Künstlerkollektiv „Wir haben dumme Ideen und sind stur“

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Baris Sabuncuoglu (rechts) und Michael Pietzsch in ihren „Silent Lab Studios“ in Ludwigsburg. Die Räume baute das Künstlerkollektiv „Stur und Dumm“ von einem Proberaum zum Studio aus. Zum Künstler-Trio gehört noch Deniz Dag, der aktuell verreist ist. ⇥ Foto: Martin Kalb

Das Künstlerkollektiv „Stur und Dumm“ möchte mit einer Kampagne künstlerisch, musikalisch und emotional über Suizid aufklären.

Weltweit leiden 350 Millionen Menschen an Depressionen. Jährlich begehen 800 000 Menschen Selbstmord. Auch unsere Freunde haben Selbstmord begangen.“ Diese Zeilen sind auf Englisch in einem einminütigen Videoclip vom Ludwigsburger Künstlerkollektiv „Stur und Dumm“ zu lesen. Untermalt von elektronischen Klängen und einem zarten Frauengesang „I can’t see what’s inside your heart“ (Ich kann nicht sehen, was in deinem Herzen ist).

Rock, Pop, Ethno

„Wir waren eine ganz normale Band. Gestartet sind wir als Rockband mit Blues- und Pop-Elementen, dann haben wir begonnen, Instrumente mit elektronischer Musik – Techno, Deep-house, Tech-house – zu verbinden“, erklärt Baris Sabuncuoglu. Der 31-jährige Architekt ist Teil des Musiker-Trios „Stur und Dumm“, die ihre „Silent Lab Studios“ in Ludwigsburg haben. „Ursprünglich war das unser Proberaum. Wir wollten aber auf einem höheren Niveau produzieren, denn um eine arabische Flöte aufzunehmen, braucht man ein gutes Studio“, sagt Michael Pietzsch. Der 30-jährige Informatiker spielt unter anderem Gitarre. Das Künstlerkollektiv mischt nicht nur Gitarre, Schlagzeug, Bass und Klavier mit elektronischen Klängen, sondern baut auch ethnische Elemente und orientalische Instrumente ein, die sie alle live einspielen. Die, die sie selbst beherrschen, bedienen sie selbst. Für alles andere laden sie Musiker und Sänger ein. „Wir haben dumme Ideen und sind stur. Wenn wir uns etwas in den Kopf gesetzt haben, sind wir nicht mehr davon abzubringen“, sagt Sabuncuoglu und lacht.

Dies ist jedoch nicht nur auf den zum Studio ausgebauten Proberaum in der Leonberger Straße zu beziehen, sondern auch auf ein Projekt, das mit Fug und Recht als Herzensangelegenheit der drei Musiker bezeichnet werden kann.

„2014 nahm sich ein guter Freund das Leben. Daraufhin schrieben wir einen Song darüber. Das ist unsere Art und Weise, das zu verarbeiten. Wir sind Musiker“, sagt Sabuncuoglu. „Screaming silence“ (Schreiende Stille) war der Titel dieses Song – oder besser gesagt dieser Songidee. Er blieb unvollendet. Bis 2017 erneut ein Freund der Band sich das Leben nahm. „Wir wollten diesen Song im Rahmen etwas Bedeutsameren und Größeren veröffentlichen“, sagt Pietzsch. Die Idee: Neben Song und Musikvideo wollen die Musiker eine ganze Kampagne mit Infotag auf die Beine stellen. Das Thema Depressionen und suizidale Gedanken soll in die Öffentlichkeit getragen werden, um zu sensibilisieren, sagt das Künstlerkollektiv. „Wir sind davon überzeugt, dass man etwas ändern kann. Vielleicht lernen, die Anzeichen einer Depression im näheren Umfeld zu erkennen.“ Doch um einen solchen Tag mit Experten sowie Live-Musik und Video-Vorführung auf die Beine zu stellen, ist ein Budget erforderlich. In diesem Sinne haben „Stur und Dumm“ ein Crowdfunding-Projekt gestartet.

Crowdfunding zur Finanzierung des Projekts

Seit Dezember und noch bis Ende Februar kann über die Crowdfunding-Seite des Künstlerkollektivs gespendet werden. Das erste Ziel ist, 9000 Euro zu erreichen. Damit soll das Musikvideo fertiggestellt werden. Aktuell ist es zu 60 Prozent abgedreht. Der Rest soll im Club Lehmann in Stuttgart gefilmt werden. Das zweite Ziel sind 12 000 Euro, die zur Realisierung der Infoveranstaltung genutzt werden sollen. „Wir wollen das in der größtmöglichen Form auf die Beine stellen“, so die Musiker. Nach Deckung der Kosten für Räume und Redner, werden die Einnahmen der Seelsorge gespendet.

Dringlichkeit erkannt

Das Video zu „Screaming silence“ entstand mit Filmemacher Steffen Böhmer, der selbst auch einen Freund durch Selbstmord verloren hat, wodurch er die Dringlichkeit der Thematik sofort erkannt hat. Mit im Boot sitzt auch Regisseurin Iris Maier. „Das Video ist keine Doku, es ist etwas Artistisches“, sagt Pietzsch. Gedreht wurde an einem sogenannten „Lost place“, einem verlorenen Ort am Rande der kroatischen Stadt Zagreb. Dort wurde vor Jahrzehnten begonnen, ein Uniklinikum zu errichten, da aber die finanziellen Mittel ausgingen, blieb es beim Rohbau. „Das ist ein großes leerstehende Gebäude. Es wirkt wirklich imposant“, sagt der hauptberufliche Architekt Sabuncuoglu. „Die Fassade wurde begonnen, im Innern ist es noch unfertig. Es soll einen unfertigen Gedanken symbolisieren“, sagt Pietzsch. Das mulmige Gefühl, das aufkommt, sei gewollt. „Auch wenn derjenige, der das Video anschaut, unsere Erklärungen nicht hat, spürt jeder dieses Gefühl. Und Gefühle triggern Handlungen“, so der Kornwestheimer weiter. Am Ende des Videos wird auch die Nummer der telefonischen Seelsorge eingeblendet (0800 1 11 01 11), an die sich Betroffene und Beobachter einer Krisensituation wenden können.

Wie das Thema in ihrem Bekanntenkreis ankommt? „Viele reden da nicht so gerne drüber“, sagt Sabuncuoglu. Manche seien davon überfordert. Und doch bekommen die Musiker viel positives Feedback. „Es herrscht hier eine ‚Reiß-dich-zusammen-Mentalität’. Das Bewusstsein fehlt oft, dass es sich bei Depressionen um eine ernstzunehmende Krankheit handelt“, so der 31-Jährige. „Wir versuchen die Menschen mit unseren Mitteln, also der Musik, zu erreichen.“

www.sturunddumm.com

www.startnext.com/screamingsilence

 
 
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