Zuletzt habe ich mindestens sechs Lines am Tag gezogen“, berichtet Fabian Milke (Name von der Redaktion geändert). Mit „Line“ meint der 53-Jährige aus dem Kreis Ludwigsburg das Schnupfen einer weißen Linie von Kokainpulver. Ein Gramm pro Tag waren es etwa, die er er konsumierte, dazu Alkohol. 2023 stand er privat vor einem Scherbenhaufen. Milke war Musiker, in der Musikszene sind Drogen allgegenwärtig. So veröffentlichte Anfang 2025 der berühmte Bietigheimer Deutsch-Rapper Bausa die Single Dreck, in der er sich bei seiner Mutter entschuldigt und unter anderem seinen Kokain-Konsum gesteht: „Nase voller Puderzucker, Lunge voller Rauch“ und „Ich wollte nie, dass es so weit kommt“.
Landkreis Ludwigsburg „Sechs Lines Kokain am Tag“
Kein Schnee von gestern: Kokain, die illegale Droge Nummer Eins, ist auch in der Region stark im Umlauf. Ein Ex-Konsument und Suchtberater berichten.
Kokain, die stark stimulierende und euphorisierende Droge aus Cocablättern Südamerikas, ist laut Drogenagentur der EU die meist konsumierte illegale Droge Europas. Auch zählt das weiße Pulver zu den meist konsumierten Drogen weltweit. Es sei etwas altmodisch, Kokain als „Schnee“ oder „weißes Gold“ zu bezeichnen, bemerkt Milke. In der Szene werde es oft „Pulver“ oder „Coca“ genannt oder am Telefon einfach als zum Beispiel „Pizza“ umschrieben.
Größere Verfügbarkeit der Droge
Kokain ist von Jahr zu Jahr stärker im Umlauf. Ende Oktober hat das Bundeskriminalamt (BKA) seinen Bericht zur Rauschgiftkriminalität 2024 veröffentlicht. Demnach ist der aufgedeckte Handel mit synthetischen Drogen und Kokain jeweils im zweistelligen Bereich angestiegen. Immer mehr von dem Pulver wird sichergestellt: Der Fünfjahrestrend von 2020 bis 2024 zeigt einen Anstieg von 45,2 Prozent der Handelsdelikte auf 7098 Delikte mit Kokain in Deutschland.
Die Zahl der aufgedeckten Delikte im Polizeipräsidium Ludwigsburg schwankt jährlich (siehe Infokasten). Häufig liest man in der Zeitung von Verurteilungen von Drogenhändlern in der Region. So wurde ein 34-jähriger Mitte November zu fünf Jahren Haft verurteilt, nachdem er seinen umfangreichen Handel mit Kokain von sehr guter Qualität im Raum Ludwigsburg gestanden hatte. Ein Höpfigheimer Kokain-Dealer wurde im Oktober verurteilt. Auf Drogenverstecke möchte das Dezernat Rauschgiftkriminalität des Polizeipräsidiums Ludwigsburg „aus nachvollziehbaren Gründen nicht näher eingehen.“, so Sprecher Steffen Grabenstein. „Die meisten Funde waren in Fahrzeugen, Wohnungen oder Reisegepäck, bei Körperschmugglern natürlich auch im Körper (Magen, Darm).“
Ex-Konsument Milke und Suchtberater berichten von einer immer größeren Verfügbarkeit der Droge. „Ich habe in den 1990ern begonnen, Kokain zu nehmen, immer in Kombination mit Alkohol“, erzählt er. Damals, als er Bass spielte und sang, dachten er und seine Bandkollegen, „dass Koksen einfach dazu gehört“. Während es zu der Zeit bei Dealern nicht immer diese Droge gegeben habe, sei Kokain spätestens ab 2010 ständig verfügbar, so der 53-Jährige. „Es ist heute viel mehr Kokain auf dem Markt als früher.“
Die Erfahrung deckt sich mit der von Suchtberatern im Kreis. Birgit Schmolke-El Titi leitet die Suchthilfe und Drogenberatung der Caritas in Ludwigsburg. „Wir beobachten, dass Menschen immer leichter an Kokain kommen.“ Die Droge sei längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Alle Altersgruppen seien betroffen. Kokain werde oft auch neben anderen Drogen wie Opioiden und Alkohol konsumiert.
