Schwere Unfälle, Leichenfunde und grausame Verbrechen: Zum Arbeitsalltag vieler Polizeibeamtinnen und -beamten gehören Ausnahmesituationen, die die Psyche belasten. Schweißausbrüche, Schlafprobleme oder das Vermeiden einer Unfallstelle können auch noch Tage nach dem Einsatz auftreten. „Diese Symptome gehen auch wieder weg“, sagt Carmen Maisch. „Wenn man weiß, dass das eine normale Reaktion ist, kann man damit auch besser umgehen“, sagt Jochen Schmidt. Die beiden bilden die Psychosoziale Beratungsstelle im Polizeipräsidium Ludwigsburg, die es seit 2014 gibt. Maisch und Schmidt sind seit 2018 hauptamtlich dabei.
Kreis Ludwigsburg Wenn Helfer Hilfe brauchen
Als „Scharnier zwischen ärztlicher Behandlung und Therapie“ unterstützt die Psychosoziale Beratungsstelle im Polizeipräsidium Kollegen dabei, mit traumatischen Erlebnissen umzugehen.
„Bei uns gilt das Peer-Prinzip“, sagt Schmidt. Die beiden Berater kommen selbst aus dem Polizeidienst. Schmidt war jahrelang bei der Schutz- und der Kriminalpolizei tätig, Maisch arbeitete lange bei der Schutzpolizei, im Streifendienst und in der Prävention. Der 58-Jährige und die 55-Jährige wissen, wie sich eine Nachtschicht anfühlt. Sie haben eine Zusatzausbildung absolviert und zunächst nebenamtlich als psychosoziale Berater gearbeitet.
Tod, Trauma, Trennung
In dieser Funktion unterstützen sie ihre Kolleginnen und Kollegen zum Beispiel nach belastenden Erlebnissen im Dienst, aber auch bei Suchterkrankungen, bei Fragen der Prävention oder auch im Konfliktmanagement. Die Menschen im Polizeidienst bildeten einen Querschnitt der Bevölkerung ab. „Bei den meisten Beratungen geht es rund um den Menschen, um alle Sorgen, um Tod, Trauma, Trennung, um Depressionen oder Anpassungsstörungen“, sagt Schmidt.
„Wir stellen keine Diagnose“, sagt Carmen Maisch, „wir sind das Scharnier zwischen ärztlicher Behandlung und Therapie.“ Die Kollegen kommen zu ihnen, weil die Vorgesetzten oder Kollegen es ihnen empfehlen. Bei psychischen Erkrankungen werden sie auch als Fallmanager bei betrieblichen Eingliederungsmaßnahmen hinzugezogen. Insgesamt sind die beiden Ansprechpartner für rund 1850 Menschen. Neben den beiden Hauptamtlichen gibt es noch sechs nebenamtliche Berater, die zusammen 24 Stunden pro Tag an sieben Tagen in der Woche im Einsatz sind. „Wir beschreiten einen schmalen Grad zwischen Hilfe und Belästigung“, sagt Maisch und lacht. Die beiden führen alle Gespräche gemeinsam. Der Austausch helfe ihnen selbst auch. „Natürlich ist immer alles vertraulich“, sagt sie.
Dass auch Helfer Unterstützung benötigen, diese Einsicht gibt es noch gar nicht so lange bei der Polizei. Erst seit dem Flugzeugabsturz von Überlingen 2002 und dem Amoklauf von Winnenden 2009 sei verstärkt erkannt worden, dass auch Helfer Hilfe brauchen. Treibende Kraft war damals ein Polizist, der dann als Seelsorger arbeitete.
Umgang mit dem Kopfkino
Für Maisch und Schmidt sind die Nachbesprechungen von belastenden Einsätzen ein zentrales Instrument. Unterschiedliche Einheiten kommen kurz danach zusammen, tauschen sich über das Geschehen und ihre Reaktionen darauf aus. „Das Kopfkino läuft auch bei denen, die vielleicht nur an der Absperrung standen“, sagt Maisch. Daher sei es wichtig, die Fantasien mit den Fakten abzugleichen, um das Geschehen besser einordnen und verarbeiten zu können.
„Wir vergleichen die Gedankenwelt gerne mit einer Kommode“, sagt Maisch. „Am Anfang legen sich viele Ereignisse, aber auch Gerüche und Töne in falschen Schubladen ab. Aber mit der Zeit rutschen sie in die richtigen Schubladen.“ Manchmal brauche es dazu die Unterstützung eines Handwerkers in Form eines Arztes oder Therapeuten. „Reden hilft dabei, die richtige Schublade zu öffnen“, sagt Schmidt.
Um die Belastungen der Beamten nach einem schweren Einsatz weiter im Blick zu behalten, werden einige Tage später dazu Fragebogen verteilt. Ein Austausch über die eigene Gefühlslage oder psychische Belastungen? Nicht in jeder Branche denkbar. „Wir sind eine Gefahrengemeinschaft, die deutlich enger zusammenarbeiten als andere Berufe“, ist Maisch überzeugt.
Bei der Polizei werde versucht, jüngere Kollegen langsam an schwierigere Einsätze heranzuführen, doch das sei nicht immer möglich. Die wachsende Erfahrung könne dabei helfen, Werkzeuge und Techniken einzusetzen, die die Beamten resilienter machen können – etwa das bewusste Durchatmen, bevor man eine Todesnachricht überbringen müsse. „Vor Ort gibt es keinen, der nicht seinen Job macht“, sagt Schmidt. Angetrieben würden die Beamten vom Aufklärungswillen und der Sinnhaftigkeit ihres Tuns. „Das hilft, das Danach zu überstehen.“
Traumatische Erfahrungen
Macht ein Beamter im Dienst traumatische Erfahrungen, erstellt der Polizeiärztliche Dienst eine Diagnose und setzt sich für eine Reha-Maßnahme ein. Der Dienst fungiert sowohl als Amtsarzt als auch als Betriebsarzt – als letzterer ist er an die Schweigepflicht gebunden. Seit 1,5 Jahren gibt es im Präsidium Ludwigsburg das so genannte Psychotherapeutenmodell. Dabei arbeitet die Polizei mit einer Liste von Traumatherapeuten zusammen, bei denen Polizisten nach einem Dienstunfall oder einem traumatischen Erlebnis innerhalb von 14 Tagen einen Termin bekommen. Für dieses Modell hatte sich der frühere Polizeipräsident Burkhard Metzger eingesetzt, sagt Jochen Schmidt.
Maisch und Schmidt haben die Erfahrung gemacht, dass es nicht nicht nur schwierige Einsätze sind, die Kolleginnen und Kollegen belasten. Oft seien es auch Umstände, wie der Umgang eines Vorgesetzten oder fehlende Wertschätzung, die zur Belastung werden könnten. „Dann übernehmen wir eine Brückenfunktion“, sagt Carmen Maisch.
