Kreis Ludwigsburg Werden Altkleider-Container abgebaut?

Von Claudia Mocek
Einer der rund 50 Container der „Aktion Hoffnung“ im Landkreis Ludwigsburg steht vor der Laurentiuskirche in Bietigheim-Bissingen. Foto: /Martin Kalb

Gemeinnützige Organisationen erzielen mit den Altkleidern kaum noch Erlöse. 2028 wird sich dies ändern. Bis dahin hoffen sie auf einen Auftrag durch die AVL.

Wie geht es weiter mit den Altkleidercontainern im Kreis? Noch werden rund 200 Container von gemeinnützigen Organisationen wie Deutsches Rotes Kreuz (DRK) oder Aktion Hoffnung betrieben. Doch die Qualität der Textilien sinkt aufgrund billiger Massenimportware. Das einst einträgliche Geschäft mit den Altkleidern lohnt sich nicht mehr. Das wird sich erst 2028 ändern. Dann müssen sich Textil-Hersteller ähnlich wie beim Grünen Punkt an den Entsorgungskosten beteiligen.

Um diesen Zeitraum von 1,5 Jahren zu überbrücken, benötigen die gemeinnützigen Organisationen rund 100.000 Euro und haben sich an die Abfallverwertungsgesellschaft AVL gewandt. Diese ist laut EU-Verordnung in der Pflicht, die getrennte Sammlung von Alttextilien nachzuweisen – was in Deutschland schon lange der Fall ist. Die AVL selbst verfügt auch über eigene Container, jedoch nur an acht ihrer Entsorgungsstellen, nicht jedoch in der Fläche. Eine zusätzliche, aus Gebühren finanzierte Unterstützung der karitativen Sammlung sei rechtlich nicht zulässig, heißt es von der AVL.

„Das hat es noch nie gegeben“, sagt der Vorstand von Aktion Hoffnung, Anton Vaas. Altkleider seien immer ein werthaltiger Rohstoff gewesen. Doch durch die Billigware der „Fast Fashion“ (siehe Infokasten), könne man mit diesen Textilien fast nichts mehr anfangen: „Aus Nichts kann man nichts machen“, sagt er. Das Material eines T-Shirts, das neu zwei oder drei Euro kostet, habe gebraucht gar keine Wertschöpfung mehr.

Getrennte Sammlung ist Pflicht

Die Krise sei dadurch verschärft worden, dass die EU-Regelung, die eine Pflicht zur getrennten Sammlung vorsieht und zum 1. Januar 2025 eingeführt worden war, falsch interpretiert worden sei, so Vaas. Die Pflicht betreffe weniger die Verbraucher, sondern in erster Linie Entsorgungsträger wie den Landkreis, die nachweisen müssen, dass es ein Trennungssystem gibt. „Dafür kann sich der Kreis bestehender Strukturen bedienen“, sagt er und meint bestehende Container oder Sammlungen von Organisationen wie DRK, Diakonie und Aktion Hoffnung.

Rund 50 Container im Kreis betreibt zum Beispiel die Aktion Hoffnung. Doch die Organisationen benötigen eine Übergangsunterstützung von rund 100.000 Euro für die nächsten 1,5 Jahren, um gesunkene Erlöse ausgleichen und weiterhin sammeln zu können. 2028 greift die besagte EU-Regelung, die die Textilhersteller stärker in die Pflicht nimmt. Diese müssen sich dann bereits bei der Produktion an den Entsorgungskosten beteiligen. „Ab dann werden wir als Sammler auch wieder bezahlt werden“, sagt Vaas, „aber bis dahin brauchen wir einen finanziellen Lückenschluss“. Denn zurzeit „zahlen wir mit jedem Kilo drauf.“ Er weist auf den „beispiellosen Exodus“ von Altkleidercontainern hin. Bundesweit sei über ein Drittel der Container bereits abgeschafft worden und das, trotz gestiegener Menge an Altkleidern, was sich an überfüllten Behältern ablesen lasse.

„Wir bitten um Verständnis“

„Wir verstehen, dass die aktuelle Marktsituation für Alttextilien eine Herausforderung für karitative und gewerbliche Sammler darstellt“, sagt AVL-Geschäftsführer Tilman Hepperle in einer Mitteilung. „Trotzdem bitten wir um Verständnis dafür, dass die Abfallwirtschaft des Landkreises ihrer gesetzlichen Verantwortung folgen muss und Abfallgebühren nicht dazu verwendet werden dürfen, die Verluste von karitativen und gewerblichen Sammlern aufzufangen. Dies verbietet das Kommunalabgabengesetz.“ Die Kritik der Diakonie bewertete Hepperle als unsachlich.

Der Geschäftsführers des Kreisdiakonieverbands, Martin Strecker, hatte im Vorfeld Unverständnis darüber geäußert, dass die AVL gemeinnützige Organisationen nicht unterstützt. „Dazu stehe ich weiterhin“, sagte Strecker. Die AVL sei verpflichtet, flächendeckend zu sammeln. Für die Überbrückungszeiten „wollen wir keine Spenden von der AVL“, betont Strecker. Er habe angeregt, die Sammlung auszuschreiben und mit sozialen Kriterien zu versehen – dann könnten die Organisationen zum Zug kommen. So, wie es in anderen Landkreisen auch der Fall sei.

