Landkreis Ludwigsburg Schwimmfähigkeit sinkt auch im Kreis

Von Bigna Fink
Sie haben vor zwei Jahren im Bönnigheimer Mineralfreibad erfolgreich ihr Seepferdchen-Abzeichen erworben: die Zwillinge Sophie(links) und Emilia. Rechts: Diana Bausch vom DLRG-Team. Foto: /Martin Kalb

Die Zahl der Badeunfälle in Deutschland steigt. Ein Überblick über bisherige Vorfälle in der Region und wie Experten aus dem Kreis Ludwigsburg die derzeitige Lage einschätzen.

Die Zahl der Ertrunkenen steigt seit Jahren in Deutschland, vor allem in den Binnengewässern. 2025 starb im Kreis Ludwigsburg in den Flüssen und Seen bislang kein Mensch durch Ertrinken. Einen tödlichen Badeunfall gab es in der Region aber doch, und zwar, als Mitte Juni ein 16-Jähriger im Schwimmbecken des Mundelsheimer Freibads einen medizinischen Notfall erlitt und unterging. Im August ereignete sich ein Bootsunfall auf dem Neckar in Benningen, nachdem ein Motorboot gekentert war. Eine 42-jährige Frau wurde von Zeugen aus dem Fluss gerettet, ihr Hund dagegen ertrank.

Wie beurteilen Experten die Schwimmfähigkeit der Menschen in der Region?

Weniger Kinder schwimmfähig

Janine Schmitt ist Vorsitzende der Bietigheim-Bissinger Ortsgruppe der DLRG (der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft). Sie hat es selbst einmal bei einem Ausflug mit einem Freund in einem erdigen Tümpel erlebt: Er bekam im Wasser einen Krampf und wenn sie ihn nicht gerettet hätte, wäre er untergegangen. „Das Ertrinken kann ganz schnell gehen,“ warnt Schmitt. Gefährlich wird es in Seen und vor allem in Flüssen, wenn Leute sich überschätzen, überhitzt sind, nicht gut schwimmen können und die Abgründe und Strömungen nicht kennen. „Für mich schwer vorstellbar, unter solchen Bedingungen ins Wasser zu gehen.“

Luca Watzer ist Chef-Bademeister des Mineralfreibads Besigheim und sagt: „Wir bemerken seit den Corona-Jahren verstärkt, dass immer weniger Kinder und Jugendliche schwimmen beziehungsweise sicher schwimmen können.“

Auch Michael Bertet, Vorsitzender des Schwimmvereins (SV) Bietigheim beobachtet: „Seit Corona und auch schon davor hat die Schwimmfähigkeit rapide abgenommen.“ Die Körperspannung bei den Kindern habe sehr nachgelassen, ist Bertets Eindruck, der in der Waldschule Bissingen als Sekundar- und Grundschullehrer tätig ist. Warum das so ist, das kann er nur vermuten. Es kann sein, dass beide Elternteile aufgrund von viel Arbeit weniger Zeit haben, um mit den Kindern in die Bäder zu gehen. Es gebe auch kulturelle Aspekte, etwa, dass die Eltern selbst nicht schwimmen könnten, weil sie es in ihren Herkunftsländern nicht gelernt hätten und es dort keine Schwimmtradition gebe. Die gestiegenen Preise in den Schwimmbädern oder auch die gesunkene Wassertemperatur aus Spargründen mag manche vor einem Bäderbesuch abschrecken, zählt Bertet weitere Gründe auf.

Mit fünf Jahren beginnen

Ab etwa fünf Jahren seien die meisten Kinder bereit für den Schwimmunterricht. „Es ist wichtig, dass die Kinder spätestens mit sechs Jahren mit dem Schwimmen anfangen“, so Janine Schmitt von der DLRG Bietigheim-Bissingen. Sie erlebe immer mehr, dass selbst Zehn- und Elfjährige nicht schwimmen könnten. „Die Anzahl der Nichtschwimmer bei Drittklässlern nimmt deutlich zu“, bestätigt Michael Bertet.

Die DLRG und der SV Bietigheim bieten regelmäßige Schwimmkurse für Kinder an. Dreimal im Jahr in den Ferien gibt es von den beiden Vereinen in Kooperation Kompaktschwimmkurse für Kinder im Hallenbad Bissingen mit dem Ziel des ersten Schwimmabzeichens, dem Seepferdchen.

Kurse sind schnell ausgebucht

Die DLRG Bietigheim-Bissingen bietet auch Erwachsenen-Schwimmkurse an. „Durchschnittlich haben wir 1000 Kursplätze pro Jahr für Schwimmkurse“, so Schmitt. „Beim Erwachsenen-Schwimmkurs brauchen Leute mit Erfahrung circa einen Kurs, andere die vielleicht ängstlicher sind, benötigen zwei Kurse.“ Sportliche Kinder beziehungsweise diejenigen, die Wassererfahrung mitbringen, wären nach zwei Wochen schwimmfähig. „Aber die Eltern müssen mit ihren Kindern dranbleiben und üben.“ Ein zweiter Kurs lohne sich, für mehr Sicherheit im Wasser.

