rekrutieren.“ Und da man einen täglich wechselnden Mittagstisch anbiete, würden auch viele Geschäftsleute Station an der Freudentaler Straße machen – außer an Dienstagen, denn dann ist Ruhetag.

Gasthof und Metzgerei

Die „Rose“ ist aber nicht nur ein Gasthof, sondern es ist, wie es früher vor allem im ländlichen Raum üblich war, auch noch eine kleine Metzgerei angegliedert. „Mit dieser Kombination sind wir mittlerweile eine der ganz wenigen Häuser in der Region“, sagt Manfred Näher, dem es eine Herzensangelegenheit ist, diese Tradition fortzuführen.

Auf der gutbürgerlichen Speisekarte finden sich vor allem schwäbische Spezialitäten und Klassiker wie Rostbraten, Kässpätzle, Saure Kutteln, Sauerbraten oder – bei Kindern sehr beliebt – „Spätzle mit Soß“. Regionalität ist den Nähers wichtig, und so stammt das verarbeitete Fleisch aus einem Umkreis von höchstens zwölf Kilometern.

 
 
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