Landkreis Ludwigsburg Kinderschutz: Hinsehen und handeln

Von Walter Christ
Tamara Drittenpreis an ihrem Arbeitsplatz im Landratsamt Ludwigsburg. Foto: /Oliver Bürkle

Im Interview mit der BZ spricht Tamara Drittenpreis von der Koordinationsstelle für Kinderschutz und Frühe Hilfen des Kreises Ludwigsburg über den Schutzauftrag, Sensibilisierung und was zu tun ist, bei einem Verdacht.

Laut Statistik gibt es in Deutschland pro Tag rund 50 Fälle von Kindesmissbrauch. Andere Gewalttaten und Dunkelziffern erst gar nicht berücksichtigt. Betroffen sind davon auch Vereine. Das Potenzial an Schutz und Prävention, das Hinsehen, Wahrnehmen und Reagieren ist dort offensichtlich noch verbesserungsfähig, wie Tamara Drittenpreis weiß. Die Diplom-Sozialpädagogin ist bei der Koordinationsstelle für Kinderschutz und Frühe Hilfen des Landkreises primär für den Kinderschutz in Vereinen zuständig. Im Interview mit der BZ spricht sie über ihre Arbeit.

Frau Drittenpreis, was sind die Arbeitsschwerpunkte dieses Amtes?

Wir machen zum einen die übergeordnete Koordination der Frühen Hilfen im Landkreis. Dazu gehören der Austausch und die Vernetzung der Angebote, die Schulung der Willkommensbesucher sowie die Durchführung von Austauschtreffen und Thementagen für die Willkommensbesucher. Zudem initiieren wir ein Netzwerktreffen der Frühen Hilfen und alle zwei Jahre einen Fachtag.

Zum anderen haben wir unterschiedliche Aufgaben im Bereich des Kinderschutzes. Dazu gehören die Vereinbarungen zum Schutzauftrag, die Auswahl, Begleitung und Koordination der Insoweit Erfahrenen Fachkräfte (IEF) im Landkreis. Wir organisieren Schulungen zum Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdungen für Kita-Mitarbeitende und Beschäftigte in der offenen Jugendarbeit und der Schulsozialarbeit. Auch für den Abschluss der Vereinbarungen mit den Vereinen und Verbänden mit Kindern und Jugendarbeit sind wir zuständig.

In diesem Bereich bieten wir Infoveranstaltungen zum Thema Kinderschutz im Verein und der verbandlichen Jugendarbeit an und planen zukünftig auch Schulungen für diese Zielgruppe anzubieten. Zudem wirken wir in unterschiedlichen Arbeitskreisen und Runden Tischen zu beiden Themenfeldern im Landkreis mit.

Wie ist der Trend: Nehmen die Probleme, Vorfälle eher zu? Wie viele Fälle pro Jahr sind das im Landkreis?

Dazu können wir keine Aussage treffen, da die Fälle uns nicht gemeldet werden müssen. Grundsätzlich kann man sagen, dass die Gesamtbevölkerung sensibler geworden ist und häufiger im Kinderschutz hingeschaut wird, was wiederum auch zu höheren Meldungszahlen führt. Besonders im Bereich der Vereine habe ich das Gefühl, dass es früher nur wenig Bewusstsein gab, dass manche Verhaltensweisen eine Grenzüberschreitung darstellen können. Erst durch das Bewusstmachen und die Sensibilisierung in diesem Bereich entsteht ein anderer Umgang damit und werden kritische Fälle auch aufgedeckt.

Sind die Opfer eher Buben oder Mädchen? Von welcher Altersgruppe reden wir?

Beide Geschlechter sind gleichermaßen mögliche Opfer und auch die Altersgruppe lässt sich nicht wirklich konkretisieren. Zudem spielt der Charakter der Kinder und Jugendlichen ebenfalls eine Rolle. Opfer kann grundsätzlich jeder werden. Gerade deshalb ist es so wichtig, die Kinder zu stärken, ihnen eine Vertrauensperson zur Verfügung zu stellen, sich im Verein mit möglichen Risiken und der Abwendung davon zu beschäftigen, Maßnahmen zu ergreifen, wachsam zu sein und eine Kultur zu schaffen, in der Kinder gut und sicher groß werden können.

Das von Ihnen kürzlich beim Stadtverband für Sport in Bietigheim-Bissingen erläuterte Thema „Erweitertes Führungszeugnis“ – ist das ganz aktuell und besonders relevant?

In vielen Berufsgruppen müssen solche Führungszeugnisse schon seit vielen Jahren bei der Einstellung und dann spätestens alle fünf Jahre wieder vorgelegt werden. Das betrifft zum Beispiel auch mich selbst.