Die Kurse, auch die für Erwachsene, seien relativ zügig ausgebucht. Einkommensschwache Familien, also Menschen mit Familienpass, erhielten dank einer Förderung der Wiedeking-Stiftung 50 Prozent Rabatt auf die Kurse, auch die Geschwisterkinder, wie Schmitt informiert.

„Wir in Bietigheim-Bissingen haben ja das Glück, zwei Hallenbäder zu haben für die Kurse, da sieht es in anderen Kommunen schlechter aus“, sagt Schmitt. So wird etwa in Asperg das Lehrschwimmbad nach einem Beschluss von 2024 abgerissen. „Das ‚Bädersterben’ summiert sich landesweit und wir dürfen einen möglichen Dominoeffekt nicht außer Acht lassen – beim Nachwuchs, Schwimmfertigkeiten, Ausbildung und Auffrischung von Qualifikationen, zunehmenden Personalmangel, Öffnungszeiten von Bädern, der Sicherheit am und im Wasser“, teilt Carsten Blind von der DLRG Asperg auf deren Webseite mit. Und weiter: „Vor allem für viele Kinder, die schwimmen lernen möchten, fehlt es an Angeboten. Ganze Jahrgänge sind aufgrund der Pandemie bereits ins Hintertreffen geraten.“

Im Umkreis von Bietigheim-Bissingen, also in Sachsenheim, Kirchheim und Freiberg gibt es jeweils noch ein Hallenbad, in dem Schwimmkurse stattfinden. Schüler aus Bönnigheim und Besigheim sind auf umliegende Bäder angewiesen.

Was fehle, seien Sportlehrer, bedingt auch durch den Lehrermangel, die die Zusatzausbildung zur Rettungsfähigkeit machen. „Manche trauen sich auch nicht mehr, mit den Schülern ins Wasser zu gehen, da sie die Verantwortung tragen für das Wohl der Kinder, und es ihnen alleine zu riskant ist.“ Es brauche zudem dringend mehr Aufsichtspersonen. „Wir versuchen auch die Eltern zu erreichen, die nicht schwimmen können, sie über die Schulen anzusprechen und sie mit Broschüren über die Möglichkeiten zu informieren“, so Bertet.

Spielerisch ans Wasser gewöhnen

Auch in Freibädern gibt es die Möglichkeit, Schwimmen zu lernen, so etwa im Mineralfreibad Besigheim: „Innerhalb der Öffnungszeiten zwischen Mai und Beginn der Sommerferien haben alle Schulen in Besigheim die Möglichkeit, sich bei uns im Freibad anzumelden und zum Schulschwimmen zu erscheinen“, erklärt Bademeister Luca Watzer. Das Angebot werde auch gut angenommen. „Wir Schwimmmeister bieten bei uns im Freibad auch Anfängerschwimmkurse an. Diese sind immer voll“, so der Betriebsleiter.

Aus Sicht des Vorsitzenden des Schwimmvereins Bietigheim sind die Bäder in Bietigheim-Bissingen komplett ausgelastet. „Die Zukunft des Bissinger Hallenbad steht auf der Kippe und auch das Bad am Viadukt ist völlig ausgelastet mit den Schwimmkursen“, so Bertet. Dennoch lässt er die Ausrede mancher Eltern nicht mehr gelten, es gebe zu wenige Schwimmkurse. „Unser Angebot reicht für alle Anfragen“, bestätigt Janine Schmitt. Zusätzlich dazu oder als Alternative gibt es von privaten Schwimmschulen wie „Aquasport Ulfers“ in Bietigheim-Bissingen oder „Chrissys lustige Wasserwelt“ in Sachsenheim und Kirchheim Kurse für Babys, Kleinkinder, Kinder im schwimmfähigen Alter und Erwachsene.

Wichtig sei, dass die Eltern spielerisch an das Thema Wassergewöhnung und Schwimmenlernen mit ihren Kindern herangehen. „Die Initiative muss von den Eltern kommen“, so Bertet, um die Grundfähigkeit zum Schwimmenlernen zu schaffen und auch das Weiterüben nach dem Seepferdchen. Der Bietigheimer Schwimmlehrer nimmt viele Ängste wahr, die Erwachsene und Kinder vor dem Wasser haben.

Gemeinsam im Wasser zu spielen und Wasser als etwas Positives wahrzunehmen seien Grundvoraussetzungen, um sicher schwimmen zu lernen.

 
 
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