Kreis Ludwigsburg „Weder Polizei, noch Richter“

Von Claudia Mocek
Der Beratungsbedarf steigt: Der Leiter der Fachstelle Stellwerk, Wolfgang Kapp, und Einrichtungsleiterin Eva Teufel von der Evangelischen Jugendhilfe im Kreis Ludwigsburg. Foto: /Oliver Bürkle

Bei der Fachstelle Stellwerk werden Kinder und Jugendliche begleitet, die sexuell grenzverletzendes Verhalten gezeigt haben. Auch Angehörige und Schulen werden beraten.

Nicht nur unter Erwachsenen gibt es sexuelle Grenzverletzungen. Auch unter Kindern und Jugendlichen kann es zu übergriffigem Verhalten kommen. Etwa wenn ein 14-Jähriger sich verliebt, die Freundin küsst, dann aber zu weit geht und sie nötigt. Oder wenn im Klassenchat eines 15-Jährigen kinderpornografische Bilder gespeichert sind und er diese weiterleitet – dann liegen Formen von sexueller Grenzverletzung vor, sagt Wolfgang Kapp. Der Leiter der Fachstelle Stellwerk der Evangelischen Jugendhilfe Hochdorf kümmert sich mit zwei Beratern um sexuell übergriffige Jugendliche hauptsächlich zwischen zwölf und 18 Jahren sowie um deren Eltern und Bezugspersonen.

„Wir sind weder Polizei, noch Richter“, betont Kapp. Ziel der Beratungen sei es, dass die Jugendlichen sich zu Menschen entwickeln, die in Beziehungen und in ihrer Sexualität Grenzen wahren und einen gewaltfreien Umgang pflegen.

Tester oder Täter?

Die kostenfreien Beratung wird häufig durch die Jugendhilfe im Strafverfahren oder das Amtsgericht vermittelt. Bei den Gesprächen gehe es zunächst darum herauszufinden, ob der Jugendliche seine Sexualität noch ausprobiere oder ob sich grenzverletzende Verhaltensmuster bereits verfestigt haben. Wichtig sei, dass die Betroffenen ihr übergriffiges Verhalten einsehen, zu ihren Taten zu stehen, die Auswirkungen auf die Opfer erkennen und Empathie entwickeln.

Beim Erstgespräch sind in der Regel die Eltern mit dabei, erklärt Kapp. Manche Jugendlichen würden zunächst nur mit geringer Motivation zur Beratung kommen. Dann sei das erste Ziel, ihr Vertrauen zu gewinnen. Denn den Jugendlichen falle es oft schwer, zuzugeben, dass sie etwas falsch gemacht haben und darüber zu sprechen.

Im Mittelpunkt der Arbeit von Stellwerk stehen pädagogische Fragestellungen. Es geht darum, den Betroffenen Raum zu geben, auf ihr Leben zu schauen, ihre Bedürfnisse zu erkennen. Oft steckten nicht nur sexuelle Motivationen hinter einer Tat, sagt Kapp. Auch die Ausübung von Macht könne eine Rolle spielen, um auf diesem Weg ein geringes Selbstwertgefühl zu kompensieren. Gemeinsam mit den Jugendlichen schauen die Berater darauf, was vor einer Tat war und was dahinter steckt. Ziel ist es, positive Persönlichkeitsanteile zu stärken und Strategien zu entwickeln, damit es künftig nicht mehr zu sexuellen Grenzverletzungen kommt.

Um den Kindern und Jugendlichen zu spiegeln, welches Verhalten in Ordnung ist und welches nicht, arbeiten die Sozialpädagogen mit dem Bild der Ampel. Rot steht für Grenzverletzung, grün für respektvolles Verhalten.

Alle Berater haben eine therapeutische Ausbildung und eine Zusatzausbildung absolviert. Wie intensiv die Betreuung jeweils ausfällt, lässt sich im Vorfeld nicht sagen. Bei manchen Jugendlichen reichen vier Gespräche, andere benötigen bis zu 20 Termine im 14-tägigen Rhythmus. „Eine Resthausaufgabe für die Jugendlichen bleibt immer“, sagte Kapp. In manchen Fällen werde auch nachbetreut. Doch es gebe auch die positiven Beispiele, die später gemeinsam mit ihrer Freundin auf einen Besuch vorbeischauten. Trotz des ernsten Themas macht die Arbeit Spaß, sagt Kapp. Die zwei Berater und eine Beraterin werden durch Supervision begleitet.

Einrichtungsleiterin Eva Teufel macht sich aber auch Sorgen, „weil man mehr tun müsste“, sagt sie. Derzeit gibt es eine Warteliste: Fünf Jugendliche hätten sich gemeldet und würden nun verzweifelt auf einen Termin warten. Auch wenn sexuelle Grenzverletzungen ein Tabuthema wären, seien Jugendliche mit einem solchen Verhalten „ein wichtiges Signal an die Gesellschaft, präventiv tätig zu werden, um Schlimmeres zu verhindern“, sagt Teufel.

62 Fälle betreut

Untersuchungen belegen, dass fast 50 Prozent der erwachsenen Straftäter bereits im Jugendalter durch Sexualdelikte auffällig geworden sind. Ja, es gebe Menschen mit pädophiler Neigung. Doch auch diese Menschen seien wertvoll, „auch wenn wir das Verhalten ablehnen“, sagt Kapp. Die Frage sei, wie man mit einer solchen Neigung umgehen könne – ohne sie auszuleben.

Sexuelle Gewalt nehme insgesamt zu, es gebe zum Beispiel vermehrt Gruppenvergewaltigungen. Eine frühzeitige Begleitung von Menschen mit sexuell grenzverletzendem Verhalten könne verhindern, dass ein solches Verhalten chronisch werde. „Es ist die beste Prävention, die man leisten kann“, sagt Teufel.

Im vergangenen Jahr hat die Fachstelle 62 Fälle betreut und etwa 272 Beratungstermine absolviert. Die meisten der Jugendlichen, die zur Fachstelle Stellwerk kommen, sind Jungen. Im vergangenen Jahr waren zwei Mädchen darunter. Doch das Dunkelfeld ist bei den Mädchen deutlich höher, schätzt Kapp. Ansonsten seien alle Schichten und Nationalitäten betroffen, sagt er.

Darüber hinaus werden auch Schulen beraten. Doch aufgrund der geringen Beratungskapazitäten, drei Berater teilen sich derzeit eine 60 Prozent-Stelle, hätte dies Angebot eingeschränkt werden müssen. Auch Eltern und Angehörige werden unterstützt. Diese seien oft mit der Situation überfordert und erleichtert darüber, „dass es jemanden gibt, der mir helfen kann“.

Spenden für die Fachstelle Stellwerk der Evangelischen Jugendhilfe im Kreis Ludwigsburg e.V. sind bei der Kreissparkasse möglich unter IBAN: DE 59 6045 0050 0000 1083 04, BIC: SOLDES1LBG

 
 
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