Mit Einführung des Bundeskinderschutzgesetzes im Jahr 2012 hat der Gesetzgeber dies erstmalig auch für neben- oder ehrenamtlich tätige Personen in Vereinen verbindlich geregelt. Das wiederum sollen die Jugendämter mit den Vereinen über Vereinbarungen festhalten. Wir haben bis heute mit etwa 22 Prozent aller Vereine und Verbände im Landkreis eine solche Vereinbarung abgeschlossen. Nach Abschluss der Vereinbarung mit uns erhält der Verein ein Qualitätsmerkmal Kinderschutz verliehen. Damit wollen wir deutlich machen, dass dieser Verein sich mit dem Thema Kinderschutz beschäftigt und er sich dafür zu entsprechenden Kriterien verpflichtet, durch die Kinder in diesem Verein sicher aufwachsen können sollen. Die Führungszeugnisse sind das, was der Gesetzgeber verbindlich regeln konnte. Gleichzeitig finde ich wichtiger, dass die Vereine sich innerhalb mit dem Thema beschäftigen, schauen, wo sind kritische Aspekte für Kinder und offensiv umsetzen, dass Kinder im Verein geschützt sind.

Es wird nie eine hundertprozentige Sicherheit geben, dass in einem Verein nichts passieren kann. Das kann trotz aller Maßnahmen dennoch sein und ich möchte hier auch keine falsche Sicherheit vermitteln. Gleichzeitig kann eine gute Prävention dafür sorgen, dass man das Risiko minimiert und diese Möglichkeiten sollten genutzt werden.

Wie reagiert die Bevölkerung: Machen Vereine beim verstärkten Schutz der Kinder mit oder ist das eher zäh oder gar enttäuschend?

Grundsätzlich sehen viele Menschen in der Bevölkerung die Notwendigkeit, dass Kinder geschützt werden sollen und sind dafür auch bereit, etwas zu tun. Vereinzelt gibt es Bedenken, dass Ehrenamtliche abgeschreckt werden, wenn sie ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen sollen und von daher eher von einem Ehrenamt absehen. Diese Sorge wird durch viele Vereine, die die Einsichtnahme in die Führungszeugnisse bereits umsetzen, nicht bestätigt. In den Vereinen sind viele ehrenamtliche Personen tätig und diese haben ohnehin bereits viel zu bewältigen.

Von daher ist mein Erleben, dass die Notwendigkeit gesehen wird, es aber Zeit zur Umsetzung benötigt und dadurch manche Prozesse vielleicht etwas länger dauern. Gleichzeitig ist Kinderschutz ein Thema, was immer präsent bleiben sollte und es ist ohnehin nicht damit getan, dass man einmal die Vereinbarung mit uns unterzeichnet und danach verschwindet sie in einer Schublade und das war’s.

Viel wichtiger sind der alltägliche Umgang mit dem Schutz der Kinder und das Immer-Wieder-Vergegenwärtigen. Von daher finde ich es auch legitim, wenn die Prozesse zur Erarbeitung länger dauern. Wichtiger ist, dass das Thema überhaupt als wichtig angesehen wird und Raum bekommt, um für die Kinder einen Schutzraum im Verein entwickeln zu können.

Was sollte in Verdachtsfällen am besten getan werden?

Das Wichtigste ist meines Erachtens das Hinsehen und Wahrnehmen. Im nächsten Schritt sollte man sich Unterstützung aus dem eigenen Verein holen.

Um zu einer besseren Einschätzung kommen zu können, dürfen alle ehrenamtlich Tätigen auch jederzeit eine unserer Insoweit Erfahrenen Fachkräfte (IEF) zur Beratung kontaktieren. Diese IEFs sind im Kinderschutz besonders geschulte Fachkräfte und beraten den Fall anonym mit den Anfragenden, sodass eine Einschätzung vorgenommen werden kann, ob weiterer Handlungsbedarf besteht oder nicht. Die IEF erarbeitet zudem mit den Anfragenden die weiteren Handlungsschritte. Die Kontaktdaten der IEFs findet man bei uns auf der Homepage.

Die Beratung durch die IEFs ist für die Anfragenden kostenlos und niederschwellig, die Abrechnung erfolgt über uns durch die IEFs. Sollte ein sofortiges Handeln erforderlich sein, können der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) im Landratsamt kontaktiert werden oder die Polizei.

Vielen Dank für das Gespräch.

Info zur Koordinationsstelle im Landratsamt Ludwigsburg

Die Koordinationsstelle für Kinderschutz und Frühe Hilfen in der Hindenburgstraße 40 in Ludwigsburg gibt es in dieser Form seit 2017. Momentan arbeiten dort zwei Personen.

 
 
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