Der einstige Fluss nun eher ein Bächlein, Schiffe, die auf dem Grund aufliegen, ausgetrocknete Ufer: Vor Kurzem haben diese Nachrichten und zugehörige, fast schon absurd wirkende Bilder die Runde gemacht. „Die Wasserstände in Baden-Württemberg sind größtenteils auf einem extrem niedrigen Niveau und sinken weiter“, berichtet das Niedrigwasser-Informationszentrum (NIZ) Baden-Württemberg auf seiner Website. In Baden-Württemberg melden 64 Prozent der NIZ-Pegel extrem niedrige Wasserstände, 30 Prozent sehr niedrige Wasserstände und weitere zwei Prozent der Pegel niedrige Wasserstände, also die Vorstufe zum Niedrigwasser. Die BZ hat nachgefragt, wie es Neckar, Enz und ihren Nebenflüssen gerade geht.
Kreis Ludwigsburg Wie steht es um die Flüsse?
Rhein, Donau und weitere Flüsse im Land kämpfen mit Niedrigwasser. Im Kreis Ludwigsburg sind die Hitzewellen auch an Neckar und Enz nicht spurlos vorbeigegangen.
Die Pegel vieler oberirdischer Gewässer im Kreis liegen aktuell „im kritischen Niedrigwasserbereich“, berichtet Franziska Schuster vom Landratsamt Ludwigsburg. Vor allem in längeren Trocken- und Hitzeperioden gehen die Wasserstände deutlich zurück. Zwar führten einzelne Regen zu höheren Abflüssen – innerhalb von ein bis zwei Tagen würden diese aber wieder in den kritischen Niedrigwasserbereich abfallen, so Schuster. In Trockenzeiten wie der jetzigen werden die Pegelstände von der unteren Wasserbehörde regelmäßig beobachtet, unter anderem mit Daten des NIZ. „Baden-Württemberg erlebt derzeit ein historisches Wasserdefizit. Anfang August ist die klimatische Wasserbilanz so niedrig wie nie zuvor in den vorliegenden Daten seit 1991“, schreibt das NIZ auf seiner Website.
Wasserstand des Neckars niedrig
Das NIZ attestiert dem Neckar am 6. August den Wasserstand „sehr niedrig“ und die Niedrigwasser-Stufe 1. „Der für den Neckar repräsentative Pegel Wendlingen-Kläranlage meldet für den 6. August einen mittleren Abfluss von 9,42 Kubikmetern pro Sekunde. Laut aktuellen Vorhersagen wird der Wasserstand in den kommenden Tagen auf extrem niedrig (Niedrigwasser-Stufe 2) zurückgehen“ – also noch weiter sinken. Bei ungefähr 209 Zentimetern liegt der Wasserstand laut der Datenpublikationswebsite „Pegel online“ an der Schleuse in Besigheim in diesen Tagen.
Die Schifffahrt auf dem Neckar ist aktuell nicht betroffen: „Der Neckar ist staugeregelt, das heißt, die Wehre und Schleusen halten den Wasserstand künstlich hoch, sodass auch bei geringen Abflüssen, wie derzeit, ein ausreichender Wasserstand für die Schifffahrt vorhanden ist“, sagt Dr. Johanna Reek, Fachbereichleitung Schifffahrt beim Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) Neckar. Probleme treten aber auf, wenn Schiffe vom Rhein auf den Neckar kommen oder andersherum, denn im Unterschied zum staugeregelten Neckar ist der Rhein freifließend. Das sorge für entsprechend geringe Wasserstände bei Niedrigwasser, erklärt Reek. Daher seien diese Schiffe derzeit viel weniger beladen oder können dort gar nicht mehr fahren.
Hier hängen die Auswirkungen auf die Schiffahrt einerseits von den Pegelständen, andererseits aber auch von den Fahrrinnentiefen und der Abladetiefe der Schiffe sowie von örtlichen Engstellen im Rheinverlauf ab, sagt der Pressesprecher des WSA Oberrhein, Thomas Oberst. „Der mögliche Beladungszustand eines Güterschiffes richtet sich nach der herrschenden Wassertiefe“, pauschal sei es so, dass größere Schiffe auch einen größeren Leertiefgang (also der Tiefgang des Schiffes ohne Ladung) haben. Gerade Schiffe mit solchen großen Tiefgängen können bei niedrigen Wasserständen dann nicht mehr voll beladen werden. „Sie befördern dann weniger Güter, bis das Fahren mit Ladung unwirtschaftlich oder nicht mehr möglich ist“, erklärt Oberst. Die Fahrverbote seien momentan nicht durch Behörden geregelt, sondern liegen in der Verantwortung des Schiffsführers.
Schmelzwasser fehlt
Dieser Umstand ist in diesem Jahr gravierender als sonst: Die Niedrigwasserphase habe am Rhein und somit auch im Übergang von Rhein und Neckar relativ früh eingesetzt. Bereits Anfang Juni habe es im Vergleich mit vergangenen Jahren am südlichen Oberrhein sehr niedrige Pegelstände gegeben. „In der Regel werden die Wasserstände bis in den Sommer noch durch Schmelzwasser aus den im Einzugsgebiet liegenden Gebirgen gestützt. Dieses Frühjahr war die Schneedecke jedoch schon Anfang Juni bis zu einer Höhe von 2500 Metern abgeschmolzen“, so Oberst weiter. Dieses fehlende Schmelzwasser und die fehlenden Niederschläge seien mitverantwortlich für die aktuelle Situation. Auch in den nächsten Wochen wird sie sich voraussichtlich nicht verbessern: In den kommenden Tagen werde es erneut warm bis heiß, so Oberst: „Die großräumige, ausgeprägte Niederwassersituation wird somit auch in den kommenden Wochen Bestand haben und sich bei weiterem Ausbleiben ergiebigerer Niederschläge immer weiter verschärfen.“ Mittlerweile würden Reedereien zunehmend auf Schiffe setzen, die auch bei geringer Wassertiefe wirtschaftlich fahren können.
„Niedrige Wasserstände können erhebliche Auswirkungen auf die Gewässerökologie haben. Geringere Wassermengen und steigende Wassertemperaturen belasten Fische, Kleinlebewesen und Wasserpflanzen, da unter anderem der Sauerstoffgehalt des Wassers sinkt und Lebensräume eingeschränkt werden“, erklärt Schuster. Eine konkrete Grenze, ab der Gefahr für die Tiere und Pflanzen besteht, gibt es nicht – vielmehr hänge das vom jeweiligen Gewässer und den dortigen Gegebenheiten ab. Die Entwicklung des Pegels werde daher fachlich bewertet und es werden bei Bedarf Maßnahmen ergriffen, so beispielsweise das Wasserentnahmeverbot durch Erlass einer Allgemeinverfügung für den Kreis Ludwigsburg, das seit dem 2. Juli diesen Jahres in Kraft ist.
Auch in Zukunft ein Problem
Selbst, wenn sich die Pegel von der aktuellen Hitze erholen: Ein Ende der Problematik ist nicht in Sicht. „Mit dem Klimawandel ist davon auszugehen, dass längere Trockenperioden und häufigere Hitzephasen künftig zunehmen“, so Schuster, was zu häufigeren und länger andauernden Niedrigwasserständen führen könne. Bereits 2024 hat das Land Baden-Württemberg deshalb eine Wassermangelstrategie erarbeitet, im Zuge derer auch das NIZ bei der Landesanstalt für Umwelt eingerichtet wurde. Die Strategie legt fest, was bei Wassermangel zu tun ist und wie man Wasserressourcen sichern kann. Um sich langfristig an den Klimawandel anzupassen, hat das Land außerdem den „Masterplan Wasserversorgung“ ins Leben gerufen.
„Die Untersuchungen für den Landkreis Ludwigsburg sind inzwischen abgeschlossen“, sagt Schuster. Daraus würden nun Handlungsempfehlungen abgeleitet, die von den Kommunen umgesetzt und vom Landratsamt begleitet werden. Wegen der Auswirkungen des Niedrigwassers auf die Schifffahrt hat die Bundesregierung außerdem den Aktionsplan „Niedrigwasser Rhein“ entwickelt. Die Trinkwasserversorgung im Landkreis ist aber noch nicht gefährdet, der Obere Muschelkalkaquifer, der wichtigste Grundwasserspeicher im Landkreis, befinde sich auf stabilem Niveau.