Dies bestätigt auch Henrik Metje. Der 30-Jährige arbeitet als Drogenberater in der Beratungsstelle Chillout, die junge Menschen im Alter bis 26 Jahren mit Suchtproblemen im Kreis Ludwigsburg unterstützt. „Der Kokainkonsum ist bei unseren Klienten zumindest als Beikonsum deutlich mehr geworden in den vergangenen Jahren.“ Vermutlich wegen der Cannabis-Legalisierung verzeichnet sein Team einen Rückgang an Klienten von 92 auf 75 jungen Menschen, die vor allem wegen Kokain zu ihm in die Beratung am Bietigheimer Japangarten kamen.
Das Gramm Kokain, das Ex-Konsument Milke täglich verbrauchte, kostetet vor ein paar Jahren noch um die 80 Euro. „Heute ist es auch aufgrund der großen Menge auf dem Markt für 50 bis 60 Euro zu haben“, weiß Henrik Metje.
Köche, Politiker, Schauspieler
Auch wenn der Stoff billiger geworden ist, bleibt Koks eine teure Droge und ist vor allem in der Leistungsgesellschaft verbreitet. Viele Menschen, wie Köche und Kellner, die die halbe Nacht arbeiten müssten, wären betroffen, so Milkes Erfahrungen mit koksenden Menschen in der Region. Anwälte und Politiker würden koksen und zahlreiche Leute in der Filmbranche, für die er lange Zeit gearbeitet habe. Menschen mit geringerem Gehalt würden sich durch die Droge extrem verschulden.
Kokain wirkt einige Stunden aufputschend. Die Droge steigere die Aktivität des Hormons Dopamin, das Glücksgefühle auslöst, laut Milke um das 700-fache. „Man wird schnell gesellschaftsunfähig, übermäßig egozentrisch, größenwahnsinnig.“ Er sei tagelang ohne Schlaf gewesen, habe danach zwei bis drei Tage am Stück geschlafen. Alkohol konnte er viel mehr trinken, wenn er gleichzeitig Kokain konsumierte.
Hohes psychisches Suchtpotenzial
Auch wenn er Alkohol noch gefährlicher findet, betont Milke die Schädlichkeit von Kokain, und spricht von einem „hohen psychischen Suchtpotenzial.“ Durch das Koksschnupfen hatte er eine ständig laufende und blutende Nase.
Fabian Milke ging es nach jahrzehntelangem Kokain- und Alkoholkonsum „richtig dreckig“, seine Familie drohte daran zu zerbrechen. Es sei eine sehr starke Belastung vor allem für seinen Sohn und seine Frau gewesen, auch für seine Freunde. „Man reißt alle um sich herum mit rein.“ Sein Umfeld habe ihm bewusst gemacht, wie schlecht es ihm geht. „Mein großes Glück ist, dass niemand von meinem Umfeld sonst Drogen nimmt,“ sonst sei der Entzug viel schwerer gewesen. Seit Anfang 2024 hat er vier stationäre Entgiftungen erfolgreich hinter sich, ist seither in Langzeittherapie und nüchtern. In Ludwigsburg geht er in die Selbsthilfegruppe „Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe“. Er fühle sich soweit stabil und rät jungen Menschen davon ab, „alles ausprobieren zu wollen. Der Schaden steht nicht im Verhältnis zum Kokainrausch.“ Man müsse nicht jeden Fehler mit machen.
Im Kreis Ludwigsburg sind 2024 laut des Polizeipräsidiums sowohl die Zahlen an Handels- als auch an Erwerbs- und Besitzdelikten mit Kokain im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. So gab es 90 Besitz- und Erwerbstaten, eine Steigerung um rund zehn Prozent. Allerdings waren die Zahlen in den Corona-Jahren 2020 und 2021 mit 108 und 93 Fällen noch höher. In den fünf Jahren zuvor wurden deutlich weniger Kokainbesitzer entdeckt, durchschnittlich etwa 47 Personen.
In Baden-Württemberg ist laut Landeskriminalamt seit 2019 ein stetiger Anstieg an erfassten Delikten von Besitz und Erwerb der Droge zu verzeichnen und zwar von 269 Fällen pro 100 000 Einwohner auf 392 Fällen 2024.
Eine Abwasseruntersuchung auf Drogenrückstände, in Auftrag gegen von der EU-Drogenbehörde EUDA ergab Im Vergleich der für Deutschland untersuchten Großstädte landet Stuttgart 2024 vor München auf Platz drei hinter Hamburg und Dortmund. Deutschlands Drogenhotspot Nummer eins, Berlin, hat bei der Studie nicht mitgemacht.
