Kreis Ludwigsburg Wie Schulen vor Mobbing schützen

Von Helena Hadzic
In Rollenspielen werden Situationen wie diese nachgespielt – das ermöglicht den Schülerinnen und Schülern, die Dynamiken zu verstehen, die zu Mobbing führen sowie in die Gefühlswelt der Opfer einzutauchen. Foto: /Martin Kalb

Auch in den Schulen im Kreis Ludwigsburg gehört Mobbing zum Alltag, weshalb Präventionskonzepte wichtig sind – die BZ hat nachfragt, wie die Schulen dagegen vorgehen.

Ausgeschlossen, gehänselt oder gar bedroht und geschlagen zu werden von seinen Mitschülerinnen oder Mitschülern ist kein neues Phänomen. Es passiert auf der Schultoilette, im Unterricht, auf dem Pausenhof oder auch im Internet. In vielen Fällen empfinden Opfer Machtlosigkeit und haben das Gefühl, sich aus der Situation nicht befreien zu können. Sich Hilfe zu holen, scheint dennoch eine große Hürde zu sein. Und warum? Als Folge fürchten sie noch mehr Schikanen.

„Viele Schüler, die Opfer von Mobbing werden, haben Angst, dass es danach noch schlimmer wird“, erzählt die Schulsozialarbeiterin am Christoph-Schrempf-Gymnasium in Besigheim, Anja Siebrasse. Sie kennt die Dynamiken und weiß, dass häufig der Versuch gestartet wird, „selbst irgendwie klarzukommen“. Das bremse die Opfer aus, und die Verletzungen gingen weiter. Ein Szenario, das sich an Schulen nicht selten abspielt. Um aus diesem Kreislauf auszubrechen, arbeiten die Schulen im Kreis mit unterschiedlichen Präventionskonzepten und individuellen Maßnahmen.

Sozialkompetenztraining

Anja Siebrasse setzt in den Klassen fünf bis sieben auf das Training von sozialer Kompetenz. Die Schüler sollen dabei lernen, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen und in das Empfinden eines Opfers eintauchen. Beim „Bergdorfspiel“ wird eine kleine Gruppe von Schülern aus dem Klassenraum geschickt, während die Klasse neue Kommunikationsregeln aufstellt, beispielsweise Wörter definiert, auf deren Bedeutung man sich einigt. Die anderen Schüler werden dann hineingerufen und sehen sich dieser Gruppe gegenüber, die sie nun nicht mehr verstehen können.

„Dabei wird klar, dass sich die kleine Gruppe ausgeschlossen fühlt und Dynamiken in Kraft treten, die zu Mobbing führen können“, sagt Siebrasse. Eine anschließende Reflexion zum Spiel helfe dabei, diese Dynamiken und die Opfer zu verstehen – mit solchen Projekten und Spielen beginne man bereits, präventiv gegen Mobbing vorzugehen.

Eine etwas andere Herangehensweise wird am Beruflichen Schulzentrum in Bietigheim-Bissingen umgesetzt. „Wir versuchen anlassbezogen gegen Mobbing vorzugehen, weil jeder Fall anders ist und auch die Form des Mobbings“, erklärt Schulleiter Stefan Ranzinger. Bei 2200 Schülern komme Mobbing natürlich vor, aber Gegenmaßnahmen werden dann ergriffen, wenn es zu einem Mobbingfall kommt.

Mithilfe der vier Sozialarbeiter versuche man individuell in einem frühen Stadium dagegen vorzugehen, auch mithilfe anlassbezogener Präventionstage gegen Mobbing. Zudem setzt er auch auf die Aufmerksamkeit der Lehrer: „Es geht darum, dass Lehrer und Schüler hinschauen, wenn etwas vor sich geht“, sagt Ranzinger. Pauschale Prävention hält er für nicht zielführend – eine gute Schulkultur sei ausschlaggebend.

Miriam Anger, Lehrerin der Sophie La Roche-Realschule in Bönnigheim, setzt hingegen auf proaktive Arbeit. Im September hat sie gemeinsam mit der Verbindungslehrerin des Alfred-Amann-Gymnasiums in Bönnigheim, Anne-Kathrin Späth, entschieden, gemeinsam mit circa 20 Schülerinnen und Schülern beider Schulen an einem Seminar des Instituts für politische Bildung Baden-Württemberg teilzunehmen. Unter dem Motto „Für demokratische Vielfalt – gegen Diskriminierung und Ausgrenzung“ ging es nach Buchenbach, wo sie sich für drei Tage spielerisch mit Vorurteilen, Diskriminierungen sowie der Meinungsfreiheit und ihren Grenzen beschäftigt haben.

„Es war spannend zu sehen, dass die Schülerinnen und Schüler in Selbstreflexionen herausfinden konnten, worauf sie nicht reduziert werden wollen“, meint Späth. Das helfe vor allem dabei, Vorurteile abzubauen und minimiere die Gefahr von Mobbing.

Die Schüler der Arbeitsgruppe wollen deswegen in diesem Jahr eigene Projekte realisieren, wie etwa eine Plakatwand mit Sprüchen und Impulsen oder ein Film zum Thema Ausgrenzung und Mobbing. „So wird die Schule sensibilisiert, und die Schüler sehen, dass so etwas nicht geht“, so Späth. Anger ergänzt, dass diese wiederkehrenden Bausteine auch das Vertrauensverhältnis unter Schülern stärken, sodass auch sie zu Opfer-Anlaufstellen werden.

Olweus-Programm

Eine ähnliche Politik vertritt auch Schulleiter Peter Widmeier von der Justinus-Kerner-Schule in Ludwigsburg. Teambildende Maßnahmen, die Stärkung der Persönlichkeiten und die Selbstwirksamkeit der Schüler stehen im Fokus der sogenannten „Olweus-Woche“, die die Schule jedes Jahr mit allen Klassen organisiere. Im Jahr 2017 hat sich die Schule entschieden, das „Olweus-Programm“ einzuführen – 2019 wurde sie als fünfte Olweus-Schule bundesweit zertifiziert.

Damit ist ein 18-monatiges Programm gemeint, dessen Methode in einer Schule angewendet wird. Die sogenannten „Goldenen Regeln“ sind dabei der Schlüssel zur Selbstwirksamkeit der Schüler und Lehrer. Eine dieser Regeln lautet: „Ich werde versuchen, zu helfen oder jemanden zur Hilfe zu holen“. Vor allem versuche die Schule damit, eine „Kultur des Hinschauens“ zu schaffen.

An der Realschule im Aurain in Bietigheim-Bissingen wird mit verschiedenen Projekten gearbeitet, sagt Nathalie Schnur, Präventionsbeauftragte der Schule. So wird in der fünften und sechsten Klasse unter anderem das Programm „Lions Quest“ durchgeführt, das mithilfe von Regeln darauf abzielt, soziales und respektvolles Verhalten zu vermitteln und zu fördern. Aber auch die beiden Schulsozialarbeiter und der Klassenrat seien darauf aus, Mobbingfälle frühzeitig zu identifizieren und anzusprechen. Außerdem arbeite die Schule eng mit der Polizei zusammen, um gegen das hohe Gewaltpotenzial gegen Opfer vorzugehen.

Kooperation mitBeratungsstellen

Auch am Lichtenstern-Gymnasium in Sachsenheim gibt es seit vergangenem Jahr Verstärkung im Präventionsbereich durch eine Schulsozialarbeiterin, weswegen die Schule derzeit an einer Überarbeitung des Präventionscurriculums arbeitet, erklärt Elke Haas-Eiding aus der erweiterten Schulleitung.

Dabei stehen individuelle Beratungen der Schüler und gruppendynamische Projekte im Zentrum. Ebenso werde in den fünften Klassen Sozialkompetenzen erarbeitet und Elterngespräche mit Hilfestellung bei Erziehungsfragen geführt, so Haas-Eiding. Aber auch Kooperationen mit Beratungsstellen außerhalb der Schule seien wichtig, damit diese nicht zeitlich an die Schulzeit gebunden sind.

Eines jedenfalls stehe fest, so Anja Siebrasse vom Christoph-Schrempf-Gymnasium: „Mobbingprävention ist kein einmaliges Phänomen, sondern stetige Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern“.

 
 
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