Zwei Kilogramm Altkleider

Laut Hepperle kommt die AVL ihrer Pflicht bereits nach, den Bürgern eine Entsorgungsmöglichkeit auf ihren Wertstoffhöfen anzubieten. Von den neun Wertstoffhöfen sind acht mit Altkleidercontainern ausgestattet, sagte der Stellvertretende Abteilungsleiter Ressourcen, Finanzen, Service der AVL auf BZ-Anfrage. Bei der Verwertung kooperiert der Entsorger mit dem Textilunternehmen Striebel aus dem Allgäu, bei dem die Second-Hand-Ware in mehreren Schritten sortiert und desinfiziert wird. Erlöse erzielt die AVL laut Mäule damit keine.

Wurden bei der AVL früher rund 150 Tonnen Altkleider pro Jahr gesammelt, sind es heute aufgrund der geänderten Marktsituation rund 180 Tonnen. „Wir haben relativ gute Ware, da die Wertstoffhöfe bewacht sind“, sagt Mäule. Es gäbe kaum Restmüll unter den Textilien. Das funktioniere auch trotz der geänderten Marktsituation weiterhin. Der Anteil an Textilien im Restmüll liege unter einem Prozent, aber dabei könnte es sich auch um zerrissene Kleidung oder einzelne Schuhe handeln. Die Forschung arbeite derzeit an einer Methode, Fasern aufzuspalten und zu neuen Fasern zu verarbeiten. Aber bis ein solches Verfahren in der Praxis eingesetzt werden kann, dauere es noch.

Laut Statistischem Bundesamt fallen pro Einwohner und Jahr zwei Kilogramm Altkleider an, sagt Mäule. Im Landkreis wären das rein rechnerisch insgesamt 1100 Tonnen, davon würden heute knapp 20 Prozent über die Wertstoffhöfe entsorgt. Über die karitativen Träger seien es rund 400 bis 500 Tonnen. „Sie machen eine gute Arbeit und binden darüber hinaus auch soziale Projekte ein“, sagt Mäule. Bei der Diakonie helfen Langzeitarbeitslose beim Sortieren von Altkleidern oder arbeiten in der Upcycling-Nähwerkstatt.

Entscheidung bis Ende Juni nötig

Stadt Stuttgart, Kreis Göppingen, Zollern-Alb-Kreis, Bodensee, Ravensburg und Tübingen: zahlreiche Kreise würden die gemeinnützigen Organisationen in der Übergangszeit bis 2028 finanziell unterstützen, sagt Vaas von der Aktion Hoffnung: „Ich weiß nicht, warum es im Landkreis Ludwigsburg nicht gehen soll.“ Die rechtlichen Fragen seien unter anderem vom Landkreistag über eine Vergabekanzlei geklärt worden: „Es ist rechtlich möglich, uns zu unterstützen“, sagt Vaas im Gespräch mit der BZ.

Die karitativen Träger wollen nun gemeinsam an die Kreistagsfraktionen treten und ihre Sicht über den Verwaltungsausschuss noch einmal einbringen. Denn sie seien davon überzeugt, dass die bestehende Lösung auf jeden Fall kostengünstiger sei, als wenn die AVL selbst ein flächendeckendes System aufbauen würde. „Und es ist im Sinne des Bürgers“, sagt Vaas. Wenn diese ihre Altkleider künftig auf den Wertstoffhof fahren müssten, würden viele Textilien im Restmüll landen. „Das wäre die denkbar schlechtestes Lösung für alle“, sagt Vaas. „Wir als Sammler sehen keinen Vorteil für die AVL“, sagt auch der Stellvertretende Kreisgeschäftsführer des DRK, Steffen Schassberger. „Es wird das System hart treffen, wenn die gemeinnützigen Träger aussteigen“, ist er sich sicher. Wenn immer weniger Ressourcen aus den Altkleidern recycelt werden, weil es für die Verbraucher mit weiten Wegen verbunden sei, würde das der Absicht der EU-Gesetzgebung widersprechen, die eigentlich mehr Recycling erreichen will. „Das wäre kontraproduktiv“, findet Schassberger.

Steht nun bald der Abbau von Altkleidercontainern im Landkreis Ludwigsburg an? „Wir wollen das Sammelsystem so lange aufrecht erhalten, wie es möglich ist, aber die Luft wird dünn“, sagt Anton Vaas von der Aktion Hoffnung und weiter: „Wir brauchen bis Ende Juni dringend eine Entscheidung.“

Die Auswirkungen der Textilproduktion auf die Umwelt

Die weltweite
Kleidungsproduktion hat sich nach Schätzungen der Ellen Mac Arthur Foundation zwischen 2000 und 2015 verdoppelt, während die durchschnittliche Nutzungsdauer eines Kleidungsstücks um rund 40 Prozent gesunken ist. Diese Entwicklung führe zu einem Anstieg der CO2-Emissionen, des Wasserverbrauchs, des Chemikalieneinsatzes und der Abfallmengen.

Nach Aussagen der Europäischen Umweltagentur hat der Textilkonsum in Europa im Jahr 2020, über den gesamten Lebenszyklus betrachtet, im Durchschnitt die vierthöchsten Auswirkungen im Vergleich zu anderen Branchen auf die Umwelt sowie den Klimawandel. In Bezug auf die Wasser- und Landnutzung habe dieser Konsumbereich die dritthöchsten Auswirkungen und sei in Bezug auf den Rohstoffverbrauch sowie die Treibhausgasemissionen der fünftgrößte.

Das Geschäftsmodell der „Ultra Fast Fashion“ verschärfe diese Tendenzen noch weiter, indem es die Lebenszyklen von Produkten auf wenige Wochen oder gar Tage verkürzt. Die Modebranche, so wird geschätzt, produziert jährlich über 92 Millionen Tonnen Abfall und verbraucht 79 Milliarden Liter Wasser.

 
 
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