Das neue Schuljahr hat in der vergangenen Woche begonnen. Für die meisten Schülerinnen und Schüler bedeutet dies ein weiteres Jahr Lernen, Spaß mit Schulfreunden und Genießen der Ferien. Aber nicht für alle. Laut Statistischem Landesamt verließen im vergangenen Jahr rund 7500 Schülerinnen und Schüler ohne Abschluss die Schule. Der Anteil der Schulabgänger in Baden-Württemberg entspricht damit 5,3 Prozent. Was machen diese Jugendlichen? Diese Frage beschäftigt derzeit auch die Politik. Unter anderem wird der Vorschlag zu einer digitale Identifikationsnummer diskutiert, einer sogenannten Bildungs-ID, die verhindern soll, dass Schulabbrecher durchs Raster fallen. Kann das helfen?
Landkreis Ludwigsburg „Fehlen begünstigt den Schulabbruch“
Rund fünf Prozent der Schüler verlassen landesweit die Schule ohne Abschluss. Die BZ hat mit Rektoren aus dem Kreis und der Jugendförderung über Gründe und Lösungsvorschläge gesprochen.
Die BZ hat mit Schulleitern verschiedener Schulformen und Akteuren aus der Jugendarbeit darüber gesprochen, was Probleme und was mögliche Lösungen rund um den Schulabbruch sind.
Wenig Probleme am Gymnasium
An Gymnasien gebe es keine wirklichen Schulabbrecher, erklärt Nicole Stockmann, Schulleiterin des Gymnasiums I der Ellentalgymnasien in Bietigheim-Bissingen. In der Unter- und Mittelstufe wechseln die Kinder und Jugendlichen die Schulform. Verlassen sie das Gymnasium nach der zehnten Klasse, haben sie automatisch die mittlere Reife und nach der elften Klasse haben sie meist den schulischen Teil der Fachhochschulreife.
Schülerinnen und Schüler, die eine Gemeinschafts-/Werkrealschule oder Realschule verlassen, werden an die Berufliche Schule gemeldet aufgrund der Berufsschulpflicht bis 18 Jahren, sagt Sabine Conrad, Leitende Schulamtsdirektorin des Staatlichen Schulamts Ludwigsburg, und weiter: „Die Jugendlichen unter 18 Jahren, die die allgemein bildende Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen, bleiben demnach dennoch in das Bildungssystem integriert und haben Möglichkeiten, ihre Ausbildung fortzusetzen. Man kann in solchen Fällen nicht von Schulabbrechern sprechen.“
„Wir haben keine Schulabbrecher in den letzten Jahren gehabt“, sagt auch Bernhard Dietrich, Schulleiter der Gemeinschaftsschule (GMS) am Sonnenfeld in Sachsenheim. Einen Anstieg der Schulabbrecherquote, wie sie bundesweit in den letzten Jahren zu beobachten war, könne er für die GMS in Sachsenheim nicht bestätigen. „Wir begleiten unsere Schüler und Schülerinnen sehr engmaschig, mit 14-tägigen Coaching und binden zwei Mal im Jahr hierzu auch die Eltern ein. Dabei schaffen wir eine tolle Beziehungsebene.“
Sollte der Wunsch bestehen, die Schule zu verlassen, würden Gespräche über Gründe, Wünsche und Bedürfnisse geführt. Zudem sei der Schule wichtig, dass die Jugendlichen lernen, sich Ziele zu stecken und so Planungskompetenz zu erreichen, um für ihr Lernen und Leben selbst Verantwortung zu übernehmen. „Wer eine Perspektive hat, wird sich eher um einen guten Schulabschluss und Bildung bemühen“, meint Dietrich.
Ein ganz anderes Bild zeichnet Stefan Ranzinger, Schulleiter des Beruflichen Schulzentrums Bietigheim-Bissingen. „Rund 200 Schüler und Schülerinnen haben im vergangenen Jahr die Schule abgebrochen. Das sind etwa zehn Prozent der Gesamtschülerschaft.“ Der BSZ-Schulleiter teilt mit, dass es die größte Abbrecherquoten mit jeweils 25 Prozent im einjährigen Berufskolleg und in der einjährigen Berufsfachschule gebe. Im Technischen Gymnasium wiederum brachen im vergangenen Jahr elf von 130 (acht Prozent) ab und im WG 21 von 176 (zwölf Prozent). Beweggründe seien vor allem ein geringes Durchhaltevermögen, eine zu lockere Einstellung zur Schulbesuchspflicht und fehlendes Pflichtbewusstsein, so der Schulleiter. Aber auch die Tatsache, dass es zu einfach sei, einen Bildungsgang abzubrechen. „Man hört einfach auf“, sagt Ranzinger und ist überzeugt: „Häufiges Fehlen begünstigt den Schulabbruch.“
Schulabsentismus sei für ihn das Hauptproblem, das angegangen werden müsse. Er wünscht sich von der Politik diesbezüglich hartes Durchgreifen. „Wir brauchen Sanktionen“, sagt er und schlägt vor, bei zu vielen Fehlstunden das Kindergeld zu kürzen. Die Schulbesuchspflicht müsse konsequenter eingefordert und Fehlverhalten abgemahnt werden. „Das viele Schwänzen frustriert die Pädagogen und die Eltern sind oft unwissend oder tolerieren es einfach“, beklagt er.
An Hilfsangeboten für Jugendliche, die mit dem Gedanken spielen, abzubrechen, mangele es nicht. Es gebe Schulsozialarbeiter, Beratungs- und Klassenlehrer sowie Begleiter bei der Ausbildungsvorbereitung (AV-Dual), die proaktiv auf die Jugendlichen zugehen. Außerdem gebe es außerhalb der Schule weitere Angebote etwa vom Arbeitsamt oder der IHK. „Es gibt so viele Stützangebote wie noch nie“, sagt Ranzinger. Allerdings scheint das das Problem nicht zu lösen.
Doppelt so hohe Abbruchquote
Die Schulabbrecherquote habe sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt – von fünf auf zehn Prozent. „Das ärgert mich richtig“, so der BSZ-Rektor. Vor allem im Bereich Verkauf/Einzelhandel gebe es eine überdurchschnittlich hohe Abbrecherquote. Die erwähnten Berufsgymnasium-Abbrecher verlassen die Schule nach der zwölften Klasse und erlangen so die Fachhochschulreife ohne eine Prüfung abzulegen. „Das ist zu leicht“, sagt Ranzinger und berichtet von einer Abbrecherquote von zwölf Prozent auf dem Wirtschaftsgymnasium.
Janina Müller ist die stellvertretende Leiterin von „Das Netz – Jugendförderung Bietigheim-Bissingen“ und Fachbereichsleitung der Schulsozialarbeit. Schulabbrüche seien in ihrem Wirkungsbereich selten, sagt sie, der Schulabsentismus sei aber deutlich angestiegen. Die Gründe seien nach ihren Erfahrungen jedoch andere als der BSZ-Leiter beobachtet hat: „Psychische Probleme sind die häufigste Ursache“, sagt sie. Ängste, Sozialphobien, Depressionen, Traumata – die Liste sei lang. Leider auch die Warteliste bei Psychologen. „Psychologische Betreuung kann die Schulsozialarbeit aber nicht leisten.“ Betroffene müssten aber behandelt werden, um wieder schulfähig zu sein.
„Das Netz“ biete Schulschwänzern verschiedene Hilfen an und vermittle an Stellen wie die Schulwerkstatt „Pepp“ oder an das Projekt „Oktopus“. Beide Stellen helfen bei der Wiedereingliederung von Schulverweigerern. „Wir machen auch Hausbesuche und sprechen mit den Eltern“, sagt Müller. Zumeist seien diese kooperativ und dankbar. Ziel sei, herauszufinden, woran der Widerwille, zur Schule zu gehen, liegt. „Mal ist es ein zu langer Schulalltag, der überfordert, mal die Angst vor einem bestimmten Fach.“ Manchmal helfe es, temporär die Stundenanzahl zu reduzieren. Auch gebe es die Möglichkeit, sich vom Schularzt eine Weile krank schreiben zu lassen, wenn es psychisch nicht gehe. Die Pandemie habe ihren Teil zu den häufiger gewordenen Ängsten beigetragen, sagt Müller. „Es ist aber auch oft eine fehlende Zukunftsperspektive.“
Wie sinnvoll ist die mögliche Einführung einer Bildungs-ID?
Nicole Stockmann, Ellentalgymnasien Bietigheim-Bissingen: „Grundsätzlich denke ich, es ist im Sinne der bestmöglichen Unterstützung, wenn der Übergang zwischen den Schularten möglichst reibungslos verläuft. Nur so können die Lernenden an der neuen Schule von Anfang an bestmöglich unterstützt werden.“ Ob das jedoch versetzungsgefährdeten Schülern gezielt helfen könne, wisse sie nicht. „Natürlich soll jedes Kind neu beginnen und sich entwickeln können.“ Persönlich bedauere sie jedoch, dass alle gesammelten Erfahrungen der Lehrkräfte beim Übergang von der Grundschule an die weiterführende Schule verloren gehen.
Zahlen, Daten, Fakten zu Schulabgängern, Schulartwechslern und Abschlüssen
Das Statistische Landesamt veröffentlicht Zahlen zu Schulabbrechern und Schülern, die die Schulform wechseln. Die neuesten Zahlen für den Landkreis Ludwigsburg beziehen sich auf das Schuljahr 2022/23